8. Juni 2016

Rezension [Klassiker]: "Nora. Ein Puppenheim" von Henrik Ibsen


Titel: Nora. Ein Puppenheim
Autor: Henrik Ibsen
Verlag: u.a. Reclam
Preis: 0,00€ kindle Version
Seiten: ca. 100

Jedes Stück, das man sich auf der Bühne ansieht, ist eine Interpretation des Stoffes. Diese These ist schwer zu wiederlegen, denn jeder Regisseur interpretiert den Text schon allein durch Kostüme und Bühnenbild, genauso wie jeder Schauspieler allein durch Lautstärke und Artikulation seine Rolle interpretiert. Um ins Theater zu gehen, muss man das Stück nicht kennen. Es sei denn, die Inszenierung ist so abgedreht, dass man sie ohne das Original nicht kennt. 
Lange Vorrede: Im Rahmen eines Seminars wird mein Kurs sich das Stück „Nora. Ein Puppenheim“ von Henrik Ibsen ansehen. Und weil wir mit einer abgedrehten Inszenierung rechnen, mussten wir uns den Text zu Gemüte führen. „LANGWEILIG!“, habe ich gedacht. Aber okay, ein Drama kann man sich schnell durchlesen. Anfangs wurde meine Meinung mehr als bestätigt, aber was sich Herr Ibsen besonders zum Ende hin hat einfallen lassen, ließ mich tief beeindruckt zurück.

Inhalt



Nora ist lebensfroh und naiv. Die junge dreifache Mutter singt und tanzt den ganzen Tag und macht ihrem Ehemann, der in nächster Zeit Bankdirektor wird, eine große Freude damit. Um nichts als die schönen Dinge im Leben scheint sich das Frauenzimmer Sorgen zu machen und die ernsten Angelegenheiten überlässt sie der Männerwelt. Doch sie gerät in eine missliche Lage. Vor ein paar Jahren handelte sie nicht ganz rechtens, um ihren Mann zu retten. Sie lieh sich eine große Summe Geld und muss diese nun zurückzahlen. Doch das kann sie nicht und es kommt noch schlimmer. Vom gesellschaftlichen Ausschluss bedroht, verstrickt sie sich in die Machenschaften des gedemütigten Krogstadt und steht so vor einer schweren Entscheidung, die ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändern wird.

Meinung


Bei „Nora. Ein Puppenheim“ handelt es sich um ein dreiaktiges Drama aus dem Jahr 1879. Henrik Ibsen war mir kein Unbekannter, da ich bereits im Abitur ein anderes Stück von ihm lesen musste. Schon damals wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass „Nora“ das weitaus berühmtere Stück ist. Dies konnte ich zu Anfang überhaupt nicht verstehen. Wir haben es hier mit ein relativ klassischen Drama zu tun. Es gibt eine Einheit von Ort, Handlung und Zeit, was deutlich macht, dass es für die Bühne konzipiert wurde. Es gibt eine überschaubare Menge an Charakteren. Im Mittelpunkt steht die naive Nora. Sie geht dem Leser mehr als nur auf die Nerven. Sie ist ein Nichtsnutz und von relativ simpler Natur. Man traut ihr nicht einen ernsten Gedanken zu. Sie ist vernarrt in ihre Kinder und spielt einfach sehr gern. Ihr Ehemann Torvald liebt sie sehr. Nora ist der Sonnenschein seines Lebens und er empfindet wahre Freude an ihr. Die Kinder der beiden spielen keine große Rolle, ebenso wenig wie die Haus- und Kindermädchen. Der Doktor Rank hat eine Nebenrolle und Herr Krogstadt und Frau Linde sind noch von Bedeutung. Nora steht in Krogstadts Schuld, weshalb genau, ist hier nicht von Bedeutung. Er scheint ein fieser und verbitterter Charakter zu sein. Frau Linde ist Noras Freundin aus alten Tagen. Sie scheint charakterstark und tüchtig. Somit entwickelt sich ein relativ gegensätzliches Bild an Figuren. Zur genauen Konstellation muss nicht viel gesagt werden, da es ansonsten die Handlung stark verrät.
Der erste und zweite Akt bauen die Katastrophe auf und sind somit relativ langatmig. Ich hatte ein völlig anderes Ende erwartet, wie ich gestehen muss. Während ich die ersten zwei Drittel des Buches nur wiederwillig las, konnte mich der dritte Akt regelrecht packen. Nora „entpuppt“ sich als etwas völlig anderes, als jeder erwartet hat. Der Untertitel „Ein Puppenheim“ wird endlich deutlich und Ibsen gibt dem Leser mit dem dritten Akt mehr als nur eine Interpretationshilfe des Vorangegangenen. Ich war wirklich einfach nur beeindruckt. Ich persönlich rechnete mit dem Selbstmord von Nora, was einfach zu vorhersehbar gewesen wäre. Was diese Frau aber tut, ist für die damalige Zeit einfach undenkbar und ein wahrer Akt der Emanzipation. Das ganze Stück über habe ich Nora verabscheut und verurteilt und erst in den letzten Szenen hat sie sich meinen Respekt mehr als verdient. Ich kam aus dem Markieren von Zitaten gar nicht mehr heraus. Doch diese müsste man im Zusammenhang lesen, um genauso beeindruckt zu sein, wie ich. Ich werde mich noch ein bisschen damit beschäftigen müssen, wie Ibsen zu solch einer Idee im ausgehenden 19. Jahrhundert kam und auch wie das Publikum reagierte. Ich empfinde es als sehr mutig, wenn auch grausam auf einer anderen Ebene. Sprachlich ist das Stück übrigens okay. Es lässt sich fließend lesen, ist aber nun einmal ein Drama. Das heißt man muss mit Nebenbtext und einem anderen Stil rechnen. Vor allem am Ende haut Ibsen aber ein Glanzzitat nach dem nächsten raus.

Fazit




Alles in allem hat mich „Nora. Ein Puppenheim“ mehr als überrascht. Ibsen hat hier seine ganze Kunstfertigkeit unter Beweis gestellt, indem er das Stück so enden lässt. Der Titel gefällt mir für dieses Drama wahnsinnig gut und ich muss sagen, dass es wirklich lesenswert ist. Es ist ein früher Akt der Emanzipation, der auch sprachlich glänzen kann. Ich hätte selbst nicht damit gerechnet, doch ich vergebe gerne 4 Spitzenschuhe. 




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