27. Juni 2016

[Universität:] Ist Lesen eigentlich Bildung? Persönliche Prüfungsvorbereitungen und andere Geschichten


Hallo ihr Lieben :)


Heute möchte ich mit euch ein paar Gedanken teilen. Grundsätzlich nichts Neues, aber thematisch begebe ich mich doch in eine ungewohnte Richtung. Morgen habe ich meine allerletzte große Uni-Prüfung. Schon allein das ist beängstigend. Noch beängstigender wird es aber, wenn man während der Prüfungsvorbereitung merkt, dass das Thema tatsächlich irgendwie relevant ist. Ungewohnt...zumindest in meinem Studiengang. Für die, die es nicht wissen: Ich studiere Deutsch und Geschichte auf Lehramt, befinde mich im 10. Semester und nach der kommenden Prüfung liegen lediglich eine unbedeutende Hausarbeit und meine Masterarbeit (,die wohl leider weniger unbedeutend sein wird) noch vor mir. Im Masterstudiengang ist es leider so, dass die Erziehungswissenschaften immer entscheidender werden (im Gegensatz zu den Fachwissenschaften, die immerhin zumeist Spaß machen: Stellt euch hier vor, ihr dürft euch mit Literatur beschäftigen und in EW geht es dann darum, wie ungerecht das ganze Leben ist [LANGWEILIG!] - nur so für eure Vorstellung). Man bildet uns nun also als tatsächliche Lehrer/innen (wir wollen hier mal bei wissenschaftlichen Gender-Standarts bleiben) aus. Was übrigens auch Zeit wurde. 
Meine aktuelle Dozentin ist wahnsinnig gut. Die erste, bei der ich EW-Vorlesungen manchmal aufgepasst habe. Vielleicht liest die gute Frau diesen Eintrag ja noch, also: Kompliment, Frau Jergus! Dennoch war das Prüfungsthema nicht ganz leicht: Wir durften uns nämlich etwas aussuchen. Das klingt nett, ist aber doch relativ hart, wenn man den gesamten erziehungswissenschaftlichen Kosmos zur Verfügung hat. Grrr... Aber so kommen wir immerhin zum Thema:



Was ist für euch eigentlich Bildung?


Denn letztendlich ist das so die zentrale Frage meiner Prüfung geworden. Euch mit dem ganzen Theoriegedöns zu langweilen, wäre eher zwecklos (und eben auch langweilig), deshalb beschränke ich mich auf ein Minimum (, was hoffentloch nicht zu lang wird). Denn wie ich ja sagte - so richtig schlimm wird es beim Lernen erst, wenn man es irgendwie selbst als sinnvoll erachtet :D


(Exzerpieren macht Spaß, nicht wahr?!)

Was ist Bildung?

Ich muss zugeben, dass ich über die Definition von "Bildung" nie so richtig nachgedacht habe. Ist halt so ein Begriff, der sich in unserem Wortschatz etabliert hat. Es gibt ihn ja auch wie Sand am Meer. Stellt euch nur mal all die verschiedenen Gebrauchsweisen vor: Bildungswesen, Allgemeinbildung, Gruppenbildung, Einbildung....wer soll sich da noch eine Meinung bilden können? (Achtung, Wortwitz).
Alle Leute, die ich befragt habe, sagten mir, dass Bildung eigentlich immer etwas mit Schule zu tun hat - dass es um Wissen geht, das vermittelt werden soll. Andere fügten noch hinzu, dass man aber auch selbst Dinge lernt, die dann zur Allgemeinbildung gehören. All das finde ich ziemlich einleuchtend und vielleicht würdet ihr das ja auch so sehen?
Völlig falsch! Wenn man einen Blick in wissenschaftliche Literatur wirft, dann ist das alles irgendwie ganz anders. Ha! Wäre ja auch gelacht, wenn es mal einfach sein könnte ;) 

Bildung hat keine Definition.

Es gibt zu viele Bedeutungen und Verwendungen, als dass man sagen könnte "DAS ist Bildung!" Es handelt sich vielmehr um ein riesiges und komplexes Konstrukt, das je nach Interpretation variiert. Aber halt: Wissensaneignung ist schon ein wichtiger Bestandteil. Doch zentral ist das Ich. Das Selbst, wenn man so will. In meiner Prüfung setze ich mich mit drei verschiedenen Bildungstheorien auseinander. Zwei der werten Herren dürftet ihr kennen: Platon, Wilhelm von Humboldt und Hans-Christoph Koller. Letzterer ist wohl den wenigsten ein Begriff (und ganz ehrlich: Wenn ihr euch nicht grade mit transformatorischen Bildungsprozessen auseinandersetzen wollt, müsst ihr den Mann auch nicht kennen). Alle drei Theoretiker haben ganz nette Sachen in Zusammenhang mit Bildung geschrieben. Denn Achtung: Bildung ist Arbeit am Selbst! Oh ja, liebe Freunde. Für Humboldt ist es beispielsweise die Wechselwirkung zwischen dem Ich und der Welt (quasi dem Ich und dem Nicht-Ich), die Begegnung mit dem Neuen. Bei Platon (vielleicht sagt dem ein oder anderen das "Höhlengleichnis etwas - wenn nicht, auch nicht so tragisch. In der 11. Klasse dachte ich immer, es würde "Höhengleichnis heißen, weil ich nun wirklich nicht verstand, was Bildung mit Höhlen zu tun haben soll) geht es um Entfesselung. Hier bestreitet der Mensch mit Hilfe von Zwang und Gewalt einen Aufstieg. Von der Welt des lediglich Scheinenden zur Welt des Seienden (klingt komplizierter, als es ist). Lustig ist hier nur, dass man diesen Weg anfangs gar nicht gehen will. Man muss ihn aber aushalten. Ergebnis des Ganzen ist dann eine Umkehrung des eigenen Blicks. Nachdem man sich also mit dem Fremden auseinandergesetzt hat, sieht man die Welt mit anderen Augen - die alte Sichtweise ist verworfen - man hat einen Prozess durchgemacht. Der Prozess ist es auch, der bei Koller im Mittelpunkt steht, Vielleicht ist es euch auch schon selbst aufgefallen, aber irgendwie sprechen die Theoretiker alle davon, dass man das Selbst verändert. Und das passiert angeblich nur, wenn man einen Bildungsprozess durchmacht. Viel witziger ist noch, dass man sich nur bildet, wenn man auf das Fremde/Neue (Achtung, das Fremde ist natürlich nicht als alles "Nicht-kennende" zu definieren, wäre ja gelacht) antwortet. Oh ja. Laut Theorie gerät der Mensch in eine Krise, wenn er Problemen begegnet, die er mit normalen Mitteln nicht zu lösen weiß. Er sucht nach neuen Mitteln und Wegen und bildet so vielleicht neue Meinungen und Handlungen für sein Ich aus. 
Das Ganze war jetzt so die Kurzdarstellung des Inhalts. Wenn ihr Fragen habt: Hey - die müssen nicht geklärt werden. Bildung ist schließlich ein endloser und immer wiederholbarer Prozess, daher ist eine Klärung allen Wissens gar nicht nötig (und auch nicht möglich).



Quelle: https://bildungsstreikwuppertal.files.wordpress.com/2009/12/kompaktseminar.png

Fassen wir nochmal zusammen:

  • Bildung ist Arbeit am Selbst und führt zu neuen Denkweisen und Handlungsmustern
  • Es ist ein langer und schwieriger Prozess und man muss bereit sein, sein eigenes Weltbild in Frage zu stellen
  • Man eignet sich Wissen an und verortet sich selbst in der Welt
  • Das Neue und Fremde spielt hier den zentralen Auslöser von Bildungsprozessen


Kommen wir aber zur entscheidenden Frage: 


Warum erzähle ich euch das alles?



Zum einen natürlich, weil es unglaublich viel Spaß macht. Nein, Scherz. Aber es hilft natürlich bei der Prüfungsvorbereitung ;) Und außerdem habe ich mich gefragt, ob wir Lesesüchtigen uns in einem ständigen Bildungsprozess befinden? Ist das so? Was meint ihr?
Begeben wir uns nicht ständig in neue Welten und eignen sie uns auch an? Ändert sich unsere Weltsicht nicht manchmal durch Geschichten, die wir kennengelernt haben? Oh, und manchmal lernen wir natürlich auch etwas aus unserer Lektüre, oder nicht?

Ist Lesen eigentlich Bildung?

Aber viel extravaganter wäre noch die Frage: Ist Lesen = Bildung? Denn eigentlich ist der Prozess nach wissenschaftlichen Ansätzen doch zu stumpf, oder? Einfach nur Lesen hat ja scheinbar nichts mit Bildung zu tun. Wie arbeiten wir denn an unserem Selbst, indem wir lesen? Tut ihr das? Oder entspannen wir uns beim Lesen nicht vielmehr, als dass wir Denken wollen? Aber hey...müssen wir Denken, um uns zu bilden? 
Oh...so viele ungeklärte Fragen. 


Ich zumindest würde schon behaupten, dass unser Hobby zur Bildung beiträgt. Oder? Ich fühle mich jedenfalls oftmals schlauer, wenn ich sagen kann: "Ich kenne Goethes Faust". Und auch andere würden mich deswegen sicher als "schlau" bezeichnen. Nach Humboldt allerdings würden sie damit zeigen, wie dumm sie eigentlich sind. Denn Aneignung ist ja nicht gleich Bildung. Bildung wäre es, wenn ich sagen würde, dass ich durch Goethes Faust eine völlig andere Weltsicht gewonnen habe (, was gelogen wäre, aber egal). 
Vielleicht haltet ihr mich für dämlich oder noch viel schlimmer, für besserwisserisch, weil ich diesen Post schreibe. Aber ich habe für mich gemerkt, dass "Bildung" ein Komplex ist, der viel zu schwer zu definieren ist. Und ich finde, dass man Bildung in den verschiedensten Lebensbereichen finden kann. Und da würde Herr Humboldt mir sicher zustimmen. Wir Leser und unsere literarischen Helden begegnen andauernd neuen Dingen oder dem Fremden. In jeder Geschichte wartet etwas Fremdes auf uns. Nach Horkheimer (ihr könnt euch ja mal den Spaß gönnen und die ganzen alten Kerle, die ich hier erwähne googlen - sorgt sicher für Erheiterung :D ) muss man sich auf das Fremde einlassen und sich ihm völlig hingeben. Und hey: Das tun wir ja wohl absolut, oder??? Ich gebe mich meinen Geschichten zumindest sehr, sehr gerne hin! Und ihr? Also lasst uns anstoßen! Denn wie betreiben ein Hobby, das tatsächlich einen Sinn hat. Wir arbeiten an unserem Selbst und bilden dies aus. Es geht nicht um Wissensaneignung, sondern um die Reaktion auf das Fremde. Und wir weichen dem Fremden nicht aus. (Interessante Gegenfrage wäre: Tun wir das, wenn wir ein Buch abbrechen?) 




Ich denke, ich habe meine Gedanken nun genug mit euch geteilt und sollte zurück an meine Lernunterlagen. Doch gerade war es Zeit für mich, meine abstrusen Gedanken mit euch zu teilen. Vielleicht hat ja jemand bis hierhin durchgehalten und möchte eine gebildete Meinung dazu abgeben ;)
 Mich interessiert alles, was ihr zu dem Thema sagen wollt!
Wünscht mir Glück für morgen! Ich würde mich freuen! :)

Eure Julia

Kommentare:

  1. Spannendes Thema :) Nach meiner eigenen Definition bilden wir uns mit dem Lesen natürlich auch. Aber ich frage mich grade, wenn Bildung tatsächlich eine Reaktion auf das Fremde ist - sind denn die Bücher, die wir lesen, wirklich "fremd" in dem Sinne? Letztendlich lesen wir ja trotzdem fast alle in unserer Comfort Zone und haben Erwartungen oder zumindest einen Eindruck von dem Buch, das wir als nächstes lesen. Vielleicht interpretiere ich es aber auch falsch. Auf jeden Fall finde ich die These sehr interessant :)

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  2. Hm, eigentliche hast du da total Recht! Wir lesen ja doch meistens nur in dem Genre in dem wir "zu Hause" sind und so weichen wir dem Fremden ja doch wieder aus. Aber dafü müsste man ja wissen, was "fremd" wirklich ist :D ich muss jedenfalls sagen, dass die wenigsten Bücher Krisen in mir hervorrufen :D
    Ich glaub du interpretierst da voll richtig ;) Danke für den Gedankengang :*

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