14. Juni 2017

Rezension: "Getürkt" von Su Turhan


Titel: Getürkt - Ein neuer Fall für Komissar Pascha
Autor: Su Turhan
Verlag: Piper
Preis: 15,00€
Seiten: 320


Eher selten treibe ich mich im Genre Krimi/Thriller herum. Aber dennoch unternehme ich solche Ausflüge mit Freuden. Gerade in Leseflauten kann ein Genrewechsel mal ganz gut tun und deshalb griff ich zu „Getürkt“ von Su Turhan. Das Buch war ein Mitbringsel der Leipziger Buchmesse, was sonst wohl nicht den Weg zu mir gefunden hätte. Tatsächlich habe ich einmal einen Trailer der dazugehörigen Serie im ARD gesehen und die Idee gefiel mir in unserer heutigen und immer überaus feindlichen Gesellschaft sehr gut: Ein türkischer Polizist in Bayern. Dort treffen Welten aufeinander. Und daher geht es in diesem Buch auch nicht primär um Kriminalfälle – es geht um Kulturfälle. Interessant, aber ich bin mir sicher, dass in „Getürkt“ nicht der beste Fall des Komissars Demirbilek gelöst wird.

Klappentext


Der bestialische Mord an einer jungen Frau in Istanbul zieht seine Kreise bis nach München. Dort wiederum ist ein Anschlag auf einen türkischen Politiker geplant. Kommissar Zeki Demirbilek und sein Sonderdezernat, das Migra-Team, haben also mehr als alle Hände voll zu tun. Doch auch im Privatleben steht es nicht gerade zum Besten: Seine Kinder begehen in Zekis Augen eine Dummheit nach der anderen, und die Sehnsucht nach seiner Exfrau, die er nach wie vor liebt, zerreißt ihm fast das Herz. Als Zeki jedoch einem Istanbuler Werbeproduzenten auf den Zahn fühlt und er deshalb vom Verfassungsschutz ins Visier genommen wird, gerät alles komplett außer Kontrolle. Da hilft nur noch ein raffinierter Schachzug …

Meinung


Bei „Getürkt“ handelt es sich um den 5. Teil der Reihe um den liebevoll genannten „Komissar Pascha“. Ich kenne die Vorgänger nicht und daher fehlen mir vor allem im privaten Leben des Komissars einige Informationen. Dennoch kann man auch als unwissender Leser ins Buch einsteigen. Die Hintergründe erschließen sich mit der Zeit und man bekommt genügend Informationen, um alles verstehen zu können. Der ein oder andere Witz kommt sicher besser, kennt man die anderen Fälle des Sonderdezernats Migra, aber zurückschrecken braucht man vor diesem 5. Teil keineswegs. 
Wie im Klappentext schon erwähnt, geht es auch viel um das Privatleben von Zeki Demirbilek. Auf dem Buchrücken ist diese Passage tatsächlich nicht abgedruckt, sondern nur vom bestialischen Mord und dem Anschlag die Rede. Das fand ich sehr schade. Denn der Fokus liegt nicht auf den Kriminalfällen. Die Handlung ist vor allem privat ausgelegt und quasi nebenbei läuft das Kriminalistische. Vor allem der Mordfall in Istanbul hat mich sehr neugierig gemacht. Die Lösung dieses Falls zog sich aber nicht wirklich lang. Ein paar mehr Möglichkeiten und typische Krimielemente haben mir gefehlt. Aber hier handelt es sich eben nicht um einen typischen Krimi. Ich hatte das Gefühl, als wenn das Buch in gewisser Art sensibilisieren will. Und zwar unsere Gesellschaft und all ihre Vorurteile. Nicht umsonst gibt es Wahltrends zur AFD, rassistische Beschimpfungen gegen Flüchtlinge und somit eine große Spaltung in der Gesellschaft. Der Autor Su Turhan hat in meinen Augen einen sehr klugen Weg gewählt, die türkische Kultur näher zu erklären und Verständnis entstehen zu lassen. Zumindest war ich durch das Buch gegenüber all diesen Dingen sehr aufmerksam. Turhan stellt das Leben eines türkischen integrierten Mannes da, der in beiden Kulturen verankert ist – eigentlich sogar in dreien, denn schließlich spielt das Ganze in München. Als Norddeutsche ist das für mich tatsächlich noch einmal eine ganz andere Welt. Worauf ich hinaus will, ist aber eigentlich, dass mir dieser Sensibilisierungsfaktor gefallen hat. Manchmal nahm er Überhand, manchmal ist er ganz ruhig und nebenbei geschildert. Ich denke, dass es wichtig ist, in Büchern auch Spiegel der Gesellschaft einzubauen und daher bewundere ich den Autor für seine Idee und seinen Mut das umzusetzen. Offenbar mit Erfolg, schließlich gibt es die dazugehörige Fernsehserie. Ist ja auch kurios: Ein türkischer Ermittler im tiefsten Bayern…
Nichtsdestotrotz ist die Handlung trotz all der guten Faktoren manchmal sehr schwach. Der zweite Fall, den Zeki bearbeitet, gefiel mir gar nicht. Der geplante Anschlag, der Verfassungsschutz….mir war das alles zu verwinkelt, zu undurchsichtig. Mit einem Mal ist alles klar und natürlich zieht das wieder Kreise ins Private und so weiter. So ganz nachvollziehbar ging es nicht immer her. Die Details aus Zekis Privatleben und seinen Freundschaften passen gut ins Buch. Allerdings sollte man sich dessen bewusst sein, wenn man zu diesem Buch greift. Leute, die Demirbileks Karriere vom ersten Band an verfolgt haben, mögen das Buch sicher mehr, da die privaten Punkte mehr Sinn ergeben. Für mich war es zu viel davon und zu wenig Krimi.
Der Schreibstil von Turhan ist sehr flüssig und gut. Er passt in dieses Buch, wirft manchmal mit Begriffen aus dem Türkischen oder Bayrischen um sich und macht das Buch so sehr authentisch.
Die Charaktere sind durchaus interessant. Ich mochte den alten Leipold sehr gern und auch Zeki  ist eine interessante Figur. Die Mitarbeiter von Migra waren ok, manche mochte ich allerdings auch nicht so sehr. Mert und sein Vater, die beiden Hauptdarsteller im Fall mit dem Attentat, waren mir viel zu präsent. Der Fokus der Geschichte war für mich etwas falsch gesetzt und dadurch war das Buch in Ordnung und nett, mehr aber auch nicht.

Fazit



Ein kleiner Kulturschock wartet in „Getürkt“ auf den Durchschnittsleser. Dieses Abenteuer macht allerdings Spaß und hat durchaus das Potenzial zur Gesellschaftssensibilisierung. Zumindest trägt es einen aufklärenden Teil in Buchform bei, was mir sehr gut gefiel. Demirbilek ist eine tragende Figur, die interessant, aber nicht immer sympathisch ist. Man könnte sagen, er ist ganz normal. In diesem Buch geht es viel um sein Privatleben und diverse Entwicklungen. Das Kriminalistische rückt eher in den Hintergrund, was sehr schade war. Das Buch hat mich gut unterhalten, dennoch war vor allem der Krimi-Anteil eher mau. Ich vergebe 3,5 Spitzenschuhe für dieses Potenzial.



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