7. April 2019

Rezension [Hörbuch]: "Das krumme Haus" von Agatha Christie


Titel: Das krumme Haus
Autor: Agatha Christie
Sprecher: Patrick Roche
Verlag: der Hörverlag
Preis: 9,99€
Seiten: 256
Dauer: 4h 1m


Ich würde durchaus von mir behaupten, viele Bücher und Geschichten aus der Feder von Agatha Christie zu kennen. Allerdings habe ich noch nie einen Fall gelesen, in dem nicht Hercule Poirot oder Miss Marple ermittelt. Bisher waren es immer wieder diese beiden Größen, die den Namen Agatha Christie für mich ausmachten. Doch als ich den Trailer zum Kinofilm „Das krumme Haus“ sah, packte mich die Lust, einen Fall kennenzulernen, der auch ohne einen der beiden Detektive funktioniert. 
Leider schaffte ich es nicht ins Kino. Umso mehr freute ich mich, als das Hörbuch herauskam! „Das krumme Haus“ ist eine interessante Geschichte voller Verwicklungen und Verdächtigen. Durchaus spannend, aber nicht ganz so raffiniert, wie viele andere Fälle von Agatha Christie.


Ein Haus. Ein Mord. Viele Verdächtige. Drei Generationen der Familie Leonides leben in dem großen, krummen Haus mit den vielen Giebeln. Doch dann wird der alte Aristide Leonides ermordet. Jeder hatte einen Grund, den alten Tyrannen ins Jenseits zu befördern, aber als Motiv reicht eigentlich keiner dieser Gründe aus. Solange der Mordfall ungeklärt bleibt, weigert sich Sophia, die geliebte Enkelin des Millionärs, ihren Verlobten Charles zu heiraten. Dann geschieht ein zweiter Mord … Kann Charles Scotland Yard helfen, den Mörder zu entlarven?

Die Struktur der Geschichte ist definitiv anders, als bei den Fällen von Poirot oder Miss Marple. Das ist vor allem der Fall, weil der „Ermittler“ kein solcher ist, sondern viel mehr ein Assistent, der persönlich in das Geschehen verwickelt ist. Charles ist der Erzähler der Geschichte und er startet seinen Bericht weit ab vom kleinen krummen Haus. Im Krieg war Charles in Ägypten stationiert, wo er auch Sophia Leonides kennenlernte. Die beiden verliebten sich und beschlossen zu heiraten, sobald der Krieg vorbei sei. Als die Umstände es aber endlich zulassen, geschieht in Sophias Familie ein Mord – ausgerechnet am alten Leonides, dem Besitzer des ganzen Reichtums, der die Familie verbindet. Eben diese Familie lebt gemeinsam im krummen Haus auf dem Land. Auf den ersten Blick lässt sich nicht sagen, wieso Charles ermitteln sollte. Denn tatsächlich ist er durch seine noch nicht ausgesprochene Verlobung zu Sophia eher ein Familienmitglied, als ein Detektiv. Und er bleibt auch die ganze Zeit eine relativ neutrale Person. Denn der Ermittler ist eigentlich jemand von Scotland Yard – und dort arbeitet Charles Vater in einer führenden Position. Charles steht also zwischen den Stühlen: auf der einen Seite versucht er seine Liebste zu schützen und auch für sie den Fall zu lösen, auf der anderen Seite versucht er verdeckt zu ermitteln und der Polizei als eine Art Betroffener zu helfen. Denn durch seinen persönlichen Zugang erfährt Charles deutlich mehr über die Familie, als es die Polizei tut. Und so macht er sich auf die Suche nach dem Mörder. Doch Verdächtige - und jene, die Gelegenheit, aber kein Motiv haben - gibt es genug.
Es gibt viele tolle Dinge an diesem Hörbuch. Da ist zum einen das Offensichtliche: Es handelt sich um ein Hörbuch zu einem Film. Daher ist alles an eben diesen angelegt und die Geschichte wird sehr bildhaft erzählt. Man kann dem Geschehen gut folgen, die Schauplätze werden toll beschrieben und vor dem inneren Auge läuft ein eigener kleiner Film ab. Ebenfalls toll sind die Figurenvielfalt und das Rätselraten. Es ist immer heikel, wenn klar ist, dass jemand aus der Familie den Mord begangen haben muss. Denn welch Skrupel werden dabei bewusst?! In dieser Familie gibt es wahrlich genügend Verdächtige, schließlich leben im Haus ganze drei Generationen zusammen. Von der Schwägerin über die Kinder bis hin zu den Enkelkindern kann es wirklich jeder getan haben. Auch Sophie – Charles Verlobte. Durch die Verwicklung auf persönlicher Ebene war Charles für mich immer etwas befangen. Das Ganze macht die Sache aber natürlich auch irgendwo spannend. Kann Charles neutral bleiben? Der Ermittler ist hier selbst Teil des Figurenkonstrukts, was sehr spannend ist. Er kann nicht unvoreingenommen an die Sache herangehen und begeht dadurch den ein oder anderen Fehler. Dieses „Laienermitteln“ hat mir ehrlich gesagt gut gefallen, denn er ermöglicht ganz andere Perspektiven. Wir haben keinen perfektionistischen Poirot oder eine misstrauische Miss Marple im Mittelpunkt, sondern einen ganz normalen, sehr verliebten Mann. Wer könnte da schon objektiv bleiben?
Dadurch, dass der Hörer eben Charles Perspektive einnimmt, rätselt man schnell mit und kommt doch nicht auf die Lösung. Ich zumindest war auf einem völlig anderen Weg und war vom Ende definitiv überrascht und ein kleines bisschen schockiert. Die Auflösung an sich kam mir ein bisschen zu kurz, denn eigentlich wird der Hörer lediglich vor Tatsachen gestellt. Das trifft auch generell auf die Ermittlungsarbeit zu, da Charles ja eben nicht so richtig ermittelt. Hier fehlte mir definitiv der Scharfsinn, den ich mit Christie-Romanen verbinde. Die unendlich viele Möglichkeiten hingegen haben mir sehr gut gefallen!
Auch der Sprecher bleibt mir positiv im Gedächtnis. Patrick Roche hat eine sehr angenehme und weiche Stimme. Für mich passt sie sehr gut zu Charles Persönlichkeit und sie verlieh dem ganzen Fall eine ruhige Note. Gleichzeitig weiß Roche das Tempo zu steigern und manchen Charakteren interessante Betonungen zu verleihen.
Mir hat an der ganzen Geschichte ein bisschen gefehlt. Sie ist spannend und interessant, definitiv. Man kann ihr gut folgen und der Sprecher macht seine Sache sehr gut. Die Figuren sind toll ausgearbeitet, aber das groß Ganze scheint manchmal etwas schlurig. Die ein oder andere Wendung hätte mir besser gefallen, denn jene, die eingebaut wurden, waren eben offensichtlich nur Finten. Bis auf das Ende wurde ich selten überrascht, was ich schade fand. Außerdem ist die Rolle, die Charles spielt nie so ganz klar und dass das keiner hinterfragt, fand ich auch etwas merkwürdig. Nichtsdestotrotz bietet „Das krumme Haus“ tolle Unterhaltung, die wirklich sehr kurzweilig ist. Kaum wirft man die erste CD ein, ist sie auch schon wieder vorbei. Das Hörbuch ist wahrscheinlich ein Abbild zum Film mit zusätzlichen Details und Erkenntnissen. Ich hatte beim Hören viel Spaß!



Das Unterfangen einen Christie-Roman ohne Berühmtheiten zu hören, bei denen der Weg gewissermaßen schon vorgegeben ist, ist in jedem Fall geglückt! „Das krumme Haus“ ist eine spannende Geschichte mit viele Möglichkeiten und einer anderen Herangehensweise von Agatha Christie, als vielleicht bekannt. Mich konnte die Autorin gemeinsam mit dem guten Sprecher bezirzen und dank Figurenvielfalt, Detailsinn und Potenzial zum Mitraten überzeugen. Dennoch fehlt dem Hörbuch auch eine gewisse Raffinesse, weshalb ich einen Stern abziehe. So komme ich zu soliden 4 Sternen, die mich motivieren, mir bei DVD-Start den dazugehörigen Film anzusehen.







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