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26. August 2026

Rezension: "So leicht kommen wir nicht davon" von Dorit Linke


Titel: So leicht kommen wir nicht davon
Autorin: Dorit Linke
Verlag: Arena
Preis: 16,00€
Seiten: 248

Es ist beinahe zehn Jahre her, dass ich das Buch „Jenseitsder blauen Grenze“ von Dorit Linke gelesen habe. Trotzdem ist es eines jener Bücher, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Eines, an das ich immer noch denke - auch zehn Jahre später.
Es geht um ein Mädchen, das sich entschließt, über die Ostsee aus der DDR zu flüchten. Ein riskantes Unterfangen, das seinen Tribut fordert. Oft habe ich mich gefragt, was wohl aus Hanna geworden ist, nachdem sie es tatsächlich in den Westen geschafft hat. Scheinbar fragte auch die Autorin selbst sich das immer wieder. „So leicht kommen wir nicht davon“ beantwortet nun genau diese Fragen. Es handelt sich um den Fortsetzungsroman über Hannas Leben. Und was soll ich sagen… Die Geschichte zerreißt mir das Herz. Sie ist unglaublich authentisch, bewegend und so, so, so wichtig in dieser Zeit. Niemand, der der DDR-Diktatur unterworfen war, ist vermutlich je richtig „davon gekommen“. Genau das zeigt dieses Buch. Es ist Vergangenheit und Gegenwart, Stillstand und Leben zugleich. Es ist großartig.


Hanna ist nach ihrer Flucht bei ihrer Tante in der BRD angekommen. Sie muss lernen, dass Freiheit nicht nur Aufbruch bedeutet, sondern auch, sich mutig der Vergangenheit zu stellen. Während sie versucht zwischen Schwimmtraining und Party eine neue Normalität zu leben, fällt die Mauer. Sie kehrt in die DDR zurück. Dort trifft sie bei ihren Eltern, Freunden und alten Bekannten auf Hoffnung, Orientierungslosigkeit und auch Misstrauen. Hanna fühlt sich zusehends zerrissen zwischen neuen Bekanntschaften, den Erinnerungen an Andreas und den Erlebnissen in der Nachwendezeit. Einige Jahre später erlebt sie die entfesselte Gewalt beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, die das vermeintlich antifaschistische Selbstbild ihrer früheren Heimat brutal zerstört.
Erst als sie ihr Weg weiter führt, von Bremen, nach Berlin und schließlich nach Schottland, kann sie endlich wieder atmen, findet ihre Liebe und gewinnt die Leichtigkeit im Leben zurück.

Die richtigen Worte für diese Geschichte zu finden, ist nicht leicht. Ich empfand „So leicht kommen wir nicht davon“ als unglaublich ‚groß‘. ‚Groß‘ im Sinne von ‚bedeutend‘. Das Buch fängt ein so wichtiges und gleichzeitig sensibles Thema ein und wählt einen ganz besonderen Weg der Aufarbeitung - als Jugendbuch. Lasst mich ein wenig ausholen, um das zu erklären.
Ich bin in den frühen 90er Jahren geboren, wuchs also in einem vereinten Deutschland auf. Im Westen. Für mich gab es das Thema DDR quasi erst im Schulunterricht. Heute bin ich Geschichtslehrerin und leite relativ simpel viele unserer gesellschaftlichen Entwicklungen anhand der innerdeutschen Geschichte mit meinen Schülern und Schülerinnen ab. Ist ja klar, wenn man sich auf Quellen berufen kann. Statistiken. Tabellen. Eindeutig. Und trotzdem sehen wir in unserer heutigen politischen Entwicklung, dass vieles eben nicht so klar ist, wie es Analysen an einem Bremer Gymnasium scheinbar zeigen. Es ist wichtig, immer wieder über die DDR als Diktatur zu sprechen. Das Thema und all die Unterdrückung wach zu halten, die Menschen daran zu erinnern, dass früher eben nicht „vieles einfach besser war“. Und deswegen spreche ich vom Adjektiv ‚groß‘. Denn für mich leistet „So leicht kommen wir nicht davon“ einen Teil zum kollektiven Erinnern. Es ist ein Jugendbuch, das auf eine unterhaltsame, aber ergreifende Art und Weise erinnern und aufklären will – ohne belehrend zu sein. Davor will ich meinen Hut ziehen! Dorit Linke ist selbst in der DDR aufgewachsen, verarbeitet teilweise also autobiographische Erlebnisse und genau deshalb sind auch ihre beiden Bücher über Hanna so unglaublich gut.
Obwohl ich zum Buch selbst bisher wenig gesagt habe, ist glaube ich klar, dass mich „So leicht kommen wir nicht davon“ begeistert hat. Gehen wir aber mal ins Detail.
Insgesamt geht es in dem Buch um Hannas Leben nach der Wende. Sie sucht sich selbst in einem zerrissenen Land, das beinahe ein Spiegel ihrer Seele ist. Der Verlust ihres Freundes Andreas und die damit verbundenen Schuldgefühle lassen sie nicht los. Hannah pendelt zwischen Bremen und Rostock, ja beinahe zwischen zwei Leben hin und her. Sie ist die Ich-Erzählerin, der man die ganze Zeit über genau diese Zerrissenheit anmerkt. Manchmal erlaubt sie sich nicht, etwas zu fühlen. Manchmal fühlt sie zu viel. Sie berichtet dabei von ihrem Leben und spricht immer wieder jemanden an. Es ist eigentlich ziemlich schnell klar, dass „du“ nur Andreas sein kann. Hanna hat das Bedürfnis, ihrem verstorbenen Freund zu erzählen, wie es in ihrem Leben weiter geht. Ihn mitzunehmen in ein Leben, das er nicht mehr leben darf. Ich fand es sehr authentisch, dass Hanna dieses Bedürfnis hat. So wird Andreas zu einem erneuten Protagonisten in diesem zweiten Teil, ohne jemals dabei gewesen zu sein. Auch Sachsen-Jensi spielt übrigens wieder eine große Rolle. Aber auch diese Beziehung ist dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklung in gewisser Form unterworfen.
Mir hat die Art des Erzählens von Dorit Linke sehr gut gefallen. Das Buch ist nicht in Kapiteln erzählt. Es wird eher fragmenthaft berichtet und selten chronologisch. Für einige ist es möglicherweise nicht ganz leicht, sich in diesen Erzählstil zu arbeiten. Aber Hannas Leben und ihr Charakter selbst sind eben auch nicht leicht. Mich haben die Zeitsprünge, die zwischen 1989 und 1999 stattfinden, auch manchmal etwas durcheinander gebracht. Aber Hanna ist trotzdem keine sprunghafte Erzählerin. Die Rückblenden werden immer dann genutzt, wenn es einen Erzählanlass gibt. Ein Ereignis, die Begegnung mit einer Person. Eben Auslöser, um Andreas etwas aus der Vergangenheit zu erzählen. Der Erzählstil ist ein weiteres Mittel, um Hannas Charakter deutlich zu machen. Sie versucht sich zurechtzufinden, genauso wie der Erzählstil. Doch wie soll man sich in diesem wiedervereinten Land zurechtfinden?!
Die Geschichte springt nicht nur zwischen den Jahren, sondern auch zwischen Orten. Rostock, Bremen, Berlin und mehrere Städte in Schottland sind die Schauplätze für Hannas Geschichte. Die Route ihres Lebens ist kompliziert, könnte man sagen. Mir hat auch hier die Authentizität gefallen. Da ich Bremerin bin, habe ich mich ein klitzekleines Bisschen mehr mit Hannah identifiziert als vorher schon. Noch besser erfasst hat die Autorin aber ihre Heimatstadt Rostock. Man merkt einfach, dass hier von echten Orten und Erlebnissen die Rede ist.
Und die DDR war echt. Das macht Dorit Linke immer wieder deutlich. Es geht hier eben nicht um eine nette Jugendgeschichte. Hier wird aufgearbeitet. Aber bitte versteht mich nicht falsch, denn es geschieht nicht auf anstrengende Art und Weise. Wer will, kann zum Beispiel immer wieder hinten im Buch mit Sternchen gekennzeichnete Begriffe nachschlagen. Im Glossar werden Begriffe wie „Jugendwerkhof“ oder „Volkseigentum“ erklärt. Aber auch der rumänische Bürgerkrieg kann zum Beispiel nachgeschlaen werden. Ich fand es so spannend, auf diese Art und Weise zu erfahren, was eigentlich rund um mein Geburtsjahr so in der Welt los war. Denn so lange ist das doch nicht her, oder doch?
Man muss all diese Erklärungen nicht lesen. Aber denjenigen, die interessiert sind, werden hier weitere Informationen angeboten. Ich persönlich fand auch das Nachwort sehr, sehr stark. Linke bezieht hier deutlich Stellung zu politischen Entwicklungen und spricht offen Dinge an. Auch hier gilt weiterhin, dass niemals belehrt wird. Aber dass man sich eben der Realität stellen muss. So wie Hannah das tun musste.
Ein letztes Wort will ich noch zum Titel loswerden. Ich finde ihn unglaublich klug. Was jeder als Phrase aus dem Alltag kennt, kann einfach wunderbar interpretiert werden. Dabei finde ich besonders spannend, wer eigentlich „wir“ ist. Hanna und Andreas sind nicht davongekommen, einer hat sogar mit seinem Leben bezahlt (doch hätte er das nicht auch, wäre er geblieben?!). „Wir“ kann aber auch kollektiv für die gesamte Generation stehen, die mit dem Untergang der DDR zurechtkommen musste. Oder das kollektive Gedächtnis? Denn sind nicht auch "wir" – die Kinder, die nach der Wende geboren wurden – gemeint? Sind nicht auch wir irgendwie verantwortlich, die Geschichte lebendig zu halten? So oder so: Der Titel passt hervorragend.

Für mich steht fest, dass Dorit Linke mit „So leicht kommen wir nicht davon“ ein Stück Geschichtsaufarbeitung geschaffen hat, die in einem wunderbaren Roman stattfindet, der für jedermann geeignet ist. Ganz egal, ob das ein Zeitzeuge oder ein Bremer Schüler ist, der noch nie in seinem Leben von der DDR gehört hat. Hanna ist eine spannende Erzählerin, die einfängt, wie eine ganze Generation sich gefühlt haben muss. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und gleichzeitig habe ich wieder viel gelernt. Das Buch ist literarisch, aber auch thematisch sehr interessant. Mit Leichtigkeit fängt es ein ernstes Thema ein, was ich sehr bewundere. Die fünf Sterne stehen außer Frage.




Nachwort:
Ich für meinen Teil habe entschieden, dass ich „Jenseits der blauen Grenze“ und „So leicht kommen wir nicht davon“ in mein Repertoire als Lehrerin einfließen lassen möchte. Und sei es nur durch die Empfehlung der beiden Bücher, wenn ich wieder einmal etwas über die DDR unterrichte. Aber die Autorin geht auch selbst in Schulen und bietet Workshops an. Ich möchte ihr am liebsten zuschreien: Mehr, mehr, mehr! Genau so etwas braucht es nämlich in Schule und in unserer Gesellschaft, in der freien Meinungsbildung und politischen Bildung. Und wenn man nur eine Handvoll Jugendliche erreicht, so ist das nicht nichts. Denn jeder zählt.

8. April 2026

Rezension [Hörbuch]: "Ich und die Walter Boys - Die zweite Chance"


Titel: Ich und die Walter Boys - Die zweite Chance
Autorin: Ali Novak
Sprecherin: Aileen Wrozyna
Verlag: der Hörverlag
Dauer: 9h 51m
Seiten: 400
Preis: 21,95€

 

Obwohl mich die Serie „My Life with the Walter Boys“ nie vollends überzeugt hat, hat mich doch irgendetwas daran gecatcht. So sehr sogar, dass ich die Buchvorlage kennen wollte. Das erste Buch gefiel mir tatsächlich wirklich gut. Umso gespannter war ich auf den zweiten Teil. Ist er inhaltlich gleich zur zweiten Staffel? Kann er doch gar nicht sein, schließlich endet das Buch ganz anders. Kein Fokus auf dem LOVE-triangle. Oder etwa doch? Ich war gespannt. Also hörte ich "Ich und die Walter Boys - Die zweite Chance“ mit Neugier. Mein Fazit? Absolut süß und für mein Teenieherz genau das richtige.

Jackie Howard brauchte Abstand – und hat ihn auch bekommen. Doch nach einem ereignisreichen Sommer in New York kehrt sie zurück auf die Walter-Ranch. Jackie hat keine Ahnung, wie es mit ihr und Cole Walter nach dem Abschiedskuss weitergehen soll. Im Laufe des Sommers hat sie aufgehört, ihm Nachrichten zu schreiben. Aber sie hat nie aufgehört, an ihn zu denken. Da Cole mittlerweile in der Stadt lebt, bevor er aufs College geht, denkt Jackie, dass es einfach sein wird, ihm aus dem Weg zu gehen. Als sie ihm jedoch plötzlich gegenübersteht, muss sie feststellen, dass es unmöglich ist, ihm zu widerstehen. Und die Dinge werden immer komplizierter: Cole ist der Junge, der ihr nicht aus dem Kopf geht, und die Walters sind die Familie geworden, die sie liebt und braucht. Wie soll Jackie weiterkommen, wenn sie Angst hat, den nächsten Schritt zu machen?


Das Tolle an Band zwei der „Walter Boys“ war von Anfang an, dass ich keine Ahnung hatte, wie es weitergeht. Aber das wollte ich unbedingt wissen. Für mich war die Chemie zwischen Jackie und Cole unglaublich gut, sodass ich mich wirklich immer darauf gefreut habe, weiterzuhören. Dafür habe ich meine freien Minuten sofort genutzt. Mich haben so viele Fragen beschäftigt: Küssen sie sich noch einmal? Sind sie jetzt eigentlich zusammen? Oder schiebt Jackie wieder irgendeinen komischen Grund vor, weshalb es nicht funktionierten kann? Denn das ist das einzig etwas Nervige an der Geschichte. Es ist eben ein Young-Adult Buch. Das finde ich grundsätzlich klasse, denn die Handlung ist zu unschuldig für irgendwelche Sexszenen. Das heißt aber im Übrigen nicht, dass es nicht heiß werden kann. Insgesamt ist das Hin und Her von Jackies Gefühlschaos aber etwas viel und natürlich auch unnötig. Das ist aber auch schon das Ende meiner Kritik. Für mich war die Entwicklung der Beziehung zwischen Jackie und Cole entscheidend und die war wirklich toll. Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob man allein mit der Frage, ob zwei Menschen zusammen kommen können, die eigentlich eh schon etwas miteinander haben, ein ganzes Buch füllen kann. Denn nein, das geht nicht. Aber zum Glück sind es ja insgesamt 12 Walter-Kinder, sodass es durchaus weitere Handlungen gibt. Viel zu wenig taucht leider Danny auf, aber das war in der Idee schon logisch. Viel mehr Raum nehmen die Geschichten um Nathan und Isaac ein. Beide haben mir in ihrer Auflösung tatsächlich sehr gut gefallen. Isaacs Handlungsfaden war einfach unterhaltsam. Er hat immer für Chaos gesorgt, was manchmal auch sehr lustig war. Bei Nathan hingegen war ich gespannt, ob er so verschlossen ist, weil er sich outen will. Bekanntlich ist sein Charakter in der Serie schwul. Dass Nathans Geschichte im Buch etwas anders und auch auf andere Art emotional ist, fand ich gut. „Die zweite Chance“ bietet also durchaus noch Überraschungen. 

Zu den Charakteren brauche ich nicht mehr viel zu sagen. Jackie und Cole sind gute Protagonisten und Cole bleibt der Traum aller Mädchen. Wir brauchen nicht über Logik reden. Natürlich schafft das “neue Mädchen” es, den Traumtypen zu bändigen, getreu dem Motto „she falls first, he falls harder“. Denn Coles Aktionen sind wirklich süß. Er war definitiv mein Favorit in diesem Band. Auch die anderen Walters sind schöne Figuren, die aber nicht so viel Präsenz haben haben. Alex kommt deutlich weniger vor, auch Jackies Freundinnen bestimmen nicht unbedingt das Geschehen. Der Fokus liegt auf der Liebesgeschichte und das hat Ali Nowak wirklich gut hinbekommen. 

Manchmal plätschert die Handlung vor sich hin, manchmal gibt es einfach ZU viele Zufälle (Thema Lieblingscafé). Und trotzdem hat mir das gesamte Handlungskonstrukt super gefallen. Vielleicht sollte man einfach nicht zu viel drüber nachdenken und stattdessen einfach genießen.

Der Schreibstil der Autorin ist gut und auch die Sprecherin Aileen Wrozyna  macht wieder einen tollen Job. Für mich war ihre Stimme eins zu eins die von Jackie. Da es die gleiche Sprecherin wie in Band eins ist, kommt hier außerdem wieder das "Nach-Hause-Kommen"-Gefühl zum Vorschein.

Bekommen Jackie und Cole sich endlich? Das ist die große Frage in „Die zweite Chance“. Die Liebesgeschichte trägt die Handlung und rund herum werden kleine Geschichten um die Nebenfiguren gebaut. Insgesamt ist das Buch wirklich unterhaltsam und hat mich abgeholt. Ich hatte unglaublich viel Freude beim Hören und bin den Charakteren verfallen. Wenn man sich auf eine Teenie-Geschichte einlassen will, ohne zu viel denken zu müssen, dann sollte man dringend Jackie und Cole kennenlernen. Lediglich das Hin und Her bewirkt einen kleinen Abzug und so vergebe ich 4,5 Sterne.





17. März 2026

Rezension [Hörbuch]: "Ich und die Walter Boys" von Ali Nowak



Titel: Ich und die Walter Boys
Autorin: Ali Novak
Sprecherin: Aileen Wrozyna
Verlag: der Hörverlag
Preis: 22,95€
Seiten: 448
Dauer: 11h 8m

 

Obwohl ich inzwischen auf dem Papier wohl zu alt für Teenieserien und große Liebesdramen bin, bin ich in meinem Herzen noch immer das Mädchen, das in den 2000ern keinen Romance-Film ausgelassen hat. Wohl auch deswegen schaue ich noch immer voller Leidenschaft alle Neuveröffentlichungen, in denen die Storyline simple ist: Sie - unscheinbar. Er - der Star. Hinderungsgrund der Beziehung - variabel. Wichtig - Happy End.
In dieses Beuteschema passt natürlich auch die Serie "My life with the Walter Boys". Die Serie war solide. Aber wie so oft, war ich neugierig auf die Buchvorlage. Ist sie besser oder schlechter als die Serie? Meine Antwort? Zusammen sind sie perfekt!


Jackie hasst unvorhersehbare Ereignisse. Als perfekte Tochter hat sie ihr Leben in New Yorks High Society fest im Griff und sonnt sich in der Aussicht auf eine erfolgreiche Zukunft. Doch dann schlägt das Schicksal zu. Mit einer Lawine unvorhersehbarer Ereignisse: 1. Jackie steht plötzlich alleine da. 2. Sie muss zu ihrer Vormundfamilie, den Walters, nach Colorado ziehen. 3. Die Walters haben nicht nur Pferde, sondern auch zwölf Söhne! Mitten in der Pampa, allein unter Jungs von 6 bis 21, für die Privatsphäre ein Fremdwort ist, lautet Jackies erster Gedanke: Nichts wie weg. Und ihr zweiter: Moment...ein paar der Kerle sehen unfassbar gut aus!


Hat man zuerst eine Verfilmung gesehen, hat man immer ein Problem mit der Buchvorlage: Man stellt sich die Charaktere und die Handlungsorte genauso vor, wie im Film oder in diesem Fall wie in der Serie. Man ist eben nicht mehr unvoreingenommen. Jackie Howard sieht im Buch beispielsweise vollkommen anders aus, ebenso Alex. In meinem Kopf waren es trotzdem die Gesichter der Schauspieler. Doch man sollte "Ich und die Walter Boys" nicht an der Serie messen. Bleiben wir also beim Buch.
Woran ich mich allerdings zuerst gewöhnen musste, war der Umstand, dass es im Buch noch mehr Kinder sind, als in der Serie. Insgesamt leben bei den Walters 12 Kinder/heiße Jugendliche. Über die Absurdität dieser Vorstellung brauchen wir glaube ich nicht zu diskutieren. Doch im Buchkontext funktioniert das tatsächlich sehr gut. Eigentlich ist es schade, dass einige Figuren später gestrichen wurden.
Da mir das Setting und die Handlung gewissermaßen vertraut waren, fühlte ich mich in der Geschichte sofort wohl. Jackie ist eine unverbesserliche Perfektionistin, die ich trotzdem als erfrischend empfand. Irgendwie hat man gemerkt, dass die Erstausgabe der Geschichte schon zehn Jahre alt ist. Denn Jackie ist eine Protagonistin, die viel zweifelt. Die auch oft falsche Schlüssel zieht und total subjektiv handelt. Von außen denkt man immer wieder "Wiesoooo?", aber irgendwie hat mir das typische Teenagerverhalten von ihr gefallen! Denn heute sind mir viele Protagonistinnen zu selbstbewusst und straight. Alle wissen immer, was sie wollen und insgesamt geht es viel zu sehr um Sex. Das ist hier ganz anders und dafür war ich dankbar! 
Jackie ist ein ganz gewöhnlicher Teenager, der mit einem grausamen Schicksalsschlag zurecht kommen muss. Dieses Thema wurde meiner Meinung nach gut umgesetzt und passte in die Geschichte. Neben der Trauerbewältigung sind Themen wie Freundschaft, Verliebtsein, Eifersucht und Familie sehr wichtig. Zusammenhalt wird bei den Walters großgeschrieben. Das imponierte mir. Insgesamt hat mir die Welt, in die Jackie geworfen wird, sehr gut gefallen. Das liegt natürlich vor allem an den "Boys". Bei dieser Vielzahl an verschiedenen Jungstypen ist natürlich für jedes Mädchenherz etwas dabei. Auch deswegen funktioniert die Geschichte ja so gut. Mein Herz hatte direkt Danny erobert. In der Serie muss ich ja auch gestehen, dass ich Cole gegenüber sehr distanziert war. Im Buch sind die Lager da schon klarer. Alex ist ein super süßer Kerl. Dass Jackies Herz aber für Cole schlägt, ist nicht zu übersehen. Und ich muss zugeben, dass Cole in "Ich und die Walter Boys" auch wirklich süß ist. Er hat sich seinen Status irgendwie nicht ausgesucht, sondern hat eben dieses Charisma. Er wäre wohl auch ein komischer Typ, würde ihm das nicht gefallen.
Ich fand die Szenen zwischen den beiden schön und authentisch. Da Jackie die Ich-Erzählerin ist, weiß man aber auch sehr schnell, dass Alex eher eine Art Notlösung ist. Die Spannung dahingehend war also eher schwach. Trotzdem bleibt bis zum Ende nicht klar, wofür Jackie sich entscheiden wird. Einen Jungen oder doch eben sich selbst?
Die Charaktere im Buch sind vielseitig und spannend. Wie ich schon sagte, ist für jeden etwas dabei. Schön waren auch die Szenen, in denen Jackie neue Freunde gefunden hat. Es ist wirklich schade, dass einige der Mädchen es nicht in die Serie geschafft haben, wie Heather zum Beispiel. Gleichzeitig muss man sich aber nichts vormachen. Die Autorin spielt natürlich auch mit Klischees. Ich bin keine Hörerin, die das stark hinterfragt. Denn solange die Figuren die Handlung nach vorn bringen, bin ich fine damit. Trotzdem sei hier erwähnt, dass viele Figuren Stereotypen entsprechen.
Der Schreibstil von Ali Nowak ist flüssig und jugendlich. Er passt super zum Buch und ist ein weiterer Wohlfühlfaktor. Die Sprecherin des Hörbuchs Aileen Wrozyna macht ihre Sache ebenfalls toll. Ihre Stimme hat super zu Jackie gepasst. Sie fängt die Atmosphäre gut ein, sodass man sich schnell mit Jackie identifiziert.
Zum Schluss noch ein letztes Thema. Lohnt es sich, das Buch zu lesen, wenn man die Serie schon kennt? Wenn einem die Serie gut gefallen hat, dann auf jeden Fall! Die Serie hat tatsächlich den Vorteil, komplexer sein zu können. Das Buch ist auf Jackies Sicht beschränkt. Die Serie kann die Gefühle vieler Figuren einfangen und baut so neue Handlungen auf, die es im Buch tatsächlich gar nicht gibt. Daher ist die Serie irgendwie eine schöne Ergänzung zum Original. Denn natürlich bietet auch "Ich und die Walter Boys" Szenen, die es eben nicht in der Serie gibt. Ich persönlich kann Jackie nach dem Hören der Geschichte viel besser verstehen, schaue aber auch die Serie wirklich gern weiter. Teenie forever.


"Ich und die Walter Boys" ist eine schöne Geschichte für vor allem jugendliche Hörerinnen, die nicht zu viel nachdenken wollen. Natürlich ist das Setting nicht immer realistisch und abgesehen von Jackies fürchterlichem Schicksalsschlag fehlen große Probleme. Aber ist man ein Teenager und zum ersten Mal verliebt, ist eben genau das das große Problem. Jackie meistert das im Kontext der 12 Jungs ziemlich gut und hat mich die ganze Zeit gut unterhalten. Als Hörbuch funktioniert die berühmte Geschichte ebenfalls klasse, weshalb ich vier von fünf Sternen vergebe.



20. Dezember 2024

Rezension: "Mats und Rea drehen am Rad der Geschichte" von Dorit Linke

 


Titel: Mats und Rea drehen am Rad der Geschichte
Autorin: Dorit Linke
Verlag: selffpublished
Seiten: 160
Preis: 9,90€


Manchmal kann man sich gar nicht vorstellen, dass es noch nicht einmal vierzig Jahre her ist, dass es zwei deutsche Staaten gegeben hat. Viel zu schnell vergisst man in unserer kurzlebigen Zeit die Umstände der deutschen Teilung. Das Schicksal von zig Menschen auf der anderen Seite der Mauer. Das alltägliche Leben in einer Diktatur.
Doch man sollte nicht vergessen.
Und genau das hat die Autorin Dorit Linke sich auf die Fahnen geschrieben. Sie selbst ist in der DDR aufgewachsen und hat es sich zur Aufgabe gemacht, heutige Jugendliche an das Thema „DDR“ heranzuführen und zu informieren. Nicht zu belehren. Aber einen Blick dafür zu entwickeln, wie anders man es früher gehabt haben könnte.
Genau das tut sie auch in ihrem neusten Jugendroman „Mats und Rea drehen am Rad der Geschichte", welcher ein Reihenauftakt ist. Das Buch ist kurzweilig, unterhaltsam und vor allem sehr authentisch. Es passt sich der Adressatengruppe zu einhundert Prozent an, weshalb ich es nur empfehlen kann.


Ohne Informationen, ohne Plan und ohne Handy landen Rea und Mats im Jahr 1985 - in einer Telefonzelle der DDR. Alles beginnt harmlos: Der Bürgermeister würdigt im Jahr 2024 in einer Veranstaltung eine Telefonzelle. Das Betreten des muffigen Mahnmals früherer Kommunikation befördert Mats und Rea aus dem heutigen Berlin nach Thüringen, in die DDR.
Doch das wissen sie vorerst nicht. Beim Verlassen der Telefonzelle stehen sie auf einem Feldweg neben Garagen und sind ziemlich lost. Sie werden von Kindern umzingelt, die sie auf eine Nachtwanderung mitnehmen. Reas und Mats Neugier ist größer als ihre Angst, doch sie haben Fragen: Wo sind sie? Wieso tragen die Kinder so schräge Vintageklamotten?
Rea und Mats lernen sympathische Kinder kennen. Während sich überall mega Storys für den nächsten Post finden (wo sind eigentlich unsere Handys?), stolpern Mats und Rea von einem Fettnäpfchen ins nächste. Zunächst ist das unbeschwert und lustig, doch im Ferienlager, in welches sie von den Kindern geschleust werden, spürt Rea zunehmend die Enge des damaligen Systems. Sich den Mund verbieten lassen? Sich Autoritäten beugen? Kommt nicht in Frage.
Was als lustiges Abenteuer beginnt, wird bald Ernst: Es ist Alarm in Thüringen, an der Grenze zu Bayern. Sie begegnen Peggy, einer Außenseiterin, die verloren wirkt. Können Mats und Rea ihr helfen? Dürfen sie überhaupt in den Lauf der Geschichte eingreifen oder explodiert dann das Universum, wie Mats nicht müde wird zu betonen? Und dann ist da noch das kleine Detail ihrer Rückkehr ins Jahr 2024. Was, wenn ihnen dieser Weg für immer versperrt bleibt?

Das Setting ist natürlich nicht einwandfrei logisch. Die Geschichte beginnt bei einer Denkmaleinweihung in Berlin, zu der die Handballmannschaft von Mats und Rea eingeladen wurde. Für die Jugendlichen entpuppt sich die langweilige Veranstaltung als große Überraschung. Durch Zufall geraten die beiden in die gerade eingeweihte Telefonzelle, die an die DDR erinnern soll. Doch was keiner ahnt, ist dass diese Telefonzelle Mats und Rea in das Jahr 1985 transportiert. Auch die Jugendlichen selbst haben zunächst keine Ahnung, wo sie gelandet sind und erst Recht nicht, dass es sich um eine andere Zeit handelt. Doch Mats und Rea wird schnell klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Warum haben die Jugendlichen keine Smartphones? Warum singen sie so komische Lieder? Und was für merkwürdige Klamotten tragen sie eigentlich?
Mats und Rea geraten mitten in ein Ferienlager in der DDR und müssen einen Weg nach Hause finden. Doch ohne es zu wollen, erregen sie Aufmerksamkeit. Und nicht nur die Lagerleitung, sondern auch die Volkspolizei wird so langsam auf die beiden aufmerksam. Besonders, als Mats und Rea einem Mädchen helfen wollen, deren Eltern gerade in den Westen flüchten wollten…
Die Geschichte beginnt unmittelbar und nimmt den Leser sofort mit. Man ist ziemlich schnell im Geschehen drin und es wird auch nicht mehr langweilig. Trotzdem fehlte mir manchmal der rote Faden, beziehungsweise das Ziel der Geschichte. Andererseits bildet dieses Buch erst den Auftakt einer Reihe. Es muss also noch eine ganze Menge kommen. Für mich lag der Fokus der Geschichte eher auf dem Aufbau des Settings und der Klärung der Umstände. Mats und Rea sind ganz normale Jugendliche aus dem Jahr 2024. Man kann sich vorstellen, dass eine Begegnung mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Jahr 1985 ein Kulturschock sein muss. Dieser Schock war großartig! Denn einerseits führt einem das Buch wunderbar vor Augen, wie anders damals alles war. Und gleichzeitig zeigt es, dass Jugendliche irgendwie immer gleich sind. Besonders toll fand ich die Authentizität der Geschichte, die eher nebenbei daherkommt. Damit meine ich Formulierungen, Sprüche („Rucki-zucki!“), Songs oder einfache Beschäftigungen, die man damals gemacht hat, um sich die Zeit zu vertreiben – und das ganz ohne Smartphone.
Innerhalb der Geschichte gibt es bei Mats und Rea einen Wandel. Sie begreifen nicht, warum die Betreuer die Kinder schlagen dürfen. Warum man ihnen ihre eigene Meinung nicht lässt. Oder warum es verboten sein sollte, über New York zu reden. Erst nach und nach begreifen sie, dass sie viel zu wenig über diesen Unrechtsstaat wissen, um zu beurteilen, was die Jugendlichen Tag für Tag aushalten. Dieser Wandel ist sehr spannend und gut gelungen. Das Thema ist einfach wirklich toll und sehr jugendgerecht dargestellt. Ganz nebenbei lernt man als Leser alltägliche Lebenssituationen in der DDR kennen. Gleichzeitig ist die Geschichte brandaktuell. Selbst Taylor Swift findet Einzug in die Handlung. Der Kontrast zwischen damals und heute steht immer im Vordergrund und diesen darzustellen, gelingt wirklich sehr gut.
Ich habe mich lediglich an einer Kleinigkeit gestört. Denn ich habe nicht verstanden, was Mats und Rea ausmacht. Ich war mir nicht einmal sicher, ob die beiden wirklich Freunde sind oder eher Mannschaftkollegen. Man erfährt nicht sehr viel über die beiden. In diesem Kontext erschloss es sich mir auch nicht, warum Rea die Ich-Erzählerin der Geschichte ist. Ich habe mich zumindest nicht mit ihr identifizieren können. Aber vielleicht bin ich hier auch überkritisch. Denn, stelle ich mir vor, wie beispielsweise meine Schüler*innen dieses Buch lesen würden, glaube ich, dass ihnen der Kontext reicht. Und das spricht ja wiederum für die Adressatengerechtigkeit.

Insgesamt hat Dorit Linke es geschafft, ein Stück gesellschaftliche Geschichte in einen tollen Jugendroman zu verpacken. Das Buch ist wirklich kurzweilig und unterhält den Leser sehr gut. Es ist sowohl amüsant, als auch ernst und diese Kombination ist sehr gut gelungen. Auch ich als Geschichtslehrerin habe noch etwas gelernt und freue mich sehr auf das Lesen der nächsten Teile. Ich vergebe 4,5 Sterne.

 

19. November 2018

Rezension: "Pro & Contra - Mein Licht in deiner Dunkelheit" von Sabine Schulter



Titel: Pro & Contra - Mein Licht in deiner Dunkelheit
Autor: Sabine Schulter
Verlag: Impress
Preis: 3,99€
Seiten: 431

Ich liebe außergewöhnliche Buchtitel. Es gibt jene, unter denen man sich nicht viel vorstellen kann, Neologismen oder andere Eigennamen. Dann gibt es die Allerweltsnamen, die dem Leser noch weniger sagen. Aber dann gibt es auch die besonderen Namen. Diese wecken Neugier und Aufmerksamkeit und sind gleichzeitig so verständlich, dass man sich auch mit Blick auf das Cover etwas vorstellen kann. Einer dieser besonderen Titel ist in meinen Augen Sabine Schulters neuer Einzelband „Pro & Contra – Mein Licht in deiner Dunkelheit“. Das Cover ist ein einziger Traum. Die Farben kommen gut zur Geltung und passen sehr gut zum Kontext der Geschichte. Auch die abgebildeten Figuren, die Lampe und die Blitze passen perfekt! Selbst wenn man ohne den Klappentext noch keine Ahnung von der unheimlich guten und spannenden Geschichte hat, die sich hinter der Titelseite verbirgt, sorgen Titel und Cover schon für Aufsehen. Aber ich kann versprechen, dass auch das Innere des Buches nicht enttäuscht. Ihr habt Lust auf eine Geschichte voller Familiarität, Liebe und Freundschaft? Voll innovativer und spannender Ideen? Und das alles noch an außergewöhnlichen Orten? Dann seid ihr bei dieser Dystopie definitiv richtig! Ich weiß kein Argument gegen das Lesen des Buches, aber da wären einige auf der Pro-Seite!

Summer ist eine Pro. Ihre Zellen produzieren von Natur aus Elektrizität – ein knappes Gut, seit ein Sonnensturm die Erde getroffen hat und die Menschen keinen Strom mehr herstellen können. Um Summers kostbare Quelle nutzbar zu machen, braucht es ein Gegenstück, einen Contra. Als sie zufällig Kayden begegnet, weiß sie: Dies ist der Moment, vor dem sie sich ihr Leben lang gefürchtet hat. Denn sobald ihre Verbindung offenbar wird, bedeutet das für sie beide ein Leben als Ausgebeutete. Für Summer und Kayden beginnt eine atemlose Flucht vor der Unterjochung und ein leidenschaftlicher Kampf um Selbstbestimmung.

Zuallererst will ich es nicht versäumen, die ganz offensichtlichen Vorzüge von „Pro & Contra“ zu benennen. Punkt eins: Es handelt sich um einen Einzelband! Jippieh! In meinen Augen gibt es diese im Jugendbuchgenre einfach viel zu selten. Sicher, auch diese Geschichte birgt Potenzial für weitere Teile, aber die Autorin hat sich bewusst dagegen entschieden, was ich absolut befürworte. Denn auch, wenn ich Kayden und Summer ungern gehen lasse, so konnte ich mich so viel besser in der Idee fallen lassen! Und man muss nicht mehr Jahre auf den zweiten Teil warten.
Punkt zwei: Es ist eine wahnsinnig gelungene Dystopie mit einem Ansatz, den ich so noch nie gelesen habe. Es geht um Elektrizität und stellt eine Welt vor, die auf genau diese verzichten musste. Doch die Menschen haben einen Weg gefunden, erneut Strom zu erschaffen und zwar mithilfe von Menschen, dessen Genmaterial mutiert ist. Es gibt zwei Fraktionen, die man zum Herstellen von Elektrizität benötigt, nämlich einen Pro und einen Contra. Einleuchtend, dass jene Menschen zur Zielscheibe der Regierung werden. Es ist ja zum Wohle der Allgemeinheit. Ihr könnt euch denken, dass dieser Grundstein für eine Dystopie mehr als geeignet ist.
Diese beiden Punkte sind absolut offensichtlich. Aber glücklicherweise geht es mit positiven Dingen weiter. Es ist kein Geheimnis, dass ich die Bücher von Sabine Schulter sehr gern lese. Ich finde, dass die Autorin umwerfende Ideen hat und ihr Stil sich in den letzten Jahren stark verbesserte. Das zeigte mir auch dieses Buch wieder, aber dazu später. Die Werte, die die Autorin in ihre Bücher einfließen lässt, sind zumeist gleich. Aber sie alle sind so wichtig, dass ich nie genug davon lesen könnte. Die berühmte familiäre Verbundenheit, die man schnell mit den Charakteren von Sabine Schulter empfindet, stellt sich auch hier sofort ein! Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt sind wichtige Aspekte der Geschichte. Es gibt einige Charaktere, doch man fühlt sich in ihrer Mitte sehr wohl! Mir gefällt das Wertekonstrukt sehr und man hat immer ein Gefühl des „nach Hause Kommens“. Inmitten der vielen Figuren stehen die beiden Protagonisten Kayden und Summer. Der Einstieg in die Geschichte gelingt überaus gut und unmittelbar. Zuerst lernt der Leser Kayden kennen, der ein wenig rebellisch, aber gleichzeitig loyal und vernünftig ist. Er ist ein wenig düster, aber irgendwie auch ganz niedlich und vor allem sarkastisch. Ich habe seine Erzählteile sogar lieber gelesen, als die von Summer. Er macht sich als Protagonist mehr als gut und hat auch seine Schwächen. Nachdem man Kayden auf einem Straßenfest kennen gelernt hat, tritt Summer auf eben diesem auf den Plan. Summer ist zierlich und abgesehen von ihrer Gabe absolut normal. Mit dieser Protagonistin hat Sabine Schulter mir wirklich einen riesigen Gefallen getan. Denn ich habe gern an der Perfektheit ihrer weiblichen Protagonistinnen rumgemeckert – und das durchaus zurecht. Aber Summer ist nicht einen Deut perfekt. Sie ist bodenständig und ein bisschen ängstlich. Sie ist keine Schönheit, aber durchaus intelligent. Es gibt eine Stelle, an der sie über sich selbst Folgendes sagt:

„Ich wollte meine Freiheit bewahren, trug dazu aber nicht wirklich etwas bei, außer zickig, explosiv und weinerlich zu sein. Es gab so viele Menschen, die mehr für meine Wünsche taten als ich selbst, was mir langsam immer egoistischer vorkam.“ (33%)
Ich musste mir diese Passage einfach markieren, weil ich total stolz darauf war, keine typische Jugendbuchprotagonistin vor mir zu haben, sondern eine junge Frau, die sich zu reflektieren weiß. Wenn auch ein kleines bisschen spät. Summer ist ein guter Gegenpart zum impulsiven Kayden und die beiden ergänzen sich hervorragend. Deswegen ist auch die gewählte Schreibweise sehr passend. Die Kapitel unterteilen sich immer in zwei Teile. Einen erzählt Kayden, den anderen Summer, in welcher Reihenfolge ist dabei variabel. Besonders gelungen ist dabei der Unterschied zwischen den beiden Hauptfiguren. Kayden erzählt sehr viel impulsiver und auch wertender als Summer. In seinen Passagen werden auch etwas derbere, manchmal lustigere Ausdrücke verwendet. Hier ein Beispiel:
„Dreh es einmal, damit aktivierst du es“, teilte mir Elliot mit, während ich Isaac leise lachen hören konnte. Der Kasper amüsierte sich offenbar prächtig und genoss es wahrscheinlich, mich an meiner Belastungsgrenze zu wissen.“ (54%)
Kayden ist relativ leicht zu provozieren, was ein deutlicher, aber amüsanter Makel ist. Ich mochte den jungen Mann auf Anhieb! Die beiden Protagonisten unterscheiden sich zwar in vielen Punkten, dennoch gleichen sie sich in den wichtigen Details. Sie kämpfen beide für Freiheit und Gerechtigkeit. Und natürlich kommen sie nicht umhin, sich ineinander zu verlieben. Diese Entdeckung fand ich übrigens sehr niedlich verschriftlicht. Mir gefiel die Liebesgeschichte wirklich gut!
Noch besser fand ich aber das Figurenkonstrukt. Summer und Kayden sind in relativ gleichen Sozialformen aufgewachsen und deswegen haben sowohl Summer, als auch Kayden ihre eigenen Leute um sich geschart, was eine große Gruppe am Ende ergibt. Elliot ist Summers bester Freund, Glenn ihr Beschützer. Beide Männer spielen eine große Rolle in ihrem Leben, aber auch Kalou gehört dazu. In Kaydens Leben hat eine gewisse Schmugglerbande das Sagen, die aber vor allem liebenswert ist. Ich mochte Thor und Susann, aber vor allem Isaac sorgt für Humor im Buch. Die große Gruppe hat sich der Befreiung der Strompaare verschrieben, doch dieses gefährliche Unternehmen geht nicht ohne Verluste von statten. So ist auch Emotionalität garantiert, neben all der Spannung, die die Geschichte bietet.
Für mich hat „Pro & Contra“ eine gewisse Grundspannung. Vor allem der Anfang hat mich wahnsinnig gefesselt. In der Mitte wurde es dann deutlich ruhiger, aber am Ende passierte sehr viel Rasantes. Die Spannungskurve gelingt gut, aber sie geht nicht immer steil nach oben. 
Zum Schreibstil lässt sich noch hinzufügen, dass er sehr flüssig und bildgewaltig ist. Sabine Schulter erschafft durch ihre kreativen Handlungsorte eine großartige Atmosphäre. Sie hat in all ihren Büchern den Kontrast zwischen Höhe und Tiefe untergebracht und deswegen befinden sich auch Summer und Kayden mal hoch über der Stadt und mal unter ihren Straßen. Mir gefällt dieser Kontrast sehr und die „verborgene Stadt“ hat wirklich etwas Besonderes. Die Autorin weiß auf jeden Fall zu erzählen und steckt viel Liebe in ihre Figuren, die auch deswegen so lebendig und real werden.


Der Titel lässt es schon erahnen: Hier geht es um Emotionen. „Mein Licht in deiner Dunkelheit“ deutet tief verborgene Probleme an, die nur durch Zusammenhalt gelöst werden können. Und Zusammenhalt ist definitiv eine der wichtigsten Stärken des Buches. Direkt dahinter lassen sich weitere Werte wie Familie, Freundschaft und Liebe finden. Sabine Schulter hat mit „Pro & Contra“ eine interessante und innovative Dystopie erschaffen, die vor allem durch ihre Charaktere glänzt! Summer und Kayden sind so verschieden und kämpfen doch für die gleiche Sache. Abenteuer, Emotionen und ein Kampf auf Leben und Tod lassen sich in dieser spannenden Geschichte finden. Ich vergebe also 5 von 5 Sternen und freue mich über diesen so gelungenen Einzelband!



21. September 2018

Rezension: "Gläsernes Schwert" von Victoria Aveyard


Titel: Gläsernes Schwert
Autor: Victoria Aveyard
Verlag: Carlsen
Preis: 21,99€
Seiten: 576

„Die rote Königin“ war ein umwerfendes Buch, das zurecht in aller Munde war. Aber wie das so oft bei tollen ersten Teilen ist, ist der zweite nicht sofort zur Hand. „Gläsernes Schwert“ erschien und wurde von mir zunächst ignoriert. Erst eineinhalb Jahre nach Lesen des ersten Teils griff ich zum Folgeband: und wurde herbe enttäuscht. Zum einen bestätigte sich die Gefahr, die sich bei Reihen oft anbahnt: der zu große zeitliche Abstand zur Geschichte. Zum anderen konnten mich aber weder die Charaktere und ihre Entwicklung, noch die Handlung selbst, von sich überzeugen. „Gläsernes Schwert“ hat gute Momente, war für mich aber eine sehr zähe Lektüre.

In letzter Sekunde wurden Mare und Prinz Cal von der Scharlachroten Garde aus der Todesarena gerettet. Die Rebellen hoffen, mit Hilfe der beiden den Kampf gegen die Silber-Herrschaft zu gewinnen. Doch Mare hat eigene Pläne. Gemeinsam mit Cal will sie diejenigen aufspüren, die sind wie sie: Rote mit besonderen Silber-Fähigkeiten. Denn auch der neue König der Silbernen, ihr einstiger Verlobter, hat es auf diese Menschen abgesehen. Aber schnell wird klar, dass er eigentlich nur eins will – und zwar um jeden Preis: Mare.

Bevor ich mich an diese Rezension gesetzt habe, klickte ich mich zu derjenigen von „Die rote Königin“ durch. Ich habe das Buch wirklich geliebt und das wird in meiner Rezension auch deutlich. Warum ich dann irgendwann nicht mehr das Bedürfnis hatte, weiterzulesen, weiß ich nicht. Aber nun hatte ich es endlich geschafft, der Klappentext sprach mich wieder an und ich wollte erneut in Mares Welt eintauchen. Das erste Problem? Ich wusste überhaupt nichts mehr. Ja, da war die Sache mit den verschiedenen Farben des Blutes. Und Maven…und Cal. Aber wer war noch Julian? Oder welche Fähigkeit besitzt denn Mares Bruder Shane nochmal? Ich stellte mir die ersten 100 Seiten ziemlich viele Fragen. Und leider hat die Autorin Victoria Aveyard auch nur mäßiges Talent bewiesen, wichtige Informationen wieder in den Anfang des Buches fließen zu lassen. Oft kennt man es ja, dass ein kleiner Umriss der vergangenen Ereignisse am Anfang von mehrteiligen Büchern steht. Das war hier nicht der Fall. Und deswegen fühlte ich mich als Leser ganz schön allein gelassen.
Hinzu kam, dass mir jegliche Identifikation fehlte. Gut, an dem zeitlichen Abstand zur Story bin ich ja selbst schuld. Aber die Figuren hatten nichts mehr von ihrer Stärke aus Band eins. Vor allem Mare hat sich zur unsympathischen, selbstbemitleidenden und selbstgerechten Protagonistin gemausert. Ich konnte sie einfach nicht mehr mögen. Sie handelt naiv und egoistisch. Gegenüber geliebten Menschen verhält sie sich vollkommen irrational. Schon klar, dass der Krieg sie verändert hat und ihr Wandel dadurch wahrscheinlich gar nicht so unauthentisch ist. Aber als tragende Persönlichkeit der Geschichte tut sie dem Buch nicht gut. Zwischendurch sagt und denkt sie zwar ziemlich intelligente Dinge, aber diese Momente waren wirklich zu selten. Cal hingegen mag ich immer noch ganz gern, auch wenn ich ihn nicht durchschauen kann. Über Maven lässt sich durch dieses Buch nicht sehr viel sagen, da er doch eher eine repräsentative Rolle einnimmt. Der Rest von Mares Verbündeten sind noch das beste am Buch: Farley, Shane, Kilorn und weitere Neublüter. Aber das ist wieder etwas, das ich einfach nicht verstanden habe. Was ist denn Ziel des Buches? Bis vor kurzem dachte ich auch, es würde sich um eine Trilogie handeln und ich stöhnte auf, als ich erfuhr, dass der letzte Teil nächsten Monat erscheint. „Gläsernes Schwert“ ist bereits etwas dicker. „Goldener Käfig“ steigert das Ganze noch. Und ich frage mich einfach, wieso? Denn in diesem zweiten Teil passiert zwar einiges, aber das wenigste davon trägt zur Handlung bei - und erst recht nicht zur Spannung. Denn spannend waren nur wenige Szenen im Buch. Vieles hätte man weglassen können. Insgesamt ist der Aufbau nicht ganz gelungen, denn man fragt sich ziemlich lange, wo die Geschichte hin will. Das Setting hat sich vollkommen umgekehrt. Denn „Gläsernes Schwert“ handelt eigentlich nur von Krieg. Große Gefühle sind da natürlich fehl am Platz. Und das ist sehr schade, denn die Autorin hat doch ein solches Fingerspitzengefühl in Band eins bewiesen. Doch das, was Mare mit Cal hat, ist eigentlich keiner Erwähnung wert. Und Maven? Er hat zwei Szenen im Buch, mehr sage ich dazu nicht. 
Wenn ich es so resümiere, fehlte mir an dem Buch doch ziemlich viel: Gefühle, Spannung, Story und eine gute Protagonistin. Die Handlung plätschert langsam vor sich hin und das Ziel bleibt lange unklar. Was allerdings gut ist, ist der Schreibstil. Victoria Aveyard schreibt manchmal sehr philosophisch und intelligent. Was ich aber nicht so mochte, ist, dass jedes Kapitel mit einem schlauen Satz enden möchte. Dennoch ist der Stil gut und flüssig.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich die Reihe weiterlesen möchte. Und das ist sehr schade, denn der erste Teil konnte mich begeistern. Nun folgte aber mit „Gläsernes Schwert“ ein unnötig in die Länge gezogener Folgeband, in dem nicht viel passiert und wenn doch, sich die Lage ins Unsympathische kehrt. Ich kam mit Mare nicht zurecht und alle anderen spielen doch eine sehr untergeordnete Rolle. Von Beziehungen und Gefühlen kann man hier kaum sprechen und auch Spannung habe ich oft vermisst. Dennoch hat das Buch auch seine guten Seiten und Szenen. Die waren mir aber deutlich zu wenig und deshalb komme ich auf eine Wertung von 2,5 Spitzenschuhen. Nächsten Monat erscheint Band vier der Reihe. Mal abwarten, ob ich jemals aber zum dritten greifen werde...