26. August 2026

Rezension: "So leicht kommen wir nicht davon" von Dorit Linke


Titel: So leicht kommen wir nicht davon
Autorin: Dorit Linke
Verlag: Arena
Preis: 16,00€
Seiten: 248

Es ist beinahe zehn Jahre her, dass ich das Buch „Jenseitsder blauen Grenze“ von Dorit Linke gelesen habe. Trotzdem ist es eines jener Bücher, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Eines, an das ich immer noch denke - auch zehn Jahre später.
Es geht um ein Mädchen, das sich entschließt, über die Ostsee aus der DDR zu flüchten. Ein riskantes Unterfangen, das seinen Tribut fordert. Oft habe ich mich gefragt, was wohl aus Hanna geworden ist, nachdem sie es tatsächlich in den Westen geschafft hat. Scheinbar fragte auch die Autorin selbst sich das immer wieder. „So leicht kommen wir nicht davon“ beantwortet nun genau diese Fragen. Es handelt sich um den Fortsetzungsroman über Hannas Leben. Und was soll ich sagen… Die Geschichte zerreißt mir das Herz. Sie ist unglaublich authentisch, bewegend und so, so, so wichtig in dieser Zeit. Niemand, der der DDR-Diktatur unterworfen war, ist vermutlich je richtig „davon gekommen“. Genau das zeigt dieses Buch. Es ist Vergangenheit und Gegenwart, Stillstand und Leben zugleich. Es ist großartig.


Hanna ist nach ihrer Flucht bei ihrer Tante in der BRD angekommen. Sie muss lernen, dass Freiheit nicht nur Aufbruch bedeutet, sondern auch, sich mutig der Vergangenheit zu stellen. Während sie versucht zwischen Schwimmtraining und Party eine neue Normalität zu leben, fällt die Mauer. Sie kehrt in die DDR zurück. Dort trifft sie bei ihren Eltern, Freunden und alten Bekannten auf Hoffnung, Orientierungslosigkeit und auch Misstrauen. Hanna fühlt sich zusehends zerrissen zwischen neuen Bekanntschaften, den Erinnerungen an Andreas und den Erlebnissen in der Nachwendezeit. Einige Jahre später erlebt sie die entfesselte Gewalt beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, die das vermeintlich antifaschistische Selbstbild ihrer früheren Heimat brutal zerstört.
Erst als sie ihr Weg weiter führt, von Bremen, nach Berlin und schließlich nach Schottland, kann sie endlich wieder atmen, findet ihre Liebe und gewinnt die Leichtigkeit im Leben zurück.

Die richtigen Worte für diese Geschichte zu finden, ist nicht leicht. Ich empfand „So leicht kommen wir nicht davon“ als unglaublich ‚groß‘. ‚Groß‘ im Sinne von ‚bedeutend‘. Das Buch fängt ein so wichtiges und gleichzeitig sensibles Thema ein und wählt einen ganz besonderen Weg der Aufarbeitung - als Jugendbuch. Lasst mich ein wenig ausholen, um das zu erklären.
Ich bin in den frühen 90er Jahren geboren, wuchs also in einem vereinten Deutschland auf. Im Westen. Für mich gab es das Thema DDR quasi erst im Schulunterricht. Heute bin ich Geschichtslehrerin und leite relativ simpel viele unserer gesellschaftlichen Entwicklungen anhand der innerdeutschen Geschichte mit meinen Schülern und Schülerinnen ab. Ist ja klar, wenn man sich auf Quellen berufen kann. Statistiken. Tabellen. Eindeutig. Und trotzdem sehen wir in unserer heutigen politischen Entwicklung, dass vieles eben nicht so klar ist, wie es Analysen an einem Bremer Gymnasium scheinbar zeigen. Es ist wichtig, immer wieder über die DDR als Diktatur zu sprechen. Das Thema und all die Unterdrückung wach zu halten, die Menschen daran zu erinnern, dass früher eben nicht „vieles einfach besser war“. Und deswegen spreche ich vom Adjektiv ‚groß‘. Denn für mich leistet „So leicht kommen wir nicht davon“ einen Teil zum kollektiven Erinnern. Es ist ein Jugendbuch, das auf eine unterhaltsame, aber ergreifende Art und Weise erinnern und aufklären will – ohne belehrend zu sein. Davor will ich meinen Hut ziehen! Dorit Linke ist selbst in der DDR aufgewachsen, verarbeitet teilweise also autobiographische Erlebnisse und genau deshalb sind auch ihre beiden Bücher über Hanna so unglaublich gut.
Obwohl ich zum Buch selbst bisher wenig gesagt habe, ist glaube ich klar, dass mich „So leicht kommen wir nicht davon“ begeistert hat. Gehen wir aber mal ins Detail.
Insgesamt geht es in dem Buch um Hannas Leben nach der Wende. Sie sucht sich selbst in einem zerrissenen Land, das beinahe ein Spiegel ihrer Seele ist. Der Verlust ihres Freundes Andreas und die damit verbundenen Schuldgefühle lassen sie nicht los. Hannah pendelt zwischen Bremen und Rostock, ja beinahe zwischen zwei Leben hin und her. Sie ist die Ich-Erzählerin, der man die ganze Zeit über genau diese Zerrissenheit anmerkt. Manchmal erlaubt sie sich nicht, etwas zu fühlen. Manchmal fühlt sie zu viel. Sie berichtet dabei von ihrem Leben und spricht immer wieder jemanden an. Es ist eigentlich ziemlich schnell klar, dass „du“ nur Andreas sein kann. Hanna hat das Bedürfnis, ihrem verstorbenen Freund zu erzählen, wie es in ihrem Leben weiter geht. Ihn mitzunehmen in ein Leben, das er nicht mehr leben darf. Ich fand es sehr authentisch, dass Hanna dieses Bedürfnis hat. So wird Andreas zu einem erneuten Protagonisten in diesem zweiten Teil, ohne jemals dabei gewesen zu sein. Auch Sachsen-Jensi spielt übrigens wieder eine große Rolle. Aber auch diese Beziehung ist dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklung in gewisser Form unterworfen.
Mir hat die Art des Erzählens von Dorit Linke sehr gut gefallen. Das Buch ist nicht in Kapiteln erzählt. Es wird eher fragmenthaft berichtet und selten chronologisch. Für einige ist es möglicherweise nicht ganz leicht, sich in diesen Erzählstil zu arbeiten. Aber Hannas Leben und ihr Charakter selbst sind eben auch nicht leicht. Mich haben die Zeitsprünge, die zwischen 1989 und 1999 stattfinden, auch manchmal etwas durcheinander gebracht. Aber Hanna ist trotzdem keine sprunghafte Erzählerin. Die Rückblenden werden immer dann genutzt, wenn es einen Erzählanlass gibt. Ein Ereignis, die Begegnung mit einer Person. Eben Auslöser, um Andreas etwas aus der Vergangenheit zu erzählen. Der Erzählstil ist ein weiteres Mittel, um Hannas Charakter deutlich zu machen. Sie versucht sich zurechtzufinden, genauso wie der Erzählstil. Doch wie soll man sich in diesem wiedervereinten Land zurechtfinden?!
Die Geschichte springt nicht nur zwischen den Jahren, sondern auch zwischen Orten. Rostock, Bremen, Berlin und mehrere Städte in Schottland sind die Schauplätze für Hannas Geschichte. Die Route ihres Lebens ist kompliziert, könnte man sagen. Mir hat auch hier die Authentizität gefallen. Da ich Bremerin bin, habe ich mich ein klitzekleines Bisschen mehr mit Hannah identifiziert als vorher schon. Noch besser erfasst hat die Autorin aber ihre Heimatstadt Rostock. Man merkt einfach, dass hier von echten Orten und Erlebnissen die Rede ist.
Und die DDR war echt. Das macht Dorit Linke immer wieder deutlich. Es geht hier eben nicht um eine nette Jugendgeschichte. Hier wird aufgearbeitet. Aber bitte versteht mich nicht falsch, denn es geschieht nicht auf anstrengende Art und Weise. Wer will, kann zum Beispiel immer wieder hinten im Buch mit Sternchen gekennzeichnete Begriffe nachschlagen. Im Glossar werden Begriffe wie „Jugendwerkhof“ oder „Volkseigentum“ erklärt. Aber auch der rumänische Bürgerkrieg kann zum Beispiel nachgeschlaen werden. Ich fand es so spannend, auf diese Art und Weise zu erfahren, was eigentlich rund um mein Geburtsjahr so in der Welt los war. Denn so lange ist das doch nicht her, oder doch?
Man muss all diese Erklärungen nicht lesen. Aber denjenigen, die interessiert sind, werden hier weitere Informationen angeboten. Ich persönlich fand auch das Nachwort sehr, sehr stark. Linke bezieht hier deutlich Stellung zu politischen Entwicklungen und spricht offen Dinge an. Auch hier gilt weiterhin, dass niemals belehrt wird. Aber dass man sich eben der Realität stellen muss. So wie Hannah das tun musste.
Ein letztes Wort will ich noch zum Titel loswerden. Ich finde ihn unglaublich klug. Was jeder als Phrase aus dem Alltag kennt, kann einfach wunderbar interpretiert werden. Dabei finde ich besonders spannend, wer eigentlich „wir“ ist. Hanna und Andreas sind nicht davongekommen, einer hat sogar mit seinem Leben bezahlt (doch hätte er das nicht auch, wäre er geblieben?!). „Wir“ kann aber auch kollektiv für die gesamte Generation stehen, die mit dem Untergang der DDR zurechtkommen musste. Oder das kollektive Gedächtnis? Denn sind nicht auch "wir" – die Kinder, die nach der Wende geboren wurden – gemeint? Sind nicht auch wir irgendwie verantwortlich, die Geschichte lebendig zu halten? So oder so: Der Titel passt hervorragend.

Für mich steht fest, dass Dorit Linke mit „So leicht kommen wir nicht davon“ ein Stück Geschichtsaufarbeitung geschaffen hat, die in einem wunderbaren Roman stattfindet, der für jedermann geeignet ist. Ganz egal, ob das ein Zeitzeuge oder ein Bremer Schüler ist, der noch nie in seinem Leben von der DDR gehört hat. Hanna ist eine spannende Erzählerin, die einfängt, wie eine ganze Generation sich gefühlt haben muss. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und gleichzeitig habe ich wieder viel gelernt. Das Buch ist literarisch, aber auch thematisch sehr interessant. Mit Leichtigkeit fängt es ein ernstes Thema ein, was ich sehr bewundere. Die fünf Sterne stehen außer Frage.




Nachwort:
Ich für meinen Teil habe entschieden, dass ich „Jenseits der blauen Grenze“ und „So leicht kommen wir nicht davon“ in mein Repertoire als Lehrerin einfließen lassen möchte. Und sei es nur durch die Empfehlung der beiden Bücher, wenn ich wieder einmal etwas über die DDR unterrichte. Aber die Autorin geht auch selbst in Schulen und bietet Workshops an. Ich möchte ihr am liebsten zuschreien: Mehr, mehr, mehr! Genau so etwas braucht es nämlich in Schule und in unserer Gesellschaft, in der freien Meinungsbildung und politischen Bildung. Und wenn man nur eine Handvoll Jugendliche erreicht, so ist das nicht nichts. Denn jeder zählt.

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