Titel: So leicht kommen wir nicht davon
Autorin: Dorit Linke
Verlag: Arena
Preis: 16,00€
Seiten: 248
Es ist beinahe zehn Jahre her, dass ich das Buch „Jenseitsder blauen Grenze“ von Dorit Linke gelesen habe. Trotzdem ist es eines jener
Bücher, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Eines, an das ich immer noch
denke - auch zehn Jahre später.
Es geht um ein Mädchen, das sich entschließt, über die Ostsee aus der DDR zu
flüchten. Ein riskantes Unterfangen, das seinen Tribut fordert. Oft habe ich
mich gefragt, was wohl aus Hanna geworden ist, nachdem sie es tatsächlich in
den Westen geschafft hat. Scheinbar fragte auch die Autorin selbst sich das
immer wieder. „So leicht kommen wir nicht davon“ beantwortet nun genau diese
Fragen. Es handelt sich um den Fortsetzungsroman über Hannas Leben. Und was
soll ich sagen… Die Geschichte zerreißt mir das Herz. Sie ist unglaublich
authentisch, bewegend und so, so, so wichtig in dieser Zeit. Niemand, der der
DDR-Diktatur unterworfen war, ist vermutlich je richtig „davon gekommen“.
Genau das zeigt dieses Buch. Es ist Vergangenheit und Gegenwart, Stillstand und
Leben zugleich. Es ist großartig.

Hanna ist nach ihrer Flucht bei ihrer Tante in der BRD
angekommen. Sie muss lernen, dass Freiheit nicht nur Aufbruch bedeutet, sondern
auch, sich mutig der Vergangenheit zu stellen. Während sie versucht zwischen
Schwimmtraining und Party eine neue Normalität zu leben, fällt die Mauer. Sie
kehrt in die DDR zurück. Dort trifft sie bei ihren Eltern, Freunden und alten
Bekannten auf Hoffnung, Orientierungslosigkeit und auch Misstrauen. Hanna fühlt
sich zusehends zerrissen zwischen neuen Bekanntschaften, den Erinnerungen an
Andreas und den Erlebnissen in der Nachwendezeit. Einige Jahre später erlebt
sie die entfesselte Gewalt beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, die das
vermeintlich antifaschistische Selbstbild ihrer früheren Heimat brutal
zerstört.
Erst als sie ihr Weg weiter führt, von Bremen, nach Berlin und schließlich nach
Schottland, kann sie endlich wieder atmen, findet ihre Liebe und gewinnt die
Leichtigkeit im Leben zurück.
Die richtigen Worte für diese Geschichte zu finden, ist
nicht leicht. Ich empfand „So leicht kommen wir nicht davon“ als unglaublich ‚groß‘.
‚Groß‘ im Sinne von ‚bedeutend‘. Das Buch fängt ein so wichtiges und
gleichzeitig sensibles Thema ein und wählt einen ganz besonderen Weg der Aufarbeitung - als Jugendbuch.
Lasst mich ein wenig ausholen, um das zu erklären.
Ich bin in den frühen 90er Jahren geboren, wuchs also in einem vereinten
Deutschland auf. Im Westen. Für mich gab es das Thema DDR quasi erst im
Schulunterricht. Heute bin ich Geschichtslehrerin und leite relativ simpel
viele unserer gesellschaftlichen Entwicklungen anhand der innerdeutschen
Geschichte mit meinen Schülern und Schülerinnen ab. Ist ja klar, wenn man sich
auf Quellen berufen kann. Statistiken. Tabellen. Eindeutig. Und trotzdem sehen wir in unserer heutigen
politischen Entwicklung, dass vieles eben nicht so klar ist, wie es Analysen an
einem Bremer Gymnasium scheinbar zeigen. Es ist wichtig, immer wieder über die
DDR als Diktatur zu sprechen. Das Thema und all die Unterdrückung wach zu
halten, die Menschen daran zu erinnern, dass früher eben nicht „vieles einfach
besser war“. Und deswegen spreche ich vom Adjektiv ‚groß‘. Denn für mich
leistet „So leicht kommen wir nicht davon“ einen Teil zum kollektiven Erinnern.
Es ist ein Jugendbuch, das auf eine unterhaltsame, aber ergreifende Art und
Weise erinnern und aufklären will – ohne belehrend zu sein. Davor will ich
meinen Hut ziehen! Dorit Linke ist selbst in der DDR aufgewachsen, verarbeitet
teilweise also autobiographische Erlebnisse und genau deshalb sind auch ihre
beiden Bücher über Hanna so unglaublich gut.
Obwohl ich zum Buch selbst bisher wenig gesagt habe, ist glaube ich klar, dass
mich „So leicht kommen wir nicht davon“ begeistert hat. Gehen wir aber mal ins
Detail.
Insgesamt geht es in dem Buch um Hannas Leben nach der Wende. Sie sucht sich
selbst in einem zerrissenen Land, das beinahe ein Spiegel ihrer Seele ist. Der
Verlust ihres Freundes Andreas und die damit verbundenen Schuldgefühle lassen
sie nicht los. Hannah pendelt zwischen Bremen und Rostock, ja beinahe zwischen
zwei Leben hin und her. Sie ist die Ich-Erzählerin, der man die ganze Zeit über
genau diese Zerrissenheit anmerkt. Manchmal erlaubt sie sich nicht, etwas zu
fühlen. Manchmal fühlt sie zu viel. Sie berichtet dabei von ihrem Leben und
spricht immer wieder jemanden an. Es ist eigentlich ziemlich schnell klar, dass
„du“ nur Andreas sein kann. Hanna hat das Bedürfnis, ihrem verstorbenen Freund
zu erzählen, wie es in ihrem Leben weiter geht. Ihn mitzunehmen in ein Leben,
das er nicht mehr leben darf. Ich fand es sehr authentisch, dass Hanna dieses
Bedürfnis hat. So wird Andreas zu einem erneuten Protagonisten in diesem
zweiten Teil, ohne jemals dabei gewesen zu sein. Auch Sachsen-Jensi spielt
übrigens wieder eine große Rolle. Aber auch diese Beziehung ist dem Druck der
gesellschaftlichen Entwicklung in gewisser Form unterworfen.
Mir hat die Art des Erzählens von Dorit Linke sehr gut gefallen. Das Buch ist
nicht in Kapiteln erzählt. Es wird eher fragmenthaft berichtet und selten
chronologisch. Für einige ist es möglicherweise nicht ganz leicht, sich in
diesen Erzählstil zu arbeiten. Aber Hannas Leben und ihr Charakter selbst sind
eben auch nicht leicht. Mich haben die Zeitsprünge, die zwischen 1989 und 1999
stattfinden, auch manchmal etwas durcheinander gebracht. Aber Hanna ist
trotzdem keine sprunghafte Erzählerin. Die Rückblenden werden immer dann
genutzt, wenn es einen Erzählanlass gibt. Ein Ereignis, die Begegnung mit einer
Person. Eben Auslöser, um Andreas etwas aus der Vergangenheit zu erzählen. Der
Erzählstil ist ein weiteres Mittel, um Hannas Charakter deutlich zu machen. Sie
versucht sich zurechtzufinden, genauso wie der Erzählstil. Doch wie soll
man sich in diesem wiedervereinten Land zurechtfinden?!
Die Geschichte springt nicht nur zwischen den Jahren, sondern auch zwischen
Orten. Rostock, Bremen, Berlin und mehrere Städte in Schottland sind die
Schauplätze für Hannas Geschichte. Die Route ihres Lebens ist kompliziert,
könnte man sagen. Mir hat auch hier die Authentizität gefallen. Da ich Bremerin
bin, habe ich mich ein klitzekleines Bisschen mehr mit Hannah identifiziert als
vorher schon. Noch besser erfasst hat die Autorin aber ihre Heimatstadt
Rostock. Man merkt einfach, dass hier von echten Orten und Erlebnissen die Rede
ist.
Und die DDR war echt. Das macht Dorit Linke immer wieder deutlich. Es geht hier
eben nicht um eine nette Jugendgeschichte. Hier wird aufgearbeitet. Aber bitte
versteht mich nicht falsch, denn es geschieht nicht auf anstrengende Art und
Weise. Wer will, kann zum Beispiel immer wieder hinten im Buch mit Sternchen gekennzeichnete Begriffe nachschlagen. Im Glossar werden Begriffe wie „Jugendwerkhof“
oder „Volkseigentum“ erklärt. Aber auch der rumänische Bürgerkrieg kann zum Beispiel nachgeschlaen werden. Ich fand es so spannend, auf diese Art und Weise zu erfahren, was eigentlich rund um mein Geburtsjahr so in der Welt los war. Denn so lange ist das doch nicht her, oder doch?
Man muss all diese Erklärungen nicht lesen. Aber denjenigen,
die interessiert sind, werden hier weitere Informationen angeboten. Ich
persönlich fand auch das Nachwort sehr, sehr stark. Linke bezieht hier deutlich
Stellung zu politischen Entwicklungen und spricht offen Dinge an. Auch hier
gilt weiterhin, dass niemals belehrt wird. Aber dass man sich eben der Realität
stellen muss. So wie Hannah das tun musste.
Ein letztes Wort will ich noch zum Titel loswerden. Ich finde ihn unglaublich
klug. Was jeder als Phrase aus dem Alltag kennt, kann einfach wunderbar interpretiert werden.
Dabei finde ich besonders spannend, wer eigentlich „wir“ ist. Hanna und Andreas
sind nicht davongekommen, einer hat sogar mit seinem Leben bezahlt (doch hätte
er das nicht auch, wäre er geblieben?!). „Wir“ kann aber auch kollektiv für die
gesamte Generation stehen, die mit dem Untergang der DDR zurechtkommen musste.
Oder das kollektive Gedächtnis? Denn sind nicht auch "wir" – die Kinder, die nach
der Wende geboren wurden – gemeint? Sind nicht auch wir irgendwie
verantwortlich, die Geschichte lebendig zu halten? So oder so: Der Titel passt
hervorragend.
Für mich steht fest, dass Dorit Linke mit „So leicht kommen
wir nicht davon“ ein Stück Geschichtsaufarbeitung geschaffen hat, die in einem
wunderbaren Roman stattfindet, der für jedermann geeignet ist. Ganz egal, ob
das ein Zeitzeuge oder ein Bremer Schüler ist, der noch nie in seinem Leben von
der DDR gehört hat. Hanna ist eine spannende Erzählerin, die einfängt, wie eine
ganze Generation sich gefühlt haben muss. Ich habe mich sehr gut unterhalten
gefühlt und gleichzeitig habe ich wieder viel gelernt. Das Buch ist
literarisch, aber auch thematisch sehr interessant. Mit Leichtigkeit fängt es
ein ernstes Thema ein, was ich sehr bewundere. Die fünf Sterne stehen außer
Frage.
Nachwort:
Ich für meinen Teil habe entschieden, dass ich „Jenseits der blauen Grenze“ und
„So leicht kommen wir nicht davon“ in mein Repertoire als Lehrerin einfließen
lassen möchte. Und sei es nur durch die Empfehlung der beiden Bücher, wenn ich
wieder einmal etwas über die DDR unterrichte. Aber die Autorin geht auch selbst
in Schulen und bietet Workshops an. Ich möchte ihr am liebsten zuschreien:
Mehr, mehr, mehr! Genau so etwas braucht es nämlich in Schule und in unserer
Gesellschaft, in der freien Meinungsbildung und politischen Bildung. Und wenn
man nur eine Handvoll Jugendliche erreicht, so ist das nicht nichts. Denn jeder
zählt.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Wenn du auf meinem Blog kommentierst, werden die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (Link einfügen) und in der Datenschutzerklärung von Google.