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20. Oktober 2018

Rezension [Klassiker]: "Lieber Daddy Long Legs" von Jean Webster



Titel: Lieber Daddy Long Legs
Autor: Jean Webster
Verlag: Königskinder Verlag
Preis: 18,99€
Seiten: 258

Die wunderschöne Aufmachung des Romans „Lieber Daddy Long Legs“ von Jean Webster aus dem Königskinder Verlag stand schon lange auf meiner Wunschliste. Ich gebe zu, dass das Cover und die verspielte Art entscheidende Gründe für den Wunsch waren, doch auch der Klappentext klang sehr schön. Und als ich das dünne Büchlein dann endlich Mein nennen konnte, begann ich schnell mit dem Lesen. Vielleicht zu schnell. Denn für diese besondere und liebevolle Geschichte sollte man sich mehr Zeit, als nur einen Tag, nehmen. Denn dann kann die wundervolle und starke Protagonistin Judy sich erst richtig entfalten und zieht den Leser in ihre Welt. Schließlich beinhaltet ein einseitiger Briefroman eine gewisse Monotonie, auch wenn Jean Webster dieses Problem ganz wundervoll gelöst hat, indem man dennoch den Eindruck eines Dialogs hat. Mich hat der Roman wunderbar unterhalten, auch wenn das große Geheimnis schnell durchschaubar ist. Er ist perfekt für ein paar süße Stunden, doch nehmt euch auch bewusst Zeit dafür!

Fast 18 Jahre hat Judy Abbott im Waisenhaus gelebt. Wegen ihrer literarischen Begabung wird sie nun von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt. Der Mann möchte namenlos bleiben, Judy soll ihm aber jeden Monat einen Brief über ihre Fortschritte schreiben. Voller Begeisterung stürzt sich Judy in dieses unbekannte Leben. Mehr als einmal im Monat schreibt sie „Mr Smith“, denn sie hat ja sonst niemanden auf der Welt, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen kann. Briefe voller Witz, über Hüte und Literatur, über neue Freundschaften und immer öfter auch über den sympathischen Jervis Pendleton.

Zuerst muss ich einen beschämenden Fakt zugeben. Ich bin ein großer Liebhaber von Klassikern und ich wusste nicht, dass „Lieber Daddy Long Legs“ genau ein solcher ist. Ich hielt Jean Webster für eine zeitgenössische Autorin und war begeistern von dem authentischen Zeitgeist, den sie in dem Roman einfängt. Erst nach dem Lesen erfuhr ich, dass der Königskinder Verlag hier ein Werk von 1912 neu verlegt hatte. Und plötzlich machte so vieles Sinn! Ich habe die Geschichte auch so sehr genossen, doch mit dieser Hintergrundinformation kann man Judys Charakter einfach viel besser verstehen. Das Jahr, in dem das Buch spielt, wird nicht genau genannt, denn die Briefe sind lediglich bis zum Monat datiert. Trotzdem ist mir mein Fehler ziemlich peinlich. Also: Wir haben es mit einem Klassiker zu tun.
Und einem sehr dünnen dazu. Die Autorin hat meines Erachtens eine besondere Geschichte erschaffen. Man kennt Briefromane, auch einseitige Briefromane. Doch selten ist eine Frau die Autorin von solchen und schon das allein macht das Buch interessant. 
Der Einstieg gelang mir sehr gut. Er erfolgt in Form eines normalen Kapitels, in dem über Judys bisheriges Leben im Waisenhaus berichtet wird. Und dann kommt der Tag, an dem sich alles ändert und sie erfährt, dass sie auf die Universität gehen darf! Wohl gemerkt, eine Universität nur für Frauen. Doch was für ein Schritt in ein neues Leben! Judy – eigentlich Jerusha – ergreift ihre Chance und beginnt mit dem Ziel eine große Schriftstellerin zu werden, das Studium. Von nun an erfährt der Leser nur noch etwas über Judy, ihre Freunde und ihre Erfahrungen in Form von Briefen – Briefe an den mysteriösen Mr. Daddy Long Legs. Judy hat ihren Gönner selbst so benannt, denn sie sah ihn nur ein einziges Mal von hinten und alles, was sie noch weiß, sind seine langen Beine. 
Wie man an diesem Spitznamen schon merken kann, ist Judy eine sehr selbstbewusste und humorvolle junge Frau. Um viele Konventionen weiß sie einfach nicht, doch sie ist eine ehrliche Haut. Und da sie nie eine Antwort von Daddy Long Legs erwarten muss, schreibt sie genau das, was sie denkt und was sie bewegt. Judys Briefe sind so authentisch und herzergreifend, dass man sich vollkommen in ihnen verlieren will. Man hat es immer nur mit ihr als Erzählerin zu tun und wird gleichzeitig zum neutralen Beobachter ihres Lebens. Zwar bekommt der Leser lediglich Informationen von ihr und über sie, doch trotzdem stellt sich ein Gefühl ein, als wäre man dabei. Die Briefe sind nicht alle weltbewegend spannend, aber die meisten sind wahnsinnig amüsant. Man liest das Buch mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht. Manchmal liegen viele Wochen zwischen den Briefen, manchmal nur wenige Tage. Das gewählte Medium finde ich absolut großartig und Judys Art Briefe zu schreiben, hat etwas Künstlerisches. Und dennoch ist der Stil recht simpel, wenn man sich einmal an die Tonart des frühen 20. Jahrhunderts gewöhnt hat. Ich fand ihn einfach nur großartig, weil er so humorvoll und bildlich erzählend ist. Judy fertigt übrigens auch kleine Zeichnungen zu ihren Briefen an, die ebenfalls im Buch abgedruckt sind.
Judys Leben plätschert manchmal nur so dahin und sie ist selbst auf der Suche. Allerdings kann man von Anfang bis Ende eine interessante Entwicklung der Figur wahrnehmen. In Nebensträngen spielen auch die Themen Politik, Feminismus und Familie eine Rolle. Schließlich muss Judy über etwas schreiben. Und worüber soll man an jemand Fremdes schreiben, wenn nicht über sich und seine Ansichten? Tatsächlich hat man aber nie das Gefühl, als wenn Daddy Long Legs jemand Fremdes ist. Und natürlich ist es Ziel des Buches, zu erfahren, wer sich hinter diesem Synonym versteckt. Es ist übrigens auch nicht so, dass Daddy nie handelt. Er schreibt keine Antwortbriefe. Doch er beschenkt Judy etwa zu Weihnachten, schickt Blumen, wenn sie krank ist oder organisiert ihre Feriendomizile. So entsteht doch ein gewisser und humorvoller Austausch. Doch das große Geheimnis, wer denn nun der geheime Gönner ist, ist schnell erkannt. Auch, weil es wenige Alternativen gibt. Und dennoch gefiel mir die Auflösung außerordentlich gut. 
Es gibt nicht viele Figuren im Roman, schließlich handelt es sich um eine große Sammlung von Briefen. Judy ist eine großartige Protagonistin: stark, selbstbewusst, humorvoll, politisch orientiert und dennoch kritisch mit sich und der Welt. Daddy Long Legs scheint jemand zu sein, der die Fäden gern in der Hand hält und dennoch hat er etwas Liebevolles an sich. Judys Freundinnen spielen keine allzu große Rolle, sind aber nette Nebenfiguren. Doch insgesamt geht es um eine einseitige Beziehung, die sich nach und nach entwickelt. Das Ende des Romans passt sehr gut und ist ein toller Abschluss. Ich habe das Buch an nur einem Tag gelesen und mit einem Lächeln zugeklappt. 
Diesen einen Tag will ich aber nicht unbedingt empfehlen. Man sollte sich mehr Zeit für Judys Briefe nehmen, da man sie sonst nicht richtig genießen kann. Irgendwann wird es zu viel, zu gleich. Ich habe zwischendurch immer kleine Pausen machen müssen. Schließlich beinhaltet der Roman mehrere Jahre. Und wenn diese binnen weniger Stunden an einem vorbei ziehen, kann der Bezug fehlen. Aber auch so bleibt der Roman sehr kurzweilig. Er bietet allerdings tolle Unterhaltung!


Ich habe die Geschichte von der ersten Seite an geliebt! Ich bewundere Judy, ihre Art das Leben zu sehen und ihre Eigenschaft so ehrlich mit sich und der Welt ins Gericht zu gehen. Die Gefühle, die durch die Briefe der jungen Frau hervorgerufen werden, sind bezaubernd! Judy entführt den Leser mit einfachen Briefen in ihr Leben und lässt ihn mitleiden und mithoffen. Der Briefroman ist trotz seiner Einseitigkeit wundervoll und sehr unterhaltsam. Der Humor in jedem einzelnen Brief ist fantastisch und ich hatte viel Spaß mit Judy und Daddy Long Legs. Lediglich die Einfachheit des Geheimnisses lässt mich etwas an meiner Bewertung abziehen und so komme ich auf 4,5 von 5 Spitzenschuhen. Der Roman hat einen wundervollen Inhalt und wen das nicht überzeugt – die Aufmachung ist auch einfach überragend!



5. September 2018

Rezension [Hörbuch]: "Wie man die Zeit anhält" von Matt Haig


Titel: Wie man die Zeit anhält
Autor: Matt Haig
Sprecher: Christoph Maria Herbst
Verlag: Der Hörverlag
Preis: 20,00€
Seiten: 384
Dauer: 9 h 31 Min.


Matt Haig hat eines meiner absoluten Lieblingsbücher geschrieben, nämlich „Ich und die Menschen“. Dieses Buch ist weise, lehrreich und gleichzeitig wahnsinnig lustig. Daher musste ich mir den Namen des Autors einfach merken! Auch sein neues Buch „Wie man die Zeit anhält“ begegnete mir immer öfter. Als ich hörte, dass das Hörbuch von Christoph Maria Herbst gelesen wird, den ich als Hörbuchsprecher wirklich toll finde, brauchte ich es einfach. Also griff ich zur neuen Geschichte, rund um den nicht/langsam alternden Tom Hazard. Die Idee der Geschichte ist toll, denn sie soll Geschichte selbst ein bisschen lebendiger machen. Dieser Punkt gelingt dem Autor mit seinem Buch auch sehr gut. Insgesamt ist das Hörbuch aber doch ziemlich lang und selten zielorientiert. Ich wusste bis kurz vor Ende nicht, worum genau es gehen soll, außer einen Abriss über Geschichte zu formulieren und einen geliebten Menschen wiederzufinden. Aber wahrscheinlich reicht das schon, oder? „Wie man die Zeit anhält“ ist eine Geschichte MIT Geschichte und weisen Lebensbotschaften. Wirkliche Spannung muss man aber vermissen.

Tom Hazard ist Geschichtslehrer, ein introvertierter Mann, der ein zurückgezogenes Leben führt. Und er hat ein Geheimnis: Er sieht aus wie 40, ist aber in Wirklichkeit über 400 Jahre alt. Er hat die Elisabethanische Ära in England, die Expeditionen von Captain Cook in der Südsee, das Paris der 20er Jahre erlebt und alle paar Jahre eine neue Identität angenommen. Aber eines war er immer: einsam. Seine einzige große Liebe endete schmerzvoll. Doch dann begegnet er der Französischlehrerin Camille. Während er ihr allmählich näherkommt, verändert sich für ihn alles ...

„Wie man die Zeit anhält“ ist ein interessantes und leicht philosophisches Buch. Wie sollte es auch anders sein. Matt Haig hat einen besonderen Stil und die Themen seiner Bücher haben immer etwas mit der Reflexion des menschlichen Lebens zu tun. Auch hier ist das Thema allgegenwärtig. Denn die Frage, die hinter der Geschichte steht, ist natürlich: Wofür lohnt es sich zu leben, wenn man “ewig“ lebt?
Natürlich lebt Tom Hazard nicht ewig, aber eben doch eine ganze Weile. Er wächst als verarmter Adeliger auf und muss feststellen, dass das Leben nicht einfach ist, wenn der Rest deines Umfeldes mitbekommt, dass du auch nach vielen Jahren keinen Tag älter aussiehst. In der Zeit der Hexeverbrennung musste das Schicksal also seinen Lauf nehmen und mit dem Tod seiner Mutter begann ein „Leben auf der Flucht“. Tom musste sich immer wieder neue Identitäten zulegen, immer wieder der Zeit anpassen und andere Orte zum Leben suchen. Er lernte Berühmtheiten kennen und entdeckte die Welt, samt all ihrer Völker. Was nach einem Abenteuertrip klingt, kann zur grausamen Realität werden. Denn so schön der Gedanke auch ist, ewig zu leben, so grauenhaft muss er sein, wenn man dieses Leben alleine leben muss. 
All das sind Gedanken, die hinter der Geschichte von „Wie man die Zeit anhält“ stehen. Und ich finde sie alle überaus interessant. Das Hörbuch muss auf einer reflexiven und mentalen Ebene gehört werden, damit sein Kern wirklich zum Hörer durchdringt. Denn wer es einfach nur hört, um berieselt und unterhalten zu werden, der ist vielleicht danach enttäuscht. Denn so richtig spannend wird es nie. Matt Haig erzählt die Geschichte nicht chronologisch. Generell gibt es zwei Zeitlinien, die der Gegenwart und die der Vergangenheit. Allerdings wird auch in der Vergangenheit nicht chronologisch erzählt, was mich manchmal etwas störte. Man lernt Tom in der Gegenwart kennen und nach und nach offenbart er sich dem Leser. Man hört, wie er aufgewachsen ist, wie er nach London kam, wie er seine große Liebe kennenlernte und wie diese endete. Danach wird dem Hörer erzählt, wie Tom sich durchschlagen musste und zur Gesellschaft der Albas kam. (Die Albas sind die „Albatros-Gesellschaft“, Tom ist also keinesfalls der Einzige, der sehr langsam altert.) Die Albas sind insgesamt sehr ominös und meines Erachtens wurde ihr Potenzial auch nie ganz erschlossen. Das Ende fand ich in dieser Hinsicht deutlich zu abrupt. Doch insgesamt gefiel mir das Ende nicht gut. Dazu aber gleich. Zurück zur Zeitlinie. Alles in allem ist der Aufbau durchaus gelungen, indem zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewechselt wird. Wenn aber innerhalb der Vergangenheit Sprünge auftauchen, verwirrt das ein wenig. 
Das Leben, das Tom führt und führte, war zu jedem Zeitpunkt spannend und interessant. Er lernte Leute wie Shakespeare oder Hemingway kennen und befand sich an bedeutend historischen Orten, die es heute gar nicht mehr gibt. Doch nur weil sein Leben aus historischer Perspektive spannend ist, heißt das nicht, dass es die Geschichte auch ist. Insgesamt ist die Atmosphäre des Buches eher ruhig und gemäßigt. Es gibt schlimmer Dinge, die geschehen, aber Tom ist vielmehr auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Leben ist zwar eine Achterbahnfahrt, aber erwartet dementsprechend nicht zu viel Action. In der Gegenwart wird, wie in der Vergangenheit auch, eine Liebesgeschichte eröffnet. Und es ist sehr schön, wie Haig die Liebe als zentrales Element des Lebens in den Fokus stellt. Irgendwann begreift das auch Tom und diese Entwicklung ist sehr gelungen. Ebenfalls gelungen ist das Lebendigmachen der Geschichte. Der Protagonist erzählt lebhaft und ausführlich und man denkt wirklich, es gäbe diesen Tom Hazard. Er ist auch eine sehr sympathische und relativ normale Figur. Ich mag „normale“ Protagonisten und Tom ist so einer. Er ist ein eher stiller und künstlerischer Geselle und schlägt sich so durchs Leben. Sein Humor ist relativ trocken und das harmoniert mit der Stimme von Christoph Maria Herbst sehr gut. Ich hatte allerdings ein paar lustige Stellen mehr erwartet. Zwei-, dreimal musste ich beim Hören durchaus auflachen, doch in seiner Gesamtheit blieb der Humor etwas hinter meinen Erwartungen zurück, ebenso wie die Handlung. Der Sprecher macht seinen Job dennoch sehr gut. Herbst hat eine angenehme Stimme und liest in einem guten Tempo, so dass man leicht zuhören kann. Er betont das Gelesene gut, hätte aber bei der Stimmvariation ein bisschen kreativer sein können. Dennoch gefiel mir der Sprecher wirklich gut, da er schön zur Geschichte passt.
Die restlichen Figuren in „Wie man die Zeit anhält“ sind ebenfalls authentisch und interessant. Ich mochte Camille und ich mochte auch Rose. Dass Toms Tochter so ganz anders ist, als in ihrer eigenen Kindheit, fand ich wirklich toll! Ihr Auftauchen am Ende störte mich aber. Das zu begründen, würde bedeuten zu spoilern, doch insgesamt ist das Ende zu abrupt, zu schnell, zu merkwürdig. Außerdem bleibt vieles offen. Doch vielleicht ist das auch ganz gut so.

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen. Es gibt viele tolle Punkte an diesem Hörbuch. Das sind unter anderem der Sprecher und sein Tempo, das Durchleben von Geschichte, die interessante Idee und die Art und Weise von Matt Haig, über das Leben zu erzählen. Andererseits nimmt sich das Buch unglaublich viel Zeit und plätschert des Öfteren nur vor sich hin. Es fehlt das stringente Ziel und dadurch wird es zäh und lang. Dennoch habe ich das Hörbuch gern gehört und auch das Cover gefällt mir hervorragend. Es handelt sich nicht um das beste Buch von Matt Haig, doch auch in „Wie man die Zeit anhält“ kann man viel über das Leben und seine Weisheiten lernen. Und vielleicht motiviert es ja auch den ein oder anderen, Geschichte als spannend zu betrachten. Wer weiß…?! Ich vergebe 3,5 Spitzenschuhe für das Leben und die Liebe.



14. Mai 2018

Rezension: "Wolkenschloss" von Kerstin Gier


Titel: Wolkenschloss
Autor: Kerstin Gier
Verlag: Fischer
Preis: 20,00€
Seiten: 461


Kerstin Gier ist ein Phänomen. Sie hat wahnsinnig viele und vor allem wirklich tolle Bücher geschrieben, so dass ihr Name den meisten buchliebenden Menschen ein Begriff ist. Und das vollkommen zurecht. Giers Geschichten sind spannend, romantisch, fantastisch und haben das gewisse Etwas. Kein Wunder also, dass ich ihr neustes Buch „Wolkenschloss“ unbedingt lesen wollte. Doch kurz nach Erscheinen trudelten durchwachsene Meinungen ein, die davon sprachen, dass sich die Geschichte zieht, keine richtige Handlung hat und ihr irgendwie der Pepp fehlt. Ich kann solche Meinungen bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen. Doch ich persönlich habe dieses Buch geliebt! Es hat mir so viel Freude beim Lesen bereitet! Ich liebe das Setting, die Charaktere und die Geschichte vom „Wolkenschloss“ und deswegen empfehle ich dieses Buch wärmstens.



Hoch oben in den Schweizer Bergen liegt das Wolkenschloss, ein altehrwürdiges Grandhotel, das seine Glanzzeiten längst hinter sich hat. Aber wenn zum Jahreswechsel der berühmte Silvesterball stattfindet und Gäste aus aller Welt anreisen, knistert es unter den prächtigen Kronleuchtern und in den weitläufigen Fluren nur so vor Aufregung. Die siebzehnjährige Fanny hat wie der Rest des Personals alle Hände voll zu tun, den Gästen einen luxuriösen Aufenthalt zu bereiten, aber es entgeht ihr nicht, dass viele hier nicht das sind, was sie vorgeben zu sein. Welche geheimen Pläne werden hinter bestickten Samtvorhängen geschmiedet? Ist die russische Oligarchengattin wirklich im Besitz des legendären Nadjeschda-Diamanten? Und warum klettert der gutaussehende Tristan lieber die Fassade hoch, als die Treppe zu nehmen? Schon bald steckt Fanny mittendrin in einem lebensgefährlichen Abenteuer, bei dem sie nicht nur ihren Job zu verlieren droht, sondern auch ihr Herz.

Nimmt man „Wolkenschloss“ in die Hand, kann man schon vor dem Lesen so viel entdecken. Nachdem man die Geschichte kennt, weiß man die Detailliebe des Fischer-Verlags allerdings erst so richtig zu schätzen. Das blasslila Cover ist mit seinen Glitzereffekten ein Eyecachter und nachdem man all die Charaktere kennt, kann man viele von ihnen auf dem Titelbild wieder finden. Ich habe selten ein Cover so lange angeschaut und immer wieder Neues entdeckt. Nimmt man den Schutzumschlag ab, ist das Buch noch immer bezaubernd, mit einer schönen Titelzeichnung. Die 7 Dohlen sind ein wundervolles Detail, das ich sehr zu schätzen wusste. Chapeau!
Nachdem ich die äußere Form gewürdigt habe, fesselte mich das Buch aber auch mit seinem Inhalt von der ersten Seite an. Und das hing stark mit der Protagonistin Fanny zusammen. Ich MUSSTE mich einfach mit ihr identifizieren. Denn wie der Leser durch Don Burkhardt junior lernt, kommt Fanny aus Achim bei Bremen. Ein Vorort, den ich als Bremerin gut kenne. Ich war einfach fasziniert davon, dass die Heldin der Geschichte beinahe um die Ecke wohnt und schon hatte sie meine Sympathie. Aber auch abgesehen von diesem subjektiven Faktor, schloss ich Fanny mit ihrer humorvollen Art schnell ins Herz. Sie ist schlagfertig, lustig und pflichtbewusst. Außerdem hat sie einige Macken und ihre Einstellung, kein Abitur machen zu wollen, fand ich klasse. Fanny ist dadurch ein bisschen anders, als viele andere Protagonistinnen aus Jugendbüchern. Sie zu begleiten war einfach herrlich.
Und das Begleiten ist ein gutes Stichwort. Denn anfangs begleitet man Fanny tatsächlich nur. Die Autorin muss schließlich erst einmal dafür sorgen, dass der Leser das Wolkenschloss samt all seiner Mitarbeiter und Gäste versteht. In diesem Anfangsabschnitt geschehen relativ alltägliche Dinge, man lernt Fannys Alltag kennen und trotzdem gab es für mich immer eine solide Grundspannung. Und die Einführung des Settings und der Charaktere ist absolut notwendig. Toll ist an dem Buch auch, dass es am Ende ein großes Personen- und Begriffsverzeichnis gibt. Und erst, wenn man einen Blick dort hinein wirft, wird einem bewusst, wie viele Figuren eigentlich mitspielen. Man braucht ein bisschen Zeit, um alle Namen nicht durcheinander zu bringen, doch man kann eben immer nachschlagen. Das ist super! Unter all diesen Figuren sind wahre Juwelen! Ich mochte Ben sehr, schmachtete Tristan an und vertraute Monsieur Rocher. Die Ludwigs sind ganz großartig gezeichnet und die verbotene Katze ist ein wahres Highlight. Auch der schon erwähnte Don Burhkard junior und seine Macke alle Menschen mit Zusatzbezeichnungen zu benennen (wie eben „Fanny Funke aus Achim bei Bremen“) musste ich ins Herz schließen. Durch die vielen Gäste gibt es eine unglaubliche Figurenvielfalt, die ich so noch nie erlebt habe. Ich konnte jedem Charakter etwas abgewinnen und fühlte mich im Wolkenschloss zwischen all diesen Figuren sehr wohl!
Aber was ist eigentlich die Handlung des Buches? Interessante Frage. Ich denke, man muss dem Wolkenschloss einfach ein bisschen Zeit zur Entfaltung geben. Im Grunde geht es um eine junge Frau, die auf der Suche nach sich selbst an diesen zauberhaften Ort begibt. Und an einem so geschichtsträchtigen Ort, können jederzeit magische Dinge passieren. Fanny kommt in Berührung mit der Liebe, aber auch mit Kriminalität. Sie kommt hinter die Geheimnisse einiger Gäste, ohne dabei wirklich eine Detektivin zu sein. Sie geht ihren ganz eigenen Weg. Und auf diesem Weg begleiten sie viele Freunde. In einem so alten Grand Hotel zu leben, bringt viele Aufgaben mit sich, aber auch viel Spannung. Kerstin Gier präsentiert einfach jegliche Facetten dieses zauberhaften Ortes. Passenderweise spielt die Geschichte zum Jahreswechsel in der Schweiz mit ganz viel Schnee und so ist Wohlfühlstimmung vorprogrammiert. Was sehr ruhig beginnt, wird am Ende zu einer kleinen Flucht und Verfolgungsjagd. Es gibt Actionelemente, aber auch eine Liebesgeschichte. Und vor allem dominiert eines: Humor. Kerstin Gier schreibt einfach wahnsinnig humorvoll und überträgt diesen Humor auf ihre Charaktere. Oft musste ich schmunzeln oder laut lachen. Die Dialoge zwischen Fanny und Tristan haben es in sich und ich habe ihre Schlagabtausche geliebt. Aber auch Giers Liebe zum Detail wird wie immer sichtbar, was hier beispielsweise in Form der Dohlen präsent ist. Der Schreibstil von Kerstin Gier ist einfach perfekt. Nichts würde ich daran ändern wollen. Man verliert sich in ihrer Geschichte, in ihrer Kulisse und in ihrer Art zu beschreiben, aber eben auch, den Leser mit Humor zu überzeugen. Hinzu kommt das tolle Begriffsverzeichnis am Ende, das ebenso vor Witz sprüht. 
Ich kann noch ewig so weiter machen, aber wo soll das hinführen?! Ich gebe zu, dass vielen Lesern der rote Faden verloren gehen kann. Ich habe ihn die ganze Zeit gefunden und das Buch einfach nur genossen. Für mich ist das „Wolkenschloss“ eine Lektüre voller Spaß! Doch jeder muss selbst herausfinden, ob die Geschichte ihm gefällt.


Kerstin Gier hat mit dem „Wolkenschloss“ einen wahnsinnig tollen Einzelband geschrieben, den ich von der ersten Seite an geliebt habe. Die Figurenvielfalt ist überwältigend und jeder Leser wird Charaktere finden, mit denen er sympathisiert und mitfiebert. Allen voran natürlich die bezaubernde und lustige Protagonistin Fanny. Im Wolkenschloss gibt es einfach alles: Freundschaft, Action, Geheimnisse, Intrigen und Liebe. Was für manche Leser langatmig ist, ist für mich wahnsinnig abwechslungsreich und vielfältig. Der Schreibstil ist toll und die Geschichte hat einen sehr charmanten Humor. Ich vergebe fünf volle Spitzenschuhe und hoffe, dass keiner davon vom kleptomanischen Hugo geklaut wird. Doch vielleicht würde er ja auch so wieder auftauchen...wer weiß?!


3. April 2018

Rezension: "Der kleine Prinz wird erwachsen" von Andreas Wassner


Titel: Der kleine Prinz wird erwachsen
Autor: Andreas Wassner
Verlag: Bucher
Preis: 14,00€
Seiten: 104 


„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ ist nur eine der Weisheiten, die man noch heute aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery lernen kann. Dieses Werk ist einfach zeitlos, intelligent und lehrreich. Umso schwieriger muss der Versuch sein, ein eigenes Buch in Anlehnung an den „kleinen Prinzen“ zu schreiben. Und dennoch hat der Autor Andreas Wassner genau das getan – er hat den Prinzen in gewissem Maße weiter geschrieben, hat ihm einen neuen Mantel gegeben und ihn auf unsere aktuelle Zeit und Politik losgelassen. Was dabei herauskommt? Ein ebenso intelligentes, wie aufweckendes Buch voller Wahrheiten! Vielleicht nicht mit der gleichen Schönheit in jeder Zeile, wie bei Saint –Exupery, aber mit wahnsinnigem Feingefühl für unsere Zeit und einem sehr schönem Stil.

Hast du dich schon einmal gefragt, was aus dem kleinen Prinzen wurde, nachdem er seine Hülle in der Wüste zurückgelassen hatte? Viele Fragen blieben unbeantwortet. Vielleicht hat es sich ja so zugetragen: Einige Zeit, nachdem er die Erde verlassen hatte, kehrte er zurück, viele offenen Fragen beschäftigten ihn. Vor allem wollte er herausfinden, wie aus den tollen Kindern oft so seltsame große Leute werden können, die dann gar nichts mehr verstehen. Viele Jahre lang mischte er sich unter die Menschen und erlebte schöne, aber auch schreckliche Dinge, die ihn teilweise sehr verwirrten. Nun war er auf der Suche nach einem Freund, mit dem er seine Erlebnisse teilen und besprechen konnte. Diesen fand er auf einem kleinen Asteroiden ...

Ich bin wirklich ein großer Fan des Buches „Der kleine Prinz“. In den wenigen Seiten steckt so viel Witz und Wahrheit, dass man dieses Buch einfach gelesen haben muss! Als ich von Wassners Buch hörte, wurde ich hellhörig. Ich freute mich auf den Versuch der Fortsetzung, doch war ich auch ein wenig skeptisch. Kann man an diese große Literaturklasse überhaupt anknüpfen? Nach dem Lesen bin ich überaus froh, dass Andreas Wassner sich an dieses ebenso kleine und wunderschöne Büchlein herangetraut hat. Denn trotz großer Aufgabe, hat er diese bravourös gemeistert und herausgekommen ist ein ebenso tolles und bezauberndes Buch!
Das Szenario wird im Klappentext ganz gut erklärt und ist beinahe eine Neuauflage des Gesprächs zwischen dem Prinzen und dem Piloten aus dem Klassiker. Nur ist der Prinz inzwischen ein Teenager und der Pilot bereits eine verstorbene Seele, die sich nicht von der Welt trennen kann. Die alten Freunde unterhalten sich über die Welt – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Prinz hat Fragen. Und die Antworten dürften so ziemlich jeden modernen Menschen interessieren. Denn dass vieles mit unserer Welt nicht ganz in Ordnung ist, ist uns Menschen bewusst. Beinahe karikiert Wassner schon das Weltgeschehen, sowie die Einstellung der Gesellschaft. Doch er stellt beides authentisch dar und immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich beim Lesen mit dem Kopf nickte und meine Zustimmung äußerte. Im Grunde geht es um das Erwachsenwerden. Es geht um die Frage, wie aus den wundervollen Kindern so komische große Leute werden können. Die Phrase der „großen Leute“ wird dabei konsequent durchgehalten, was mit sehr gut gefiel. Doch zum sprachlichen Teil komme ich etwas später.
Ich finde das Thema überaus interessant. Man darf sich „Der kleine Prinz wird erwachsen“ nicht als generelle Gesellschaftskritik vorstellen. Aber viele Probleme werden angerissen und ein paar Lösungen werden auch versucht zu skizzieren. Die Perspektive des Prinzen ist dabei sehr interessant, vereint er doch das Kindliche und das Naive mit der Rebellion des Teenagers. Viele der aufgeworfenen Fragen haben sich die meisten Menschen sicher schon einmal gestellt. In meinem Alltag begegnen mir tatsächlich viele davon, denn ich bin Lehrerin. So konnte mich eine Passage über Erziehung besonders für sich einnehmen:
„Und wenn die Eltern dem Kind keinen Raum zum Lernen und für Fehler lassen, sondern ihm stattdessen alle Arbeiten aus den Händen nehmen, unter dem Motto: Gib her, das kann ich besser und schneller, dann wird das Kind Angst vor dem Lernen neuer Fähigkeiten entwickeln und von vornherein denken, dass es das sowieso nicht kann.“ (S. 25)
Die Richtigkeit der Aussage mag jeder selbst beurteilen, aber in meinen Augen hat der Autor viel Wahrheit erkannt. In der Schule mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Schüler sagen: „Das kann ich nicht, das verstehe ich nicht“ – ohne es je versucht zu haben. Das ist traurig und vielleicht liegt ein Grund eben genau darin: Die Kinder entwickeln eine Angst gegenüber dem Lernen. Wer weiß. Übrigens bin ich Andreas Wassner auch sehr dankbar für eine andere Einschätzung, in der es nämlich um Lehrer geht. Der Prinz hält nicht sehr viel von unserer Spezies, vermasseln wir doch andauernd unsere Job. Doch auch hier trifft Wassner den Zeitgeist. Waren die Lehrer in der Antike wirklich so viel besser? Oder herrschte noch ein anderer Respekt vor dem Beruf? Ein anderes Ethos? Was das angeht, fühlte ich mich in diesem Buch unglaublich verstanden. Viele meiner Meinungen finden Einzug in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ und doch sind einige davon sicher auch nicht umsetzbar. Der Prinz denkt logisch und trotzdem bleiben viele Ideen utopisch. Es gibt aber auch viele Stellen im Buch, die einfach absolut wahr sind. Stellen, an denen Wassner uns die Schönheit des Lebens zeigt und die Bedeutung von Kleinigkeiten. Es sind diese Stellen, die gerade an den originalen Prinzen mehr als gekonnt anschließen. So erkennt der Prinz auch:
„Aber doch nicht alle großen Leute sind so, mein Freund“, meinte ich beschwichtigend. „Nein. Ein kleiner Teil hat verstanden, worauf es im Leben wirklich ankommt. Sie stellen sicher, dass sie genug zum Leben haben und wissen, dass nur drei Dinge es wert sind, gesammelt zu werden: Liebe, Freundschaften und Erfahrungen.“ (S. 63)
Das Buch regt zum Nachdenken an. Man kann es nicht unbedingt in eins weglesen, obwohl ich das versucht habe. Doch oft genug muss man es kurz beiseitelegen, um das Gelesene zu verarbeiten - um es zu genießen. Denn „Der kleine Prinz wird erwachsen“ lässt sich genießen. Und es bleibt in Erinnerung. Inzwischen habe ich von Stellen aus dem Buch tatsächlich in Gesprächen mit Freunden erzählt und wie einfach manches doch sein könnte. Aber wir Menschen sind nun einmal nicht einfach. Und trotzdem lernt man aus dem Buch nicht, wie kaputt unsere Welt und was alles verkehrt ist. Der Autor schafft es nämlich, dass das Positive zurückbleibt. Wie zum Beispiel die Liebe. Eines der schönsten Zitate ist sicher das Folgende und mir gefiel es auch am besten:
„Durch die Liebe verlagern sich die Sehnsüchte. Wenn dich früher die Freiheit in die Ferne zog, wirken nun vielleicht die Bande der Liebe in die entgegengesetzte Richtung. Du merkst, es ist Liebe, wenn deiner Freiheit Wurzeln wachsen.“ (S. 75)
Wie man an diesem Beispiel erkennen kann, ist Wassners Stil durchaus mal philosophisch und weise, wie es sich eben auch für den „kleinen Prinzen“ gehört. Trotzdem ist der Stil sehr einfach und simpel, da eher ein parataktischer Satzbau dominiert und das meiste in der Gesprächsform geschrieben ist. Es handelt sich keineswegs um ein Streitgespräch, aber es gibt den Wechsel zwischen ernstem und humorvollem Gespräch. Manchmal ist der Stil sehr klug, dadurch aber nicht ganz einfach zu lesen. Ich denke, es verhält sich ein wenig so, wie in einem Kinderfilm: Der Film ist für jedes Kind geeignet, doch sieht man ihn als Erwachsener, erkennt man noch ganz andere Nuancen, die einem als Kind niemals aufgefallen wären. Auch in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ steckt gerade auf den zweiten Blick sehr viel. Das Symbol der „großen Leute“ gefiel mir außerordentlich gut, da es so gut zur Geschichte und zum Thema passt. Es zieht sich durch das gesamte Buch und schließt am Ende sehr schön ab. Sprachlich ist das Buch wirklich schön gemacht!
Zu den Charakteren lässt sich gar nicht so viel sagen. Beide sind tiefschichtig und dennoch lernt man sie kaum kennen. Doch sowohl die Einstellung des Prinzen, als auch die des Piloten ist lesenswert. Wie auch im Original verhalten sich die Figuren intelligent, naiv, aber liebevoll. Und manchmal kann dem Prinzen die Welt doch noch erklärt werden. Es gibt im Buch übrigens auch Illustrationen, die wirklich sehr gelungen sind. Sie runden die Ausgabe wundervoll ab und so hat man wirklich etwas Hochwertiges in der Hand.

Jeder, der „Der kleine Prinz“ gern gelesen hat, sollte ruhig auch einen Blick in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ werfen. Andreas Wassner hat eine sehr kluge Umsetzung einer weitergedachten und authentischen Geschichte geschrieben, die mir sehr gefallen hat! Sie ist schön geschrieben und beinhaltet, genau wie das Original, die ein oder andere Lebensweisheit, die doch eigentlich für jeden zu sehen sein müsste und die im Alltag eben doch leicht untergeht. „Der kleine Prinz wird erwachsen“ beinhaltet eine tolle Thematik, eine schöne Umsetzung und viel Lehrreiches. Auch wenn natürlich nichts an das Original herankommt, muss ich dieses Buch empfehlen. Es garantiert das Nachdenken über unsere Welt – mit all ihren Fehlern und Freuden. Ich vergebe fünf Spitzenschuhe für den erwachsenen Prinzen.



1. November 2017

Rezension: "Farm der Tiere" von George Orwell


Titel: Farm der Tiere
Autor: George Orwell
Verlag: Diogenes
Preis: 9,00€
Seiten: 132


Es gibt Titel, die man in seinem Leben gelesen haben sollte. „Farm der Tiere“ war ein solcher für mich und so griff ich zu diesem revolutionären Klassiker.  George Orwell hat hiermit kein einfaches Buch geschrieben. Es kann anstrengend sein, es kann den Leser in gewisser Weise stören und es ist auch nicht ganz leicht lesbar. Doch behält man immer die zweite Dimension des Buches im Hinterkopf – die eigentliche Intention des Autors – wird das Buch grandios. Die Zweideutigkeit, die beinahe schon so deutlich ist, dass man von Eindeutigkeit sprechen muss, ist gelungen und es wird klar, was Orwell bezwecken wollte. Er führt vor, wie wunderbar leicht Manipulation sein kann und wie einfach doch ein Gesellschaftswandel von Statten gehen kann. Faszinierend und furchtbar zugleich: „Farm der Tiere“ führt das Thema Gewaltherrschaft/ Diktatur gelungen vor und regt zum Nachdenken an. Dass eine Parabel mit einem solchen Thema aber nicht unbedingt zum Amusement beiträgt, sollte dem Leser auch klar sein.
Revolution auf dem Bauernhof: Die Tiere haben die Menschen vertrieben und ihr Leben auf der Farm selbst organisiert. Zunächst scheint ein Leben ohne Unterdrückung und Gewalt möglich zu sein. Doch schon bald übernehmen die Schweine die Herrschaft. Während sie sich selbst immer größere Privilegien einräumen, beginnen sie, die anderen Tiere auf dem Hof zu tyrannisieren.
Viel kann man über dieses Buch in einer einfachen Rezension nicht sagen. Wenn man zu „Farm der Tiere“ greift, ist einem im Normalfall der revolutionäre Charakter bewusst. Das Buch erschien 1945, also zu einer sehr prekären Zeit. Die Geschichte handelt aber nicht etwa, wie man annehmen könnte, vom voranschreitenden Nationalsozialismus. Vielmehr ist sie eine Parabel auf die Verhältnisse nach der Februarrevolution 1917 in Russland. Damals wurde der Zar vom Volk dazu bewegt abzudanken und die Herrschaft wurde diesem übertragen – zumindest machte es den Anschein. Auf lange Sicht übernahmen weitere Tyrannen das Land und es endete mit der Herrschaft Stalins. George Orwell hat seiner Geschichte ein Nachwort angehängt, in dem er schildert, dass er einfach nicht begreifen kann, wieso sein geliebtes England die Russen unterstützt, obwohl man sich seiner politischen Haltung bewusst ist. Wahrscheinlich verlegte er auch deswegen die Handlung nach England, um zu verdeutlichen, wie einfach Strukturen aufgehoben werden können – ganz egal wo. Es war schwer für Orwell einen Verleger zu finden, da viele vor der Deutlichkeit der Geschichte zurückschreckten und man keinen Ärger mit Russland haben wollte. 
Ich bewundere Orwell für seine mutige Haltung und das freie Äußern seiner Meinung. Denn auch, wenn England nie diktatorisch beherrscht wurde, zeigt er die Feigheit seines Landes auf und hat keine Angst davor, diese auch genauso zu benennen. Doch natürlich kritisiert Orwell nicht in erster Linie England, sondern die russischen Strukturen. Und bevor ich weiter interpretiere, wie in einer Abiturprüfung, komme ich mal auf das eigentliche Buch zurück.
Die Geschichte ist nicht sehr lang und keineswegs kompliziert. Die Tiere einer Farm in England beginnen zu rebellieren, weil sie ungerecht behandelt werden. Gemeinsam schaffen sie es, ihren Herrscher, den Bauern, zu verscheuchen und selbst die Führung der Farm zu übernehmen. Anfangs handen die Tiere selbstbestimmt und frei und der Wohlstand vergrößert sich, auch wenn die Arbeit nicht leicht ist. Doch nach und nach und auch nur Schritt für Schritt, übernehmen allmählich die Schweine die Herrschaft. Die Grundsätze werden geändert, Feindbilder geschaffen und für bestimmte Tiere entstehen Privilegien. 
Es ist sehr interessant zu beobachten, wie vereinfacht die Prozesse der Gewaltherrschaft dargestellt werden. Doch ich würde sie keinesfalls als falsch bezeichnen, sondern so, dass jeder versteht, worum es geht. So begreift auch der Letzte, dass nicht alles mit Richtigkeit vollzogen wird. Man kann das Buch sicher gut in der Schule verwenden, um die einzelnen Schritte zur Gewaltherrschaft auseinander zu nehmen. „Farm der Tiere“ ist auf jeden Fall brutal, aber auch lehrreich. Allerdings würde ich es nicht als sehr spannendes Buch beschreiben. Es ist in seinen Strukturen so simpel, dass man nicht gebannt ist oder nicht wüsste, was als nächstes passiert. Und dennoch haben mich die Vorkommnisse schockiert. Denn gerade, wenn es um die Vernichtung der Gegner geht, wird es grausam – wie das System es fordert. 
Die Charaktere des Buches gefielen mir gut und jeder einzelne hat eine Funktion, die erfüllt wird. Beinahe habe ich geweint, als Boxer seinem Schicksal entgegen blicken muss und auch sonst kann das Buch durch seine Charaktere Emotionen hervorrufen. Das kann der Hass auf die Schweine Napoleon oder Schwanzwutz sein oder aber auch das Mitgefühl für den Eber Schneeball, der die größte Feindfigur ist. Seine Ähnlichkeit zu Trotzki ist übrigens nicht zu übersehen. Die Figuren haben so viel Charakter, wie nötig und so wenig, dass der eigentliche Inhalt erhalten bleibt. Denn auf dem Inhalt liegt der Fokus, nicht etwa auf den Figuren.
Das Ende gefiel mir sehr gut, auch wenn es natürlich relativ offen ist. Der Stil von Orwell ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr zähflüssig. Dennoch wird immer deutlich, was vor sich geht – es ist nur einfach nicht spannend geschildert. Das Buch besteht auch 10 Kapiteln und einem Nachwort. Das Nachwort gefiel mir gut und verdeutlicht die Umstände, unter denen das Buch entstand.


Ich bin froh, dass ich „Farm der Tiere“ gelesen habe. Das Buch ist sehr kurz und besticht mit seiner Inhaltsdichte. Es wird deutlich, was der Autor mit seiner kleinen Fabel eigentlich bezwecken wollte und meines Erachtens schafft er das mit Bravour. Die Gewaltherrschaftsstrukturen werden großartig herausgearbeitet und der Leser wird durch die ein oder andere Handlung sehr berührt. Alles in allem fand ich das Lesen des Buches durchaus anstrengend, aber lohnenswert und deswegen vergebe ich vier Spitzenschuhe.


26. Juni 2017

Rezension: "Ich und die Menschen" von Matt Haig


Titel: Ich und die Menschen
Autor: Matt Haig
Verlag: dtv
Preis: 9,95€
Seiten: 352

Vor einer langen Zeit wollte ich unbedingt das Buch „Ich und die Menschen“ von Matt Haig lesen. Ich schaffte es mir an und wie das so ist, landete es eine Ewigkeit im Regal, bestimmt zum Warten. Ich habe mich nicht wirklich daran getraut. Der Inhalt ist doch so vollkommen anders, als das, was man üblicherweise kennt. Ich hatte Respekt. Und auch Angst. Man kennt den Faktor der zu hohen Erwartungen bei einem Buch und das endet oft nicht gut. Aber das Buch fiel wieder in meine Hände und ich nahm meinen Mut zusammen. Anfangs fiel es mir ein bisschen schwer in die Geschichte samt all seiner Kuriositäten zu kommen. Denn es ist tatsächlich so vollkommen anders, wie man erwarten kann. Aber nach nur einer kurzen Weile akzeptiert man diese Andersartigkeit, die völlig verdrehte Sicht auf uns Menschen und die Welt und gewinnt sie sehr lieb. „Ich und die Menschen“ ist einzigartig und herzerwärmend. Für mich ist es ein erstaunliches Buch, das nicht unbedingt von Spannung, aber von den kleinen Dingen lebt und das macht eine ganz eigene Spannung aus.


Klappentext


In einer regnerischen Freitagnacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Er hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen. Jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die ihn überkommen, wenn er Debussy hört oder Isobel, der Frau des Professors, in die Augen blickt?


Meinung


Der Klappentext klingt beinahe banal, wenn man weiß, was sich hinter dem Buch verbirgt. Natürlich. Es geht um einen Außerirdischen, der mit einer Mission auf die Erde geschickt wird. Seine Lebensform ist den Menschen weit überlegen, ja sogar so weit, dass sie dem Tod entringen konnte. Und das nur mit Hilfe der Mathematik. Professor Martin hat unten auf der Erde das letzte große mathematische Rätsel gelöst und das wäre ein erster Schritt für die Menschen, ihre gesamte Existenz zu verändern. Das darf keinesfalls passieren. Also wird Andrew ausgelöscht und der namenlose Außerirdische übernimmt seine Rolle, damit alle Anzeichen auf das Lösen der Formel vernichtet werden. Das ist ein brenzliger Auftrag, wenn man so gar keine Ahnung hat, wie die Menschen ticken. Denn das ist ein unglaublicher Teil dieses Buches. Matt Haig führt uns Menschen vor, wie menschlich wir sind, was uns ausmacht und was auf Außenstehende vielleicht völlig abnormal wirkt. Als leidenschaftliche Leserin musste ich schon sehr früh im Buch lachen:
„Man stelle sich das vor! Nicht nur sterblich zu sein, sondern auch noch gezwungen, einen Teil der wertvoll begrenzten Zeit auf Erden mit Lesen zu verbringen. Kein Wunder, dass die Menschen eine primitive Spezies waren. Kaum hatten sie annährend genug Bücher gelesen, um mit dem erworbenen Wissen irgendetwas anfangen zu können, waren sie schon tot.“ (S. 33)

Tja, so kann das gehen. Puff. Und schon sind wir tot. Nur langsam findet der „neue“ Andrew sich in der Welt der Menschen zurecht. Und dass wir so langsam lesen ist ja nun einmal wirklich eine Schande. Vieles, was Haig schreibt, ist tiefgründig und regt zum Nachdenken an. Gleichzeitig ist es einfach nur lustig. Kurz auf die eben zitierte Passage folgt die Pointe:
„Wie um alles in der Welt ertrugen sie das? Idiotie, verursacht vom langsamen Lesen. Das war die einzige Erklärung.“ (S. 35)

Das gesamte Buch kann als Reise betrachtet werden. Als Reise zu den Menschen und zur Menschlichkeit selbst. Die banalsten Dinge des Alltags werden aufgezeigt und dadurch kommt so wundervoll zur Geltung, was unser Leben eigentlich ausmacht. Ob das nun die Liebe zu einem Hund, die Freude an Musik oder auch der Genuss der Natur ist. Für den neuen Andrew ist das alles neu und unbekannt. Und so langsam erkennt er den Reiz an der Menschlichkeit. Er findet sich zurecht und entwickelt Gefühle – etwas zutiefst zu verachtendes. Und am Ende tauchen dann wirklich viele Lebensweisheiten auf, die mir persönlich das Herz erwärmt haben:
"46. Ein Paradox: Die Dinge, die nicht lebenswichtig sind – Bücher, Kunst, Kino, Wein und so weiter -, sind die Dinge, die im Leben wichtig sind." (S. 327)

Wie ich bereits sagte, sind viele Passagen von Tiefgang geprägt und eigentlich ist das Buch eine einzige Liebesgeschichte an das Leben samt all seiner Kleinigkeiten – die guten, wie die schlechten. Denn dass nicht immer alles einfach und gut im Leben läuft, muss auch Andrew erkennen. Dieser neue Andrew ist eine unglaubliche Figur. Es ist, als wenn man es mit einem Neugeborenen mit unglaublicher Intelligenz zu tun hat. Wie er die Welt entdeckt ist so unglaublich lustig und man gewinnt ihn als Figur sehr lieb. Ich konnte mich gut in ihn hineinversetzen und das erheiterte mich von Seite zu Seite. Er ist der Protagonist, der die Handlung trägt, sich entwickelt und einfach zum Knuddeln ist. Wirklich toll fand ich auch seinen Hund Newton, mit dem er tiefgehende Gespräche führt. Newton ist ein weiterer Faktor fürs Herz. Aber auch die anderen Figuren des Buches sind sehr authentisch und fügen sich gut ein. Das Besondere an diesem Buch ist einfach, dass die Handlung gar nicht so großartig ist – die Umsetzung ist aber phänomenal und man liest mit Freude weiter – auch wenn man dafür natürlich viel zu viel Zeit braucht (, man ist schließlich ein Mensch). Und was natürlich gesagt werden muss, ist dass der Humor umwerfend ist. So oft musste ich über die Formulierungen lachen. Noch lustiger wird das Ganze, wenn man bemerkt, dass an der nüchternen Schilderung mehr Wahrheit dran ist, als man anfangs denkt. Auch hier zwei Beispiele:
„Glücklicherweise gehörte Cambridge United […] zu den Teams, die die Gefahren und das existenzielle Trauma des Siegens erfolgreich zu vermeiden wussten. Ein Anhänger von Cambridge United zu sein, entdeckte ich, hieß, ein Anhänger der Idee des Scheiterns zu sein.“ (S. 177)

Der neue Andrew macht sich gekonnt über unsere Leidenschaft zum Fußball lustig. Und auch vor einer der großen Religionen macht er keinen Halt:
„(Katholizismus, fand ich heraus, war eine Sparte des Christentums für Menschen, die etwas für Blattgold, Latein und Schuldgefühle übrighatten.)“ (S. 261)
Tja...so weit weg liegt er mit beiden Behauptungen ja nicht...
Gerade diese nüchternen Schilderungen machen das Buch so urkomisch. Er erscheint manchmal etwas lieblos und gerade dadurch wird es liebevoll. Hach, schwer zu sagen.

Fazit



Aber was ich sagen kann ist: Wenn ihr das Menschsein liebt und manchmal den Glauben an uns verliert, dann lest dieses Buch. Denn es führt einem all die wunderschönen Dinge des Lebens vor Augen und zeigt uns auf, wie schön es doch ist, ein Mensch zu sein. In diesem Sinne muss ich volle fünf Spitzenschuhe vergeben, die „Ich und die Menschen“ wirklich verdient hat. Eine tolle Idee, eine noch viel bessere Umsetzung voll von Humor und Herz. Meine absolute Empfehlung!