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25. Oktober 2017

Rezension [Hörbuch]: "Aquila" von Ursula Poznanski


Titel: Aquila
Autor: Ursula Poznanski
Sprecher: Laura Maire
Verlag: Der Hörverlag
Dauer: 11 h 50 min
Seiten: 432
Preis: 11,95€

Für eine sehr lange Autofahrt war ich auf der Suche nach einem aktuellen Hörbuch, das die lange Fahrzeit schnell vergehen lassen würde. Nach etwas Überlegen entschied ich mich für das neue Buch von Ursula Poznanski, von der ich bisher noch nichts gelesen, aber nur Gutes gehört hatte. „Aquila“ zog mich sofort an. Das Cover, der Klappentext, das Setting im verträumten Italien…Das Hörbuch verprach spannend zu werden. Doch in welchem Ausmaß, das konnte ich nicht erwarten. Denn „Aquila“ ist atemberaubend gut und außergewöhnlich! Es ist düster, angsteinflößend und extrem spannend! Es ist unfassbar, wie Poznanski all die ausgelegten Fäden zusammenzieht und man erst nach und nach das große Ganze sieht! Für mich ist „Aquila“ ein absolutes Jahreshighlight! Hört es euch unbedingt an, denn auch Laura Maire ist die perfekte Sprecherin! Selten habe ich ein Hörbuch so wehement empfehlen müssen!

Als Nika an einem Sonntagmorgen ziemlich verkatert in den Badezimmerspiegel schaut, steht dort eine Nachricht. Wer hat sie an den Spiegel geschmiert? Und was hat sie zu bedeuten? Wo sind Nikas Hausschlüssel und ihr Handy? Wo ist Jenny, ihre Mitbewohnerin? Und warum ist ihr heute überhaupt so schlecht, sie hat doch gestern gar nicht viel getrunken? Erst durch die Morgennachrichten im Fernsehen erfährt Nika, dass heute gar nicht Sonntag ist, sondern Dienstag. Ihr fehlt die Erinnerung an zwei ganze Tage, in denen irgendetwas Schreckliches passiert sein muss. Aber was?

Wie soll ich nur anfangen, ohne zu viel zu spoilern?! Glaubt mir, das ist gar nicht einfach, aber ich gebe mein Bestes! Nica macht ihr Auslansemester in Siena in Italien. Sie spricht nur sehr wenig Italienisch, aber es gibt viele deutsche Studenten und auch ihre Mitbewohnerin ist Deutsche, weshalb die Sprachbarriere nicht allzu schlimm ist. Soviel zur Ausgangslage.
Das Hörbuch beginnt an genau dem Morgen, der im Klappentext beschrieben wird. Nica hat keinerlei Erinnerungen an die letzten zwei Tage, doch ihre Klamotten sind schlammverkrustet, sie hat eine große Narbe im Gesicht und im Badezimmerspiegel thront ihr die bedrohliche Botschaft „Letzte Chance“ entgegen. Wer hat das geschrieben? Wo ist ihr Handy? Und warum ist die Wohnungstür abgeschlossen und ihr eigener Schlüssel fehlt. Die Umstände sind so merkwürdig, dass schnell deutlich wird, dass es sich nicht nur um eine durchzechte Nacht handeln kann. Und dann findet Nica einen Zettel in ihrer Jeans voller kryptischer Botschaften: „Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist“, „Halte dich fern von Einhorn und Adler“, „Sic transit Gloria“, „Weihnachten voller Angst“ und viele weitere Sätze ohne Zusammenhang. Nica hat keine Ahnung, was das bedeutet und sie hat diesen Zettel noch nie gesehen. Aber: Es ist eindeutig ihre Handschrift.
Schon allein dieser Einstieg ist einfach der Hammer! Sofort zog Nica mich in ihre Geschichte und ich konnte diesem Sog einfach nicht entkommen. Die Ausgangslange ist wahnsinnig spannend, denn sie wirft so viele Fragen auf! Ursula Poznanski schafft es mit Bravour, immer nur ganz langsam Geheimnisse aufzudecken. Nica erfährt nur Stück für Stück, was sich zugetragen haben muss. Und das herauszufinden ist alles andere als ein Kinderspiel. Denn wenn du in einer fremden Stadt bist, die in einem Land liegt, dessen Sprache du nicht sprichst und du weder ein Handy noch richtige Freunde hast, an die du dich wenden kannst: Was tust du dann?! All dem muss Nica sich stellen und jede einzelne Minute des Hörbuchs trieft dadurch nur so vor Spannung! Nach einer Weile gerät Nica auch noch in eine Polizeiermittlung als Hauptverdächtige. Ihr Alibi? Sie hat keines – denn sie kann sich an die letzten zweieinhalb Tage nicht erinnern. Das sieht natürlich nicht gut aus für sie und so ist sie gezwungen, auf eigene Faust herauszufinden, was sich zugetragen haben muss. Doch ihre Erkenntnisse lassen sie an sich selbst zweifeln...
Auf der Suche nach Antworten ist sie anfängliche zwar allein, doch irgendwann taucht ein netter Italiener auf, der ihr hilft – Stefano. Aber kann Nica ihm trauen? Kann sie überhaupt jemandem trauen?
Ich würde euch gern mehr über den Handlungsverlauf erzählen, doch es passiert einfach so viel und die Entwicklungen sind so rasant und auch krass, dass das ein riesiger Spoiler wäre. Die Handlung ist auf jeden Fall ernst zu nehmen! Es geschehen Dinge, die brutale Realität sind und die Nica in einem sehr schlechten Licht dastehen lassen. Ihr Gedächtnisverlust lässt nicht nur andere, sondern auch sie selbst zweifeln! Denn kann sie sich sicher sein, was sie getan oder auch nicht getan hat? Ursula Poznanski zeigt so geschickt die Tücken des eigenen Gedächtnisses und auch der eigenen Taten auf, dass es gruselig ist! Zu was kann ein Mensch fähig sein? Das ist eine der Schlüsselfiguren des Romans. 
Aber hacken wir mal den Punkt Spannung ab. Er ist grandios umgesetzt, mehr muss ich nicht sagen. Zu den Charakteren: Nica ist eine tolle Protagonistin, mit der der Hörer leiden muss! Sie ist alles andere als perfekt, ganz normal und trotzdem außergewöhnlich. Ich weiß nicht, wie ich an ihrer Stelle gehandelt hätte. Ich finde sie absolut authentisch und ihre Schwankungen sind toll dargestellt! Stefano hat mein Herz sehr schnell erobert und ich drückte diesem zarten Pflänzchen namens Liebesgeschichte die Daumen. Aber die Autorin konzentriert sich auf andere Dinge und mehr als ein paar Andeutungen gibt es nicht. Aber das ist vollkommen okay! Eine sehr zentrale Rolle spielt noch Nicas Mitbewohnerin Jenny. Über sie kann ich nicht viel sagen, nur eines: Wahnsinn! Im positiven und negativen Sinne! Diese Figur hat es einfach in sich. Der Comissario gefiel mir ebenfalls sehr gut, er sorgt dafür, dass diese Schnitzeljagd den richtigen Charakter hat. Und dann wäre da noch der ominöse Skorpion-Mann…
Die Figurenkonstellation ist überschaubar und gerade das macht sie so gut. Denn trotz allem ist sie vielseitig und lässt nicht viele Möglichkeiten zu. Für mich gab es die Guten, die Bösen und diejenigen, denen man nicht trauen konnte. Toll!
Der Schreibstil ist klasse, soweit ich das beurteilen kann. Was ich beurteilen kann ist die Sprecherin Laura Maire. Ihre Stimme passt zu 100% zu Nica und ihren Emotionen. Sie stellt die Geschichte so lebendig dar, dass ich wirklich dachte, Laura Maires Stimme würde Nica gehören. Außerdem liest sie mit so viel Gefühl und Schauder, dass mir auf meiner Autofahrt im Dunkeln manchmal wirklich mulmig wurde. Denn die Geschichte ist nicht nur spannend, sondern auch düster und unheimlich. Die Sprecherin setzt die Akzente vollkommen richtig und liest wahnsinnig gut! Gänsehaust bekam ich immer, wenn Nica Erinnerungsfetzen zu fassen bekommt und Jenny in ihrer Erinnerung spricht…br…Ein großes Kompliment an Laura Maire, denn durch sie wird dieses Hörbuch so außergewöhnlich gut!
Ich könnte noch Stunden so weitermachen, aber glaubt mir einfach, wenn ich sage, dass es sich so sehr lohnt „Aquila“ zu hören! Immer, wenn man denkt, dass es nicht härter kommen kann, tut es das eben doch. Und trotzdem bleibt das Geschehen in logischen, wenn auch verstörenden Bahnen. Es ist so wahninnig spannend und geheimnisvoll! Geht mit Nica auf diese düstere Schnitzeljagd und löst die Geheimnisse der vergessenen Tage. Aber Achtung: Es kann sein, dass ihr nicht aufhören könnt zu hören!
Für mich hat Ursula Poznanski mit „Aquila“ eine unglaubliche Geschichte geschaffen, die ich jedem nur empfehlen kann! Ich habe gelitten, gezittert, aufgeatmet und gestaunt. Zweieinhalb Tage war ich von dieser Geschichte abhängig, denn sie bestimmte viele meiner Gedanken. Zum Glück waren meine zweieinnhalb Tage kein Vergleich zu denen von Nica. Spannung, Geheimnisse, tolle Figuren, ein klasse Stil und eine wahnsinnig großartige Sprecherin: Ich vergebe 5 von 5 Spitzenschuhen und benenne „Aquila“ als mein Hörbuchhighlight des Jahres!



23. Oktober 2017

Rezension: "Enter the Black - Das Vermächtnis der Zwielichtgeborenen" von T. K. Alice


Titel: Enter the Black - Das Vermächtnis der Zwielichtgeborenen
Autor: T. K. Alice
Verlag: Selfpublish
Preis: 2,99€/ 13,99€
Seiten:424

Durch Zufall wurde ich bei lovelybooks auf ein Buch aufmerksam. Hierbei handelt es sich um eine düstere Geschichte, die mit Spannung und Fantasy wirbt. Mein Interesse war geweckt und so stieß ich zur Leserunde von „Entert he Black – Das Vermächtnis der Zwielichtgeborenen“ von T.K. Alice. Anfangs hatte ich deutliche Probleme mit dem Buch. Es dauert sehr lange, bis die Welt, die die Autorin sich vorstellt, aufgebaut ist und die eigentliche Geschichte beginnen kann. Zum Ende hin wird das Buch aber gut und kann den Leser fesseln. Die Geschichte hat auf jeden Fall Potenzial und man möchte wissen, wie es weitergeht. Ein paar Schwächen gibt es aber trotzdem.

Schatten der Vergangenheit - Eine junge Künstlerin; etwas chaotisch, ein wenig sozial verarmt, aber doch lebensfroh auf ihre eigene Art - so könnte man Annie beschreiben. Sie liebt, sie lebt und sie ist stolz auf das, was sie tut, selbst wenn sie manchmal ein wenig schüchtern sein mag. Doch unter der farbenfrohen Oberfläche, lauern tiefsitzende Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu bin ich hier? Und die Antworten auf diese Fragen, könnten sie vielleicht sehr bald mehr kosten, als sie zu geben bereit ist...
Ich gebe zu, dass ich mir unter dem Klappentext nicht viel vorstellen konnte. Er verrät ja auch nicht allzu viel. Das düstere Cover dazu machte mich aber neugierig. Und so begann ich in die Geschichte von Anni abzutauchen. 
Der Prolog ist sehr interessant und bildet daher einen sehr guten Einstieg ins Buch. Danach lernen wir die quirlige und auch etwas sonderbare Protagonistin Anni kennen. Sonderbar, weil sie kein typischer Teenager ist. Sie weiß sehr genau, was sie will und ist künstlerisch  begabt. Ihre Bilder sind immer sehr dunkel und düster - das absolute Gegenteil von ihrer Person. Denn Anni liebt es sich bunt und ungewöhnlich anzuziehen und zieht mit ihren kurzen rosa Haaren manche Blicke auf sich. Insgesamt empfand ich ihren Alltag als ziemlich merkwürdig und deswegen fiel mir der Einstieg ins Buch sehr schwer. Ihre Eltern, ihre Schule und ihre Vorlieben werden vorgestellt, bis sich merkwürdige Dinge in Annis Leben häufen. Und immer wieder sieht sie diese schwarze Krähe…
Diese Elemente sorgten schon zu Beginn für Spannung, doch bis zur Hälfte des Buches konnte diese nicht ganz durchgehalten werden. Immer wieder werden Kapitel zur Ausschmückung der Geschehnisse verwendet. Das ist auch nicht verkehrt, zog sich nur einfach sehr in die Länge. Neben Anni werden zwei andere Personen genauer betrachtet. Das ist zum einen Annis Freundin Liv, die ebenso strange ist, wie Anni und daher bilden beide ein tolles Team. Anfangs konnte ich Liv überhaupt nicht durchschauen, doch mit der Zeit wuchs sie mir ans Herz. Sie sorgt für Furore und weist genügend Unterschiede zu Anni auf, damit die Beziehung zwischen ihnen spannend bleibt. Zum anderen ist das Annis Kunstlehrer Mr. O’Farell. In einer düsteren Geschichte muss es natürlich dubiose Charaktere geben und Darren O’Farell zählt auf jeden Fall zu ihnen. Was will der Lehrer von Anni? Und wieso fühlt sie sich zu ihm hingezogen? Letzteres ist übrigens nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass der Kunstlehrer sehr jung ist und Anni viel Aufmerksamkeit zukommen lässt. Aber so wird der Leser auch schnell auf die Fährte geführt, dass mit ihm etwas nicht stimmt.
Nach und nach baut die Geschichte sich auf und zum Ende hin tauchen immer mehr Fantasyelemente auf. Ich muss sagen, dass mir das Buch ab einer bestimmten Stelle viel besser gefiel. Sobald T. K. Alice ihren Fokus gefunden hat und die Idee langsam deutlich wird, wird es spannend. Anni muss sich beweisen und erfährt immer mehr über eine Welt, die nur wenige kennen und die von den „Schatten“ beherrscht wird. Ich glaube, dass Teil zwei der Reihe sehr gut werden kann, denn „Das Vermächtnis der Zwielichtgeborenen“ hat auf jeden Fall den Grundstein gesetzt. Diese Grundsteinsetzung dauerte aber sehr lange und verwirrt den Leser an mehr als einer Stelle. Eigentlich ist der Stil der Autorin gut und sie schreibt flüssig und spannend. Das emotionale Innenleben von Anni wird sehr deutlich und durch kursive Sätze im Text immer wieder unterstrichen. Meiner Meinung nach wäre das nicht unbedingt nötig gewesen, da Annie sowieso die Ich-Erzählerin ist, aber nach einer Weile störte es mich auch nicht mehr. Lediglich ein Zeitsprung im Buch hat mich gestört, auch wenn ich ihn als erzählerisches Mittel nachvollziehen kann. Spannend bleibt das Buch vor allem am Ende und ein fieser Cliffhänger sorgt dafür, dass der Leser wissen will, wie es weitergeht. Es gibt so viel, das noch unbeantwortet ist, so viele Geheimnisse, die noch gelüftet werden müssen… Denn auch wenn man nach Lesen des Buches viel mehr über die anfänglichen Fragen weiß, so ist doch das wichtigste immer noch nicht klar: Wer ist Anni?


„Entert he Black – Das Vermächtnis der Zwielichtgeborenen“ ist ein interessanter Auftakt mit einer wirklich guten Idee. Die Autorin ist sehr sparsam mit Andeutungen auf das große Ganze und deswegen erschließt sich ihre Welt dem Leser nur mit unglaublicher Langsamkeit. Gerade am Anfang muss man einfach dran bleiben, denn die letzten 150 Seiten sind wirklich klasse und deuten das gesamte Potenzial der Reihe an. Denn sobald der Fantasy-Fokus deutlich wird, wird es spannend und innovativ (, wenn auch manchmal kompliziert). Die Charaktere sind alle sehr sympathisch und verrückt, aber auch düster genug, um in diese Geschichte zu passen. Manchmal musste ich mich zum Lesen zwingen, doch dann konnte mich das Buch durchaus überzeugen. Ich hoffe, dass T. K. Alice im zweiten Teil ihren Fokus schnell findet und all die gelegten Fäden zusammenziehen kann. Mir fällt die Wertung zwischen 3,5 und 4 Spitzenschuhen schwer, also runde ich einfach auf 4 Spitzenschuhe in schwarz auf – passend zur Geschichte.



8. September 2017

Rezension: "Königsblau" von Julia Zieschang


Titel: Königsblau
Autor: Julia Zieschang
Verlag: Dark Diamonds
Preis: 4,99€
Seiten: 325

Während meiner Kindheit habe ich irgendwann einmal etwas von der Geschichte von „König Blaubart“ gehört. Über den genauen Handlungsablauf wusste ich nicht mehr viel, doch eine Sache kann man wohl nicht vergessen: Den frauenmordenden Blaubart selbst. Das Märchen stammt aus Frankreich und wurde zigmal adaptiert. So auch von Julia Zischang in ihrem neuen Buch „Königsblau“. Das Cover ist düster und geheimnisvoll und der Klappentext hat mich sofort überzeugt. Für Märchen bin ich immer zu haben und „Blaubart“ ist doch noch relativ unbetastet im Vergleich zu Märchen wie „Die Schöne und das Biest“ oder „Cinderella“. Die Autorin hat einen wirklich traumhaften Job gemacht, denn sie paart die bekannte Geschichte mit einer zweiten, ebenso märchenhaften Handlung. So bekommen wir in „Bluebeard“ gleich zwei Parallelgeschichten geliefert, die natürlich zusammenhängen, die einen dadurch aber auch immer wieder überraschen können. Märchenelemente, ein toller Stil und eine düstere Kulisse bilden ein sehr empfehlenswertes Ganzes!

Ihr Leben lang hat Rosalie gehofft, nie an der königlichen Brautwahl ihres Landes teilnehmen zu müssen. Denn nichts fürchtet sie mehr, als dass die Entscheidung des Mannes mit den königsblauen Haaren und der eisigen Ausstrahlung auf sie fallen könnte. Doch als genau das geschieht, befindet sie sich plötzlich hinter den dicken Mauern einer Festung, die ebenso viele Rätsel aufwirft wie der Mann, der sich in ihr verbirgt… 

Als ich den Klappentext zuerst las, musste ich beim ersten Satz natürlich an Bücher wie „Selection“ oder „Die vierte Braut“ denken. Aber weit gefehlt. Es geht keinesfalls um die „Brautschau“, denn diese wird bereits im ersten Kapitel abgehandelt. Es geht um so viel mehr! Der Klappentext ist ein wenig fehlleitend, denn meiner Meinung nach kann man durchaus auf die Idee kommen, dass Rosalie diejenige sein könnte, die Bluebeard ändert und ein wahres Märchen entstehen lässt. Schon nach kurzer Zeit wird aber klar, dass niemand Bluebeard ändern kann und er das personifizierte Böse ist. Wovon im Klappentext gar nicht die Rede ist, ist Claires Geschichte. Dabei ist diese mindestens genauso wichtig, wie die von Rosalie. Julia Zieschang erzählt in diesem Buch im ständigen Wechsel. „Königsblau“ hat zwei Protagonistinnen und das sind eben Rosalie, aber auch Claire. Beide kennen sich nicht und dennoch sind ihre Geschichten miteinander verwoben. Claire ist die Prinzessin des Landes, die verflucht wurde und deswegen wie ein altes Mütterchen aussieht, das nur von der wahren Liebe erlöst werden kann. Ihr merkt schon, wie haben es hier mit einem wahren Märchen zu tun. Flüche, Prinzessinnen, das Böse – all diese Elemente sind sehr wichtig. Und welches fehlt noch? Natürlich: die Liebe. Denn das ist das wahre Motiv hinter der Geschichte. Rosalie muss zu Blueberad gehen, wird von ihrer Familie getrennt und lebt von nun an in Angst und Schrecken. Alles im Schloss ist merkwürdig und grausam. Doch was sie nicht weiß, ist, dass ihr Bruder Ric sie befreien will. Wahre Familienliebe.  Er macht sich auf die Suche nach ihr, denn natürlich ist auch ihm bekannt, dass keine von Bluebeards vorherigen Ehefrauen wieder gesehen wurde. Auf seinem Weg begegnet er Claire. Diese lebt abgeschieden in einem Haus in den verschneiten Bergen. Doch sie ist nicht allein, denn die letzten vier Blumenelfen leben bei ihr. Magische kleine Wesen, die jeder Leser sofort ins Herz schließen muss. Die quirlige Poppy versucht Claire immer wieder zu zeigen, wie liebenswert sie ist, denn diese hat sich beinahe schon aufgegeben. Claire beschließt Ric zu helfen und gemeinsam machen sie sich auf, Rosalie zu retten. Doch dieser läuft die Zeit davon. Denn Bluebeard hat ihr bereits den ominösen Schlüsselbund überlassen, mit dem Hinweis den kleinsten und simpelsten Schlüssel auf keinen Fall zu benutzen…
Es gibt vieles, was an diesem Buch einfach richtig toll ist! Zum einen finde ich desnHandlungsaufbau einfach nur klasse. Man liest zuerst ein Kapitel von Rosalie mit einem Hinweis von „Zwei Monate zuvor“ oder Ähnliches und danach folgt immer eines von Claire, das mit „Jetzt“ betitelt ist. So schafft die Autorin einen Spannungsbogen, der ganz offensichtlich gegen die Zeit läuft. Man kann sich nach jedem Kapitel kaum entscheiden, welche Geschichte denn nun spannender ist. Nach einer Weile kristallisierte sich Claire als meine Favoritin heraus und das hatte ich anfangs gar nicht erwartet. Aber die zarte Liebesgeschichte zwischen Ric und Claire ist einfach wunderschön. Die Reise, die die beiden bestreiten, wird toll geschildert und ist abenteuerhaft. Außerdem sorgt ihre kleine Begleitung Poppy immer wieder für niedliche Momente und weiß genau den richtigen Grad zwischen Ermutigung und Zurückhaltung an den Tag zu legen. 
Bei Rosalie herrscht deutlich das Motiv der Angst und Dunkelheit vor. Das düstere Schloss, mit nur wenigen Angestellten, der blutliebende Bluebeard, all die Geheimnisse und die Grausamkeit. Man gruselt sich schon manchmal ein bisschen. Aber auch hier gibt es einen Ausblick – Will. Denn auch für Rosalie wurde für eine Liebesgeschichte gesorgt. Ich muss allerdings sagen, dass ich dem Stallburschen irgendwie nie ganz vertraut habe. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden fand ich deutlich schwächer als die zwischen Ric und Claire. Mich konnten die beiden in Bluebeards Nähe einfach nicht so fesseln. Die tragenden Figuren waren für mich einfach Claire und Ric und sie bringen sie Geschichte auch ordentlich voran. Natürlich ist auch die Figur des grausamen Blueberads sehr interessant. Es gefiel mir gut, dass er so gar nichts Gutes in sich hatte. Das hatte noch mal einen tollen Märcheneffekt. 
Der Stil von Zieschang ist fließend und fügt sich sehr schön in diese Märchengeschichte. Sie beschreibt die Orte gut und hat ein Händchen für die romantischen Momente – jedenfalls bei Claire und Ric. Mir hat die Kulisse sehr gut gefallen und auch das Motiv der Magie wurde toll verarbeitet! Des Weiteren spielt die Autorin mit den Gefühlen des Lesers. Am Ende war ich kurz vorm Weinen, weil die Geschehnisse so traurig waren. Und dann war ich wieder überglücklich, weil alles so schön war. Es ist ein Wechselbad der Gefühle…
Im Grunde finde ich dieses Buch großartig. Etwas schwächer war wie gesagt die zweite Liebesgeschichte. Gut umgesetzt wurde auch das Finale. Aber auch hier habe ich noch einen kleinen Kritikpunkt. Der abschließende Kampf mit Bluebeard kommt keinesfalls im letzten Kapitel vor. In meinen Augen schloss der Kampf mit einem Satz, der mir weismachte, es sei doch noch nicht vorbei. Kann man bei solch magischen Büchern ja nie wissen. Dass das Buch dann noch zwei weitere Kapitel geht, hat mich etwas verwirrt. Doch eigentlich nimmt die Autorin sich lediglich die Zeit für ein richtig schönes Happy End. Und das sei im Märchen verziehen!



Julia Zieschang hat mit ihrer Märchenadaption eine so schöne Geschichte geschaffen, so dass ich „Königsblau“ absolut empfehlen kann. Die typischen Märchenmotive wie Gut und Böse, die Liebe, Familie und Magie spielen eine große Rolle. Aber das Buch hat durchaus auch moralische Züge. Die Figuren sind alle sehr gut gelungen und für jeden ist sicher eine potenzielle Liebslingsfigur dabei. Ich habe meine in Ric und Claire gefunden. Wobei ich auch Poppy sehr geliebt habe. Der Stil ist flüssig und angenehm und so schafft es die Autorin den Leser in ihre Welt zu entführen. Wegen kleiner Schwächen ziehe ich einen halben Punkt ab und komme auf 4,5 Spitzenschuhe für das schöne und teils auch düstere Märchen.




6. April 2017

Rezension: "Spiegel des Bösen" von Björn Springorum


Titel: Spiegel des Bösen
Autor: Björn Springorum
Verlag: Thienemann-Esslinger
Preis: 14,99€
Seiten: 384

Denke ich an das Genre der Grusel-/Horrorliteratur, fallen mir sofort Werke wie „Frankenstein“, „Dracula“ oder „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ ein. Ich treibe mich nicht sonderlich oft in diesem Genre herum, denn ich bin ein ängstlicher Mensch. Manchmal. Aber der Roman „Spiegel des Bösen“ von Björn Springorum hat mich dann doch magisch angezogen. Auch er gehört in die Sparte der Gruselliteratur, allerdings verpackt in ein Jugendbuch, was bereits eine spannende Mischung ist. Sowohl der Klappentext, als auch das Cover sind sehr gelungen und so wollte ich mich auf die schaurige Geschichte ins Grandhotel Rabenfels begeben. Es hat sich gelohnt. Eine durchdachte, spannende und an manchen Stellen auch gruselige Geschichte wartet in diesem alten Gemäuer auf euch…Seid ihr mutig genug das Geheimnis um das Grandhotel mit Sophie zu lösen?


Klappentext


Ein Grandhotel, in dem das Grauen herrscht, ein Zimmermädchen, das auf Rache schwört, drei Berghexen, die auf Seelen lauern, und eine Liebesgeschichte, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist ...

Meinung


Ich mag es, wenn Klappentexte nicht viel von der Geschichte verraten. Außerdem stehen der Titel und das Cover schon für eine bestimmte Richtung der Geschichte. Daher haben mir diese wenigen Zeilen gereicht. Für mich übte von Anfang an das Grandhotel, das auch auf dem Buchrücken abgebildet ist, eine gewisse Faszination aus. Wer träumt sich nicht mal in die alten, vergangenen Zeiten, in denen die Reichen und Schönen in diesen Etablissements abstiegen und sich selbst gebührend feierten? Dass solche Gebäude aber auch in gewisser Weise abschrecken, geht mit diesem Gedanken einher. Daher finde ich die Kulisse richtig klasse! Und Springorum vermittelt das Gefühl dieses großen Hotels mit all seinen verborgenen Gängen, Zimmern und selbst Etagen sehr gut. Ich selbst wäre in diesem Hotel bereits am ersten Tag vor Angst gestorben. Aber zum Glück heißt die Protagonistin Sophie und nicht Julia (, obwohl der Autor anfangs wirklich vorhatte sie Julia zu nennen) – denn Sophie ist mutig und eigensinnig. Sie ist eine gute Handlungsträgerin und schreckt vor den Geheimnissen des Hotels nicht zurück. 
Die Geschichte beginnt überaus mysteriös. Ich mochte den unmittelbaren Einstieg. Die Struktur des Buches ist sehr durchdacht und der Autor lässt nur langsam die ganze Geschichte ans Licht. Im Allgemeinen ist die Handlung hinter dem Buch durchaus zu erraten. Versucht man dies aber gar nicht erst, überraschen den Leser durchaus ein paar Wendungen. Das ganze Szenario ist gruselig und schaurig. Es ist nicht so, als wenn man vor dem Buch panisch davonrennen möchte, aber so ganz geheuer waren mir bestimmte Szenen nicht und ich bin froh, dass ich es nicht mit Geistern oder gruseligen Frauen im Spiegel zu tun habe. Es gibt viel Ungeklärtes, Surreales und Geheimnisvolles in diesem Buch. Man kommt der Lösung des Rätsels immer näher, muss dabei aber auch bestimmte Prüfungen bestehen. Aber was sage ich…"man"…ich meine natürlich Sophie und die anderen. 
Denn Sophie ist nicht allein. Sie wacht eines Morgens im Hotel auf, aber ihre Eltern sind verschwunden. Auch sonst nimmt im Hotel niemand sie wahr. Im Keller des riesigen, alte Gebäudes findet sie drei weitere Jugendliche, die das gleiche Schicksal ereilt hat. Allerdings scheinen diese drei bereits seit einem ganzen Jahrhundert in den Kellern des Hotels auszuharren. Margarete, Ludwig und Max sind gelungene Nebencharaktere. Man weiß nie genau, wem man trauen kann. Max ist dabei der absolute Sympathieträger. Ein Gentlemen, wie er im Buche steht – und natürlich ist er Teil der Liebesgeschichte. Die aber, wie der Klappentext bereits verrät, zum Scheitern verurteilt ist. Das will der Leser nicht akzeptieren, es bleibt aber unumstößlich. Sophie und Max sind ein tolles Gespann. Gemeinsam erkunden sie das Hotel und versuchen hinter sein Geheimnis zu kommen. Dabei verlieben sie sich und das ist zuckersüß. Allerdings gefielen mir Sophies Gefühle nicht so sehr. Sie beschreibt diese liebevollen Szenen immer ein bisschen merkwürdig, wenn man mich fragt. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon älter bin als Sophie, aber hier musste ich mich von der Geschichte manchmal distanzieren. Sophie nadelt nicht immer verständlich, bleibt sich selbst aber treu. Sie wäre wohl nie zu meiner Freundin im wahren Leben geworden, doch für diese Geschichte ist sie sehr passend. Max hingegen war mein Liebling. Er ist mutig, liebevoll und bildet mit Sophie zusammen eine gelungene Einheit. Ludwig ist etwas trottelig, aber zum Knuddeln und Margarete ist ziemlich unsympathisch. Dass auch sie nicht alles preisgibt, wird schnell klar. Tja und dann wären da noch die gruseligen Charaktere. Allen voran das mysteriöse Zimmermädchen. Sie stellt das Beispiel der zurückgestoßenen Liebe dar, die in Hass endete. Diesen Wandel hat der Autor schön dargestellt. Menschen sind zu vielen Dingen fähig und wenn sie dann auch noch die Unterstützung des Bösen bekommen, kommt solch eine Geschichte heraus. Die Frau im Spiegel war für mich das gruseligste Element der Geschichte. Aber auch der Concierge oder das Phantom haben es in sich. 
Der Schreibstil ist manchmal etwas brüchig. Springorum ist bemüht, nah an seiner Zielgruppe zu schreiben. Daher sind viele Sätze etwas kurz oder unflüssig. Dennoch kommt man super durchs Buch, auch weil das Vokabular sehr schön verpackt ist. Die Kapitel sind relativ kurz und der Beginn jedes Kapitels ist illustriert. Das macht das Buch zu einem wahren Hingucker. 
Das Ende des Buches hat mich dann wirklich mitgenommen. Es wird tragisch, wunderbar und grausam. Ich saß im Zug, als ich das Buch beendete und wollte danach eigentlich ein anderes anfangen. Allerdings musste ich zuerst das Ende von „Spiegel des Bösen“ verarbeiten. Denn die versteckte Moral ist großartig. Sowohl, was die wahre, als auch die familiäre Liebe angeht. Oder wie Max es formuliert: 
„Ich danke dir von ganzem Herzen – auch dafür, dass du mir bewiesen hast, dass es sich lohnt zu lieben. Ganz gleich, wie kurz oder lang.“ (S. 380)



Fazit


Mit diesem Zitat muss ich schließen. Obwohl „Spiegel des Bösen“ eine gruselige und schaurige Geschichte ist, ist sie genauso sehr eine Geschichte, die von Liebe und Hoffnung handelt. Diesen Bogen hat Björn Springorum wunderbar geschlagen und mich als Leser eingefangen. Die Beschreibungen sind toll, die Charaktere passen zur Handlung und das Konstrukt ist gut durchdacht. Die Kulisse gibt dem Ganzen den Rest. Lediglich einige Hürden im Schreibstil und manche Handlungen von Sophie trügen das tolle Bild. Und so verbleibe ich mit vier Spitzenschuhen. Sie geben in einem von Staub bedeckten Flur sicher auch ein schauriges Element fürs Grandhotel her…Buh!