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30. November 2019

Rezension: "Die Greifenreiterin - Hoffnung" von Sabine Schulter




Titel: Die Greifenreiterin - Hoffnung 
Autor: Sabine Schulter  
Verlag: Selfpublished
Preis: 12,99€ (TB) 
Seiten: 267

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie sehr man sich in völlig fiktive Figuren, ja sogar völlig fiktive Lebewesen im Generellen verlieben kann! Denn genauso erging es mir mit dem Greifenweibchen Ferril, das natürlich eine der Hauptfiguren in Sabine Schulters „Die Greifenreiterin“ ist. Nachdem ich den ersten Band „Gefangenschaft“ gelesen hatte, ließen Ferril und seine Reiterin Rayna mich nicht mehr los. Und obwohl ich durchaus Kritik am ersten Teil hatte, wartete ich sehnsüchtig auf Band zwei. Mit dem zweiten Band „Hoffnung“ entführt uns die Autorin nicht nur erneut in die wundervolle und fantastische Welt von Ferril und Rayna, sondern schafft es auch, den Spannungsbogen zu steigern. Hut ab, denn so ist das Resultat in meinen Augen stärker, als der Auftaktband!

Nachdem die Zea-Anführerin Ti´ha sie um Hilfe gebeten hat, kehren Rayna und Hyron zu den Himmelsschwertern zurück. Dort angekommen, können sie ihre Anführer davon überzeugen, dass es für ganz Teharis von Nutzen ist, wenn Zemzee aufgehalten wird. Doch als Rayna in den Süden zurückkehrt, muss sie feststellen, dass alles nicht so einfach ist wie gedacht und Zemzee Dinge in der Hinterhand hält, die alle Kräfteverhältnisse durcheinanderwirbeln. Die Einzigen, die ihm etwas entgegensetzen können, sind die Tenga – das magiebegabte Volk, das sich bisher strikt von allen anderen fernhielt.

Als Leser kommt man bereits auf der ersten Seite wieder in Raynas und Ferrils Welt an. Es ist, als wäre man nie weg gewesen, da Band zwei unmittelbar nach dem ersten Band wieder einsetzt. Dennoch schafft Sabine Schulter es, die Ereignisse des ersten Bandes gut in die ersten Kapitel zu verweben, sodass man sofort wieder in der Geschichte ist. Und das ist gut, denn es geht auch direkt los. Man kann einen klaren Aufbau des Buches erkennen, der definitiv eine steigende Spannungskurve aufweist. Rayna und Hyron sind anfangs beim Volk der Shealif und so bekommt man einen umfassenden Einblick in die Vielfältigkeit Teharis‘. Das Volk der Shealif, aber auch das Himmelsvolk werden noch einmal ganz neu vorgestellt, was sehr viel Spaß macht. Doch nachdem die Situation klar ist, wird das Buch erst so richtig rasant. Denn die Reise beginnt und der Auftrag lautet Zemzee aufzuhalten. Doch das ist gar nicht so einfach, ist der Anführer des Nordvolkes doch viel stärker, als zunächst angenommen! Schnell ist klar: Nur die Tenga können noch helfen. Doch gerade dieses Volk hat es in „Hoffnung“ am schwersten. Die Einführung bis zur Haupthandlung gefiel mir im Großen und Ganzen sehr gut. Hier gehe ich später allerdings noch auf eine Einschränkung ein. Der Hauptteil der Handlung spielt auf einer Mission zum Tempel der Tenga. Diese Mission ist wirklich gut umgesetzt und es macht so viel Spaß den Protagonisten unter die Erde zum Heiligtum der Tenga zu folgen. Das magiebegabte Volk ist einzigartig und so ist es auch mit dieser Mission, mit dem Schauplatz und mit den Figuren. Rayna und Ferril machen sich gemeinsam mit Karim und Tack, Hyron und einem Vertreter der Tenga auf die Reise. Dieser kleine Trupp ist durch seine Mischung mehr als gelungen, sodass man mit ihnen lachen, weinen, aber auch jedes Abenteuer bestehen kann. Und von denen warten viele auf die Greifenreiter und ihre Gefährten. Die Handlung war wirklich spannend und vor allem zum Ende hin flogen die Seiten nur so dahin. 
Die Figuren tun ihr Übriges. Über Rayna und Ferril brauche ich glaube ich nicht allzu viel sagen. Die starke und eigensinnige Protagonistin bleibt ihrer Linie treu, was mir gut gefiel. Ihr Greif Ferril ist einfach einzigartig und einer der Gründe, warum man sich in die Geschichte verlieben muss. Und wenn nicht wegen Ferril, dann wegen Karim, Raynas Bruder. Mir hat es sehr gut gefallen, dass er eine größere Rolle als in Band eins bekommen hat und so erobert der beschützerinstinktgeleitete große Bruder sofort jedes Herz im Sturm. Und für den ein oder anderen Witz sorgt er obendrein. Die Chemie zwischen Rayna und Karim ist einfach grandios und auch Hyron passt gut in diese Truppe. Über den Shealif erfährt man in „Hoffnung“ noch deutlich mehr, als noch in „Gefangenschaft“. Sein Charakter wird greifbarer und seine Liebe zu Rayna immer offensichtlicher. Hiermit wäre ich aber bei meinem Kritikpunkt angelangt. Im ersten Teil des Buches geht es genau darum: die Liebe. Mir ging das Ganze etwas zu schnell und die Gefühle waren auch zu plötzlich so intensiv. Hier hätte ich mir etwas mehr Zeit gewünscht, auch wenn die Liebesgeschichte an sich ganz wunderbar ist! 
Diese (kleine) Kritik bleibt aber sehr einsam, denn insgesamt ist das Buch wahnsinnig toll. Das liegt natürlich auch am Schreibstil der Autorin. Gerade im Fantasygenre muss mit Bildern und Details gearbeitet werden und darauf versteht Sabine Schulter sich absolut. Man liest das Buch sehr schnell, kann sich alles vorstellen und fühlt sich als Teil der Handlung. 
Ein paar Worte noch zum Ende: Ich hasse Cliffhanger. Und oh Mann…das hier ist sowas von einer. Nie hätte ich gedacht, dass die Geschichte an solch einem Punkt enden könnte. Ich habe geschrien und war mehr als schockiert. Denn das Ende ist so gemein. Man MUSS einfach wissen, was nun passiert! Obwohl ich Sabine Schulter für dieses Ende wirklich ein klein wenig hasse, ziehe ich auch meinen Hut vor ihr, denn so hat sie es definitiv geschafft, meine Neugierde auf Band drei zu schüren. Ich brauche dieses Buch – und zwar schnell!


„Die Greifenreiterin – Hoffnung“ ist eine tolle Fantasygeschichte, die nicht nur mit gelungenen Protagonisten (egal ob menschlich oder tierisch) aufwartet, sondern die auch in ein zauberhaftes Setting gelegt wurde. Die Geschichte hat alles, was sie braucht: Freundschaft, Liebe, Abenteuer und das ganz gewisse Etwas. Ich freue mich sehr auf den dritten Teil und verbleibe bis dahin mit 4,5 Sternen und natürlich in der „Hoffnung“, dass Band drei ganz bald erscheint.


10. Oktober 2018

Rezension: "Tess" von Thomas Hardy


Titel: Tess
Autor: Thomas Hardy
Verlag: dtv
Preis: 9,90€
Seiten: 592



Ich bin eine Leserin mit anspruchsvollen Idealen – die natürlich niemals erreicht werden können. Dennoch zählt in diese Kategorie auch das Kennen diverser Klassiker. Ich kann Klassikern sehr viel abgewinnen und lese die meisten gern! Der Schreibstil und das Setting entstammen anderen Zeiten und man begibt sich auf eine kleine Reise, voller alter Werte und Normen. Gesellschaftsvorstellungen die heute mehr als veraltet sind, sind in diesen Büchern aktuell und allein zu beobachten, wie die Protagonisten sich in solchen Zeiten schlagen, ist überaus interessant. 
Ein Klassiker, der schon lange auf meiner Leseliste stand, war „Tess“ von Thomas Hardy. Viel wusste ich über dieses Werk nicht, mal abgesehen von seiner Berühmtheit. Aber die schöne Ausgabe des dtv-Verlags zog mich schon vor Jahren an und wie so oft dachte ich: „Ein Klassiker. Den muss ich dann ja wohl kennen!“ Und deswegen stürzte ich mich in die Geschichte von Tess d’Urberville. Doch obwohl es viele Stellen gab, die mich fesseln konnten und ich die Genialität Hardys zum Teil begreifen kann, beinhaltet die Geschichte für mich zu viele unnötige Längen. Es handelt sich um die Geschichte einer Frau mit Aufs und Abs, die man kaum greifen kann. Tess ist faszinierend! Aber auch eine geisterhafte Frauenfigur…Und trotzdem werde ich sie einfach nicht mehr los!


Durch Zufall erfährt die in ärmlichen Verhältnissen lebende Tess Durbeyfield, dass ihre Familie einem alten normannischen Adelsgeschlecht entstammt. Ihr Entschluss, vermeintliche Verwandte zu besuchen, hat fatale Folgen für die junge Frau: Sie trifft auf die zwei Männer, die den Gang ihres Schicksals unheilvoll lenken.

Der Klappentext gibt nicht viel her und auch deswegen hatte ich wenige Erwartungen an das Buch. Grundsätzlich gehe ich immer mit einem positiven Gefühl an Klassiker und so auch dieses Mal. Mich interessierte die Geschichte von Tess, auch wenn ich gar nicht wusste, was diese besonders machen sollte. Aber obwohl ich lange Zeit im Dunkeln tappte, ist die Geschichte von Tess d’Urberville tatsächlich etwas Besonderes. Wie bei so vielen Klassikern, gibt es keinen so richtigen Höhepunkt, da es sich eher um einen Entwicklungsroman handelt. Der Leser begleitet Tess über viele Jahre, durchlebt viele Lebenststationen und nimmt jedes Schicksal mit. 
Tess ist zu Beginn des Buches eine naive Landschönheit, die blauäugig durchs Leben geht. Sie ist ein bisschen eitel, aber dennoch gebildet für ein Bauernmädchen, doch sie macht eine starke Entwicklung durch. Leider ist sie mit einem verschwenderischen und eingebildeten Vater gestraft, der immer der Meinung ist, die Gesellschaft schulde ihm etwas. Obwohl ihre Mutter eine herzlichere Figur ist, muss sie für die sechs Kinder sorgen und gibt diese Aufgabe kurzerhand an Tess ab – in gewisser Weise. Denn natürlich versucht die Familie Profit aus Tess‘ Schönheit zu schlagen, was der jungen Frau schmeichelt. Man kann sich das nicht vorstellen, wie bei „Stolz und Vorurteil“, wo Mrs. Bennet ihre Töchter reich verheiraten will. Die d’Urbervilles haben kein Geld, sondern leben als Bauern auf dem Land. Tess wird nun aber zu „Verwandten“ geschickt und trifft dort den jungen und charmanten Alec d’Urberville. Doch er ist alles andere als ein Gentleman und mit ihm beginnt Tess Untergang. Ich möchte hier nicht spoilern und würde meine Zusammenfassung eigentlich an dieser Stelle abbrechen, wenn da nicht noch der vorher erwähnte zweite Mann wäre, den ich noch erwähnen muss. Alec d’Urberville nimmt eine wichtige Rolle in Tess Leben ein, doch bald schon ist er kein Teil mehr davon. Jahre später trifft Tess auf einem Milchhof auf den reizenden Angel Clare. Er ist Pfarrerssohn, aber ein Nichtsnutz. Statt einer kirchlichen Karriere schlägt er den Weg eines Landmannes ein und lernt deswegen auf diversen Höfen das Handwerk. Tess und Angel verlieben sich und heiraten. Doch wie man an diesem wunderbaren Namen schon erkennen kann, ist Angel Clare nicht der Engel, für den man ihn halten kann. Wenn man dachte, dass es für Tess bereits bergab geht, dann steigert der Roman sich nun noch um ein Vielfaches. Das Buch wird zur reinsten Tragödie und Leidenszeit. Das Ende hat mich dann vollkommen überrumpelt. Dachte ich doch, ich wüsste, was passiert, wenn Tess mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird – so lag ich doch vollkommen falsch. Und ich ertappte mich dabei, wie ich meine eigenen Moralvorstellungen hinterfragte. Denn all das hat „Tess“ mit mir gemacht. Aber ich schweife ab. Nochmal.
Die Handlung ist ein bisschen verworren und relativ skandalös für das Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst ich musste bei manchen Entwicklungen schlucken. An anderen Stellen schüttelte ich den Kopf über die Prüderie dieser Zeit. Und dann tat mir Tess wahnsinnig leid. Der originale Untertitel des Buches lautet „Eine reine Frau“, was wirklich bemerkenswert ist. Denn Tess‘ Geschichte ist alles andere als rein. Und dennoch hat sie nie wissentlich Schuld auf sich geladen, sondern handelte zumeist sehr edel. Das Ende klammere ich hier mal aus. Hätte die fiktive Tess in der heutigen Zeit gelebt, wäre ihre Geschichte nicht einmal eine Fußnote wert gewesen, weil sie viel zu normal wäre. Zumindest trifft dies auf den ersten Teil der Geschichte zu. Tess ist Opfer männlicher viktorianischer Machenschaften, die den Nachteil des weiblichen Geschlechts in dieser Zeit stark verdeutlichen! Man könnte ewig über die Geschichte und den Verlauf von Tess‘ Leben diskutieren und ich bin sicher, die Diskussion wäre sehr ertragreich. Es macht mir Spaß, über diesen Roman zu schreiben – aber das Lesen hat nicht immer Spaß gemacht. Und das lag an den Längen, die dieser beinhaltet. Denn sowohl die Handlungsidee, deren Verlauf und die Figuren gefielen mir sehr gut. Betrachte ich die Geschichte von Tess im Nachhinein, finde ich sie sogar spannend. Über die Figuren könnte ich ellenlange Interpretationen schreiben, da sie alle so interessant sind. Und auch der Schreibstil hat etwas Angenehmes. Ich mag den ausholenden Stil des späten 19. Jahrhunderts und Thomas Hardys Stil ist durchaus geschliffen, bildreich und intelligent. Aber er ist auch langatmig. An diesem Roman wurde schon immer das Beschreiben der Landschaft und das gezeichnete Gesellschaftsbild im Umbruch der Industrialisierung gelobt – ehrenwerte Symbole, todeslangweilige Längen für den heutigen Leser. Die Landschaftsbeschreibungen ziehen sich über viel, viele Seiten. Und auch, wenn man einen hervorragenden Eindruck von der damaligen Gesellschaft und ihren Vorstellungen bekommt, ebenso wie einen Querschnitt durch eben diese Gesellschaft, fordert dies doch arg die Geduld des Lesers. Ich hatte zwischendurch einfach keine Lust auf das Buch, lagen doch wieder nur ewige Feld- und Wegbeschreibungen vor mir. Und das machte mir das Lesen schwer.
Dennoch verbirgt sich unter dieser Gesellschaftsstudie eine atemberaubende Geschichte mit faszinierenden Charakteren. Tatsächlich begriff ich erst nach dem Lesen, dass ich mehr mit Tess gelitten hatte, als ich zunächst annahm. Sie ist eine bemerkenswerte Figur, denn irgendwie fehlte mir trotz ihres Protagonistenseins der Zugang zu ihr. Die Geschichte handelt von ihr, sie ist die Heldin und tragische Figur und dennoch lernt man sie nie wirklich kennen. Ihre abgöttische Liebe zu Angel Clare soll ihr Leben bestimmen. Doch obwohl sie sich absolut unterwirft, bleibt sie auf gewisse Weise stark. Als ich das letzte Kapitel las, konnte ich nicht fassen, was der Autor mir antut. Insgesamt konnte ich die letzten Kapitel des Romans kaum begreifen, gibt es doch einen vollkommen unerwartet Storyturn. An diesem sind auch die beiden wichtigen Herren Alec d’Uberville und Angel Clare beteiligt. Angel ist bei seinem Auftauchen ein sehr sympathischer Jungspund. Doch seine Entwicklung ist grauenhaft und egoistisch. Alec hingegen ist anfangs ein Schurke, wie er im Buche steht. Er macht später eine 180° Wende durch, nimmt die Rolle des gnädigen Patronen ein, nur um wieder zum Verführer zu werden. Sein Werdegang ist mehrere Blicke wert, aber dafür ist hier kein Platz. Diese drei sind das Lesen der Geschichte durchaus wert. Denn nach dem Lesen verstehe ich viele Literaturanspielungen auf diesen Roman sehr viel besser.
Trotz all seiner Unterhaltsamkeit bleibt das Lesen aber eher Arbeit, als Genuss. Beim Lesen hatte ich nur selten so interessante Gedanken, wie nun danach. Tatsächlich hat mir der Roman erst im Nachhinein gezeigt, was er alles beinhaltet. In diesem Zusammenhang lohnt sich das Nachwort von Dorothee Birke wirklich sehr! Ich verstand Hardys Stil und Botschaft viel deutlicher und war auch ein bisschen enttäuscht, dass ich nicht von selbst auf gewissen Zusammenhänge kam. Aber Hardy hat tatsächlich auch ein Talent fürs Verschleiern. Die wichtigsten Handlungsszenen geschehen in Nebensätzen, Aussparungen oder Abkürzungen. Das letzte Kapitel ist das perfekte Beispiel.
Ich habe jetzt bereits sehr viel über dieses Buch geschrieben, ohne dass man vielleicht einen Eindruck über die Geschichte bekommt. Aber tatsächlich ist das auch schwer. Es passiert wenig und in Bezug auf Tess einfach wahnsinnig viel. Skandalöses, Liebevolles und Tragisches. Ihr Leben ist ein einziges Drama und deswegen musste ich als Leserin mein Herz an sie verlieren. Und das, obwohl gerade das moralisch hinterfragbar ist. Vielleicht regt euch mein Kauderwelsch zu diesem Buch ja an, es ebenfalls zu lesen. Wenn ja: Ich habe wahnsinnig viel Diskussionsbedarf!


Das erste was ich nach dem Schließen des Buches tat, war den Kopf zu schütteln. Das Ende, ja die gesamte Handlung, hat mich schockiert. Doch umso mehr Zeit verging, desto interessanter fand ich die Geschichte und ihren Verlauf. „Tess“ ist eine schicksalsträchtige Geschichte über eine „reine“ Frau, der schlecht mitgespielt wird und die Opfer ihrer eigenen Taten wird. Man sollte dieses Buch als Gesamtwerk betrachten. Nicht einzelne Figuren oder Handlungsabschnitte machen es zu dem, was es ist – es ist das Gesamtspiel aller Faktoren. Zu diesen Faktoren gehört aber auch das träge Beschreiben von Land und Leuten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ich muss ehrlich sein: Ich habe das Buch selten gern gelesen. Aber es hat mir im Nachhinein viel bedeutet und deswegen vergebe ich 4 Spitzenschuhe. Demnächst werde ich mir ganz sicher den Film von Roman Polanski ansehen. Ich bin gespannt, wie er „Tess“ dargestellt hat und ob seine Version der meinen nahe kommt.



2. August 2018

Rezension: "Pompeji" von Robert Harris



Titel: Pompeji
Autor: Robert Harris
Verlag: Heyne
Preis: 9,99€
Seiten: 384


Ich habe mein Studienfach mit Leidenschaft gewählt und heute unterrichte ich Geschichte mit derselben. Besonders angetan hat es mir das Zeitalter der sogenannten „Alten Geschichte“, unter das auch die Themen Griechenland und Rom fallen. Beide Themen habe ich im letzten Jahr unterrichtet und ich habe mich selbst dabei ertappt, dass es auch Bücher auf meine Freizeitleseliste geschafft haben, die in genau dieser Zeit spielen. Das Schuljahr ist vorbei, der Sommer kam und ich las lauter heiterer Liebes- und mystischer Fantasiegeschichten. Und dann hatte ich Lust auf etwas Ernstes. Auf meinem Reader fand ich „Pompeji“ von Robert Harris. Ich liebe viele seiner Bücher, denn die Mischung aus Thrill und History gelingt ihm meist sehr gut. Pompeji ist ein wahnsinnig interessantes Thema und deswegen ging ich mit viel Freude an das Buch. Was sehr zäh begann, steigerte sich stark und wurde letztendlich zu einer spannenden Lektüre. „Pompeji“ ist eine Schnitzeljagd, von der jeder im Vorhinein weiß, wie das Unglück ausgehen muss! Und so entsteht ein wirklich spannendes Buch mit antikem Zeitgeist.

Pompeji, 79 n. Chr., reichste Stadt der römischen Weltmacht, Oase der Schönen und Mächtigen: Der junge Wasserbaumeister Attilius kommt einer skrupellosen Verschwörung auf die Spur, doch seine Nachforschungen werden überschattet von den unheimlichen Vorzeichen einer drohenden Apokalypse.

Wer sich für das Unglück von Pompeji oder das Römische Reich interessiert, ist bei diesem Buch genau richtig! Robert Harris ist ein wirklich begabter Autor, der die historischen Themen immer mit Thrillelementen und Intrigen mischt. Aus diesen Mischungen werden sehr spannende Angelegenheiten, auch für Nichthistoriker. Wer aber gar kein Interesse an der Zeit um die Geburt Christi hat, kann mit diesem Buch wahrscheinlich nicht viel anfangen. Zu wichtig ist die historische Verortung, das System, das Leben der Menschen. All diese Dinge spielen in „Pompeji“ eine Rolle und würzen die Geschichte. Interessant ist an diesem Roman natürlich, dass jeder weiß, was an seinem Ende stehen muss. Denn der Vesuv ist 79 n. Chr. ausgebrochen und hat tausende von Menschen getötet. (Übrigens ein Szenario, das sich in Zukunft wieder ereignen wird, denn der Vesuv ist noch immer aktiv und wird eines Tages wieder ausbrechen. Das so nebenbei.) Das Ende steht also fest, warum sollte man das Buch dann noch lesen? Eine gute Frage, die ich nur schwer beantworten kann. Doch für mich war es aufgrund des bekannten Endes umso spannender, die Geschichte zu lesen. Das Unausweichliche würde geschehen, aber was würde mit den Figuren geschehen? Was wird bis dahin herausgefunden? Überlebt doch jemand? Das Buch ist ein Wettlauf mit der Zeit, nur dass die Charaktere nicht wissen, dass ihre Zeit abläuft. Der Leser ist ihnen somit überlegen, was ein faszinierendes Gefühl ist. Dieses Gefühl kennt man oft aus historischen Romanen, doch Harris schafft es wirklich den Leser in seinen Bann zu ziehen. 
Der Anfang des Buches ist beinahe schon dröge. Ich musste mich sehr an den Stil gewöhnen, der natürlich viel mit dem Zeitalter zu tun hat. Der Autor trifft einen authentischen Stil und Ton. Obwohl das Römische Reich so glorreich war, herrschten zum Teil schreckliche Verhältnisse und derbe Tonarten. Beides fängt Harris sehr gut ein. Lediglich bei den Sexualpraktiken war ich ein wenig abgeschreckt, will aber nicht in Abrede stellen, dass es durchaus so gewesen sein kann. Manchmal sind das Verhalten und der Ton der Figuren ekelerregend und widerlich. Aber all das macht das Buch auch authentisch. Insgesamt wird das Gesellschaftssystem wahnsinnig gut eingefangen! Meines Erachtens hat Harris sehr gut recherchiert und mir fielen keine historischen Fehler auf. Sicher hat er sich künstlerische Freiheiten erlaubt und auch was die Vulkanforschung angeht, habe ich keine Ahnung, ob alles so abgelaufen sein kann, aber es gibt nichts, das den Leser aus dem Lesefluss bringt. 
Das Thema der Vulkane ist beinahe schon das faszinierendste am ganzen Buch. Nach dem Lesen des Romans musste ich mir erst einmal eine Dokumentation über den Ausbruch 79 n. Chr. anschauen, weil ich vom ganzen Thema so fasziniert war. Jedem Kapitel ist ein kurzer Text vorgestellt, der meistens aus der Vulkanforschung stammt. Er stellt die Veränderungen und Entwicklungen eines Vulkans dar, was zumeist auch im kommenden Kapitel beobachtet werden kann. So mischt der Autor Wissenschaft mit Fiktion sehr gut und weckt im Leser ein Interesse gegenüber der Vulkanologie. Denn diese Naturkatastrophe steht wahrlich im Fokus. Der Vesuv thront über allem und sein Ausbruch ist nicht zu verhindern, ja für die Figuren nicht einmal zu erahnen. Außer für einen? 
Die Handlung beschäftigt sich mit dem jungen Aquarius Attilius. Er wurde nur zwei Tage vor Ausbruch des Vesuvs nach Pompeji als neuer Wassermeister geschickt. Er kümmert sich um die Aqua Augusta, das lange Aquädukt also, das Pompeji versorgt. Er bemerkt Anzeichen dafür, dass das Aquädukt beschädigt sein muss und geht der Sache auf den Grund. Dabei gerät er in die Fänge der Oberschicht, denn Wasser ist ein Luxusgut und somit ein Geschäftsmittel. Er lernt die reichste Familie Pompejis kennen und verliebt sich in die Tochter des Hauses, Corelia. Doch Corelias Vater hat ganz andere Pläne und hat es auf den jungen Aquarius abgesehen. Dieser entdeckt im Laufe des Buches immer mehr Hinweise, dass der große Berg bald für ein Unglück verantwortlich sein wird. Und richtig, der Vesuv bricht aus. Doch damit endet das Buch nicht etwa, wie man erwarten könnte. Der Ausbruch wird sehr authentisch geschildert. Hier hat Harris eine Menge recherchiert und den Ausbruch den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen angepasst. Denn tatsächlich wurden die Menschen in Pompeji erst über 18 Stunden nach dem Ausbruch von einem pyroklastischen Strom getötet. Bis dahin bleibt also eine ganze Menge Zeit für das Buch, seine Handlung weiter zu führen. Insgesamt spielt es schließlich nur über drei Tage, da sind 18 Stunden schon eine ganze Menge. Attilius stellt sich der Natur, denn der Tod scheint unausweichlich und kehrt zurück nach Pompeji. Mit dem Ende des Buches kann der Autor nicht mehr viele überraschen. Und trotzdem schafft er eine kleine Wende, mit der ich nicht gerechnet hatte, die durchaus auf Logik beruht. Dennoch sind Tod und Zerstörung zentrale Themen im Buch. Ebenfalls präsent sind die ganze Zeit über antike Intrigen, aber auch zarte Liebesgefühle. Mich hat das Buch mit seinen Themen und seinem bekannten Ende sehr fasziniert. Der Autor hat interessante Figuren in dieses Szenario geschickt, die die Geschichte lesenswert machen. Die Namen sind nicht immer ganz einfach voneinander zu unterscheiden und die Erzählsicht wechselt sich oft, da immer verschiedene Figuren betrachtet werden. So wird das Buch manchmal sprunghaft und man muss den Überblick behalten. Gelingt dies aber, ist das Lesen ein Genuss, der nebenbei noch ein bisschen Bildung bietet. Die Figuren sind sehr verschieden und bilden einen Querschnitt der römischen Gesellschaft dar. Es gibt keine richtigen Identifikationsfiguren oder Helden, aber Attilius ist sehr sympathisch. Mir haben die Charaktere gut gefallen, Robert Harris hat allerdings das Geschehen in den Fokus gestellt. 

Das Unglück der Stadt Pompeji ist weltweit bekannt. Robert Harris hat dieses Schicksal zum Anlass genommen ein sehr spannendes historisches Buch mit Thrillelementen zu schreiben, das dem interessierten Leser ein wahrer Genuss wird. „Pompeji“ ist spannend und authentisch. Die Figuren passen hervorragend ins Zeitalter und stecken alle in verschiedenen Intrigen. Mich hat das Buch mit all seiner Thematik wahnsinnig fasziniert und ich habe viel aus ihm mitgenommen. Trotz aller historischer Richtigkeit muss man auch die fiktiven Motive im Auge behalten, doch so oder so bleibt dieses Buch großartig. Ich vergebe fünf volle Spitzenschuhe, auch wenn diese den Ausbruch wohl nie überstanden hätten.



26. Mai 2018

Rezension: "Olga" von Bernhard Schlink



Titel: Olga
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: diogenes
Preis: 20,99€
Seiten: 320


Zu Beginn des Jahres habe ich meine Freude gegenüber dem Programm des diogenes-Verlags entdeckt. Bereits im letzten Jahr las ich den Klassiker „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink, weshalb ich mich über sein neues Buch mit dem Titel „Olga“ sehr freute. Als Geschichtslehrerin begrüße ich Gegenwartsliteratur mit historischem Zwischenspiel sehr. Doch Schlink widmet sich keinesfalls nur einem Zwischenspiel, die deutsche Geschichte tritt in diesem besonderen und interessanten Roman als eine Art Nebenfigur selbst auf und katapultiert den Leser somit in einen großen Teil der deutschen Geschichte selbst zurück. „Olga“ ist ein bewegender, interessanter und tiefschichtiger Roman über eine starke Frau, die in Zeiten lebte, die bis heute nicht für jeden erfassbar sind.

Die Geschichte der Liebe zwischen einer Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit kämpft, und einem Mann, der sich mit afrikanischen und arktischen Eskapaden an die Träume seiner Zeit von Größe und Macht verliert. Erst im Scheitern wird er mit der Realität konfrontiert – wie viele seines Volks und seiner Zeit. Die Frau bleibt ihm ihr Leben lang verbunden, in Gedanken, Briefen und einem großen Aufbegehren.

Bernhard Schlink ist ein großer Name der deutschen Gegenwartsliteratur und das auch zurecht. Sein Roman „Der Vorleser“ überraschte mich maßlos und deswegen waren auch meine Erwartungen an „Olga“ nicht gering. 
Was zunächst auffällt ist die relativ distanzierte Erzählart des Autors. Bernhard Schlink versucht nicht seine Figuren in einem guten Licht darzustellen. Man soll gar nicht mit ihnen sympathisieren. Gerade ihre Schwächen, die mehr als deutlich gezeichnet werden, sorgen aber für Identifikation. Dies trifft in jedem Fall auf die Titelfigur Olga zu. Olgas Geschichte wird in drei Teilen erzählt, die alle eine andere Art des Erzählens haben. Der Roman beginnt sehr unmittelbar, man wird direkt in das Geschehen gezogen und dem Leser wird die Kindheit von Olga in wenigen Sätzen präsentiert. Schlink setzt dabei keinerlei Wert darauf, Emotionen beim Leser hervorzurufen. Im Gegenteil, die Erzählweise suggeriert Neutralität, vielleicht sogar Objektivität und Distanz. Der Leser soll sie seine Meinung über Olga im Laufe des Romans selbst bilden, was auch wunderbar funktioniert. Der Autor findet sehr schnell zum Hauptthema des Buches, nämlich die Beziehung zwischen Olga und Herbert.
Wobei man sagen muss, dass diese untypische Liebesgeschichte eigentlich nur eine Stellvertreterrolle für die angegebene historische Zeit ist. Denn Schlink erzählt eigentlich zwei Geschichten und macht die erste am Beispiel der zweiten deutlich. Soll heißen: Schlink hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Bild der brisanten deutschen Geschichte zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem endenden 20. Jahrhundert darzustellen. Und um diese Zeit zu verstehen, bettet er die Geschichte einer Frau ein, die alle Höhen und Tiefen miterlebt. Dabei werden epochale und weltverändernde Phasen, wie etwa der Nationalsozialismus, beinahe ausgespart und eher am Rande erwähnt. Denn für Olga ist das eine schmerzliche Phase. Die Präsenz der Zeit ist aber immer allgegenwärtig und beeinflusst Olga in ihrem Lebensweg. Es geht um die Zeit. Aber um diese zu verstehen, wurde Olga erschaffen. An ihrem Beispiel wird das Schicksal einer Generation deutlich und dieses Schicksal ist mehr als bewegend, weil grausam. Dieses Grundgerüst ist meiner Meinung nach grandios gelungen und konnte mich begeistern. Das Cover mit der scheinbar einsamen und nachdenken Frau passt dementsprechend hundertprozentig zur Geschichte. Mir gefiel die Komponente der Geschichte selbst als Hauptfigur wirklich gut!
Aber genug der interpretatorischen Worte. Das Buch ist sehr gut aufgebaut, denn es ist in drei ungleiche Teile unterteilt. Der erste Teil handelt von Olga und Herbert selbst: ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre beginnende Liebe, der Schmerz des Schicksals. Beiden ist es vergönnt aufgrund ständischer Gegebenheiten zusammen zu sein. Herbert ist ein träumerischer Charakter, der ruhelos und suchend ist. Ich mochte ihn nicht. Doch Olga hat sich in diesen Mann verliebt und ihn bei all seinen Wolkenschlössern unterstützt, soweit dies möglich ist. Mir gefiel zwar Herberts Charakter nicht, seine Rolle ist aber bedeutend und gut gewählt. Dass Schlink sein Schicksal ausspart, ist eine interessante Wendung, die dem Leser Spielraum ermöglicht. Olga wird in diesem Teil des Buches hingegen sehr genau gezeichnet. Man bekommt einen guten Eindruck von der strebsamen jungen Frau, die eigentlich gar nicht in ihre Zeit passt. Auch Olga ist keine Sympathieträgerin, soll dies aber auch nie sein. Was sie aber unbestritten ist, ist authentisch. Und das ist für diesen Roman entscheidend. Bereits nach dem ersten Teil ist ein Großteil der Geschichte erzählt und die Perspektive wechselt. Der Autor deckt hierbei eine Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ca. 1950 ab, was enorm ist. Kennt man sich mit Geschichte nicht so sehr aus, sollte man die Jahreszahlen und Ereignisse immer im Blick behalten, da man sonst schnell den Überblick verliert und nicht mehr weiß, in welcher Zeit sich das Buch gerade befindet. Hierbei sind die Sprünge manchmal auch sehr chaotisch, was das Verstehen des Romans erschwert. Wissen über deutsche Geschichte wird in gewissem Maße vorausgesetzt. 
Der zweite Teil des Romans wird von jemand vollkommen Neues erzählt. Seinen Namen erfährt der Leser erst auf den letzten Seiten. Es handelt sich um einen Sohn eines Pfarrers in dessen Familie Olga ab den 50ern als Näherin gearbeitet hat. Die Perspektive wird nun vollkommen verschoben, denn eine andere Generation erzählt. Dementsprechend ist die Sicht komplett umgedreht, etwas rebellischer, etwas jünger. Olgas zweiter Lebensabschnitt nach den beiden Weltkriegen wird aufgezeigt. Es ist für den Leser nahezu ein Mysterium, was ein einzelner Mensch in diesen Jahren alles erlebt haben kann. Wie grausam muss es in dieser Zeit gewesen zu sein, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg miterlebt zu haben, die verschiedenen Systeme und das fragile Nachkriegssystem. Und in all diesem großen Ganzen musste man sich zurecht finden: eine nahezu unlösbare Aufgabe – in meinen Augen. Der zweite Teil verliert ein wenig an Spannung, doch erzählt er sehr gut. Interessant ist vor allem, dass aufgezeigt wird, wie ein Mensch aus verschiedenen Perspektiven ganz anders wirken kann.
Der dritte Teil besteht dann lediglich aus Briefen. Briefe, geschrieben von Olga an Herbert. Der anfangs anonyme Erzähler beschafft diese und durch die Briefe wird das bisher erworbene Wissen über Olga noch einmal deutlich revidiert. Schlink meistert es bravourös, die Botschaften seines Romans immer wieder umzukehren und zu verändern. Er lässt verschiedene Figuren auf den Plan treten, um die ganz große Geschichte, die er erzählen will, zu erschaffen – und das gelingt. Der Briefteil gefiel mir inhaltlich sehr gut, ist aber ebenfalls wenig abwechslungsreich. Hier spricht aber zum ersten Mal Olga selbst, was wiederum interessant ist.
Der Schreibstil von Bernhard Schlink bleibt den ganzen Roman über distanziert. Es ist nicht die spannendste Art zu schreiben, doch diese Beschreibungen machen den Roman wirklich interessant. Die Aufgliederung in die drei Teile ist sehr klug und sorgt für Abwechslung. Man lernt die Protagonistin aus immer wieder neuen Blickwinkeln kennen, was sehr gelungen ist und Authentizität schafft. Was mir die meiste Zeit fehlte war Sympathie und Identifikation. Aber ich glaube auch nicht, dass diese beiden Faktoren vom Autor gewollt wären. Was Schlink aber schafft, ist eine tolle und interessante, manchmal sogar abgrundtiefe und geheimnisvolle Geschichte einer Frau zu erschaffen, die in die wahren Verstrickungen der Geschichte hervorragend eingearbeitet wurde. Man darf aber nicht vergessen, dass der Roman daher relativ ernst und nicht immer spannend oder schön zu lesen ist. Aber er ist ein Erlebnis – ein Erlebnis eines Teils der deutschen Geschichte.


„Olga“ ist ein Roman mit viel Anspruch, der Geschichtskenntnis benötigt, aber auch erschafft. Bernhard Schlink schreibt mit seiner distanzierten Art keine Sympathiegeschichte einer tollen Protagonistin nieder, sondern eine ernste und authentische Geschichte einer Frau, die in den historischen Tücken der deutschen Geschichte leben muss. Hierbei spielt die Liebe immer eine Rolle, denn sie definiert Olga. Vielmehr bewundere ich aber die Geschichte selbst, die die größte Nebenrolle spielt. „Olga“ ist nicht unbedingt ein unglaublich spannendes Buch, aber ein ernster und anregender Roman, der jeden Geschichtsinteressierten in seinen Bann ziehen kann. Ich vergebe vier Spitzenschuhe für diese interessante und abwechslungsreiche Lektüre.




27. Januar 2018

Rezension [Klassiker]: "Romeo und Julia" von William Shakespeare


Titel: Romeo und Julia
Autor: William Shakespeare
Verlag: Insel Taschenbuch
Preis: 8,00€
Seiten: 151


Es gibt nur wenige Menschen, die dieses Liebespaar nicht kennen: Romeo und Julia. Das wohl weltberühmteste Liebespaar mit dem tragischen Ende. Doch gerade deswegen ist das Drama von William Shakespeare auch so berühmt und wurde vielfach adaptiert. Erst vor ein paar Tagen sah ich die Umsetzung des Bolschoi Ballettes aus Russland im Kino. Die Inszenierung hat mich einfach gepackt! Und sofort hatte ich das Bedürfnis, das Buch erneut zu lesen. Und es hat mich zutiefst beeindruckt!

Romeo und Julia: Als Sinnbild bedingungsloser Liebe und Treue bis in den Tod sind sie unsterblich geworden. Die Geschichte der beiden Liebenden, die an der Feindschaft ihrer Familien zugrunde gehen, ist Shakespeares meistgespieltes Drama und wurde vielfach verfilmt. Mit der Übertragung von Thomas Brasch ist eine ebenso genaue wie kongeniale Nachdichtung gelungen, die die Sprachkraft Shakespeares einzigartig widerspiegelt.

Vor mehr als sechs Jahren habe ich „Romeo und Julia“ zum ersten Mal gelesen. Damals hat es mich enttäuscht. Kaum zu glauben. Vielleicht lag es daran, dass ich das Stück weder als Ballett, noch im Theater he gesehen hatte. Oder aber mir gefiel meine Ausgabe aus dem Insel-Verlag nicht so gut. Es gab sicher mehrere Gründe, doch welche davon ausschlaggebend waren, weiß ich nicht mehr.
Aber meine Meinung hat sich vollkommen geändert! Die Ballettaufführung aus Russland war nicht nur unglaublich gut getanzt, sondern auch toll geschauspielert. Die Emotionen sind aufs Publikum übergesprungen und ich hatte Tränen in den Augen. Die Geschichte ist aber auch grausam…Und weil ich durch die Aufführung ein anderes Gespür für die Handlung, aber auch für die Charaktere entwickelt hatte, veränderte sich meine Sicht – da bin ich mir sicher. Denn umso länger man sich mit den Figuren beschäftigt, desto tiefer empfindet man für sie. Man spürt die Geschichte, man spürt die Liebe….und den Humor. Denn ja: Die Übersetzung von Thomas Brasch ist unglaublich lustig. Sie stimmt nicht mit der Schulversion des Stücks überein und das ist wichtig zu betonen. Doch sie stimmt mit der Absicht Shakespeares überein. Vor allem das Dreiergespannt bestehend aus Mercutio, Benvolio und Romeo verkörpert diesen Humor. Die Wortspiele sind galant und gleichzeitig radikal. Manchmal driften sie beinahe ins Vulgäre ab, aber auf eine sehr humorvolle Weise. Und außerdem zeichnete Shakespeare vor allem Mercutio ganz genau so. 
Die Dramatik dieses Stücks ist nicht zu unterschätzen. Und obwohl die ganze Welt weiß, dass Romeo und Julia sterben, tut es dem Leser weh. Manche kritisieren an dem Stück die Länge. „Das soll jetzt dieses berühmte Stück gewesen sein?!“ Ja. Das Buch ist sehr dünn und das Drama dementsprechend kurz. Viele wichtige Dinge geschehen in schneller Reihenfolge und manchmal kann der Leser den Entwicklungen kaum folgen, werden diese doch nur in wenigen Versen erklärt. Doch dann muss man genau lesen. Und dann entfaltet sich die Schönheit dieses Stücks. Ich selbst brauchte zwei Versuche, um das zu begreifen. Doch das Buch hat mich berührt. 
Man kann an den Figuren viel kritisieren! Julia ist noch keine 14 Jahre alt; Romeo liebte am Tag als er Julia kennenlernte noch eine vollkommen andere; beide kennen sich zwei Tage, als sie füreinander sterben. Ich verstehe all diese Kritikpunkte. Aber es ist nun einmal ein Stück für die Bühne. Es ist extrem – aber eben auch extrem schön! Julia ist für ihr Alter sehr reif. Und Romeo, ach er ist wankelmütig. Aber am Ende auch so stark und einfach der romantische Held. Beide sind tolle Charaktere und stark, wie kaum welch andere. 
Auf wenigen Seiten geschieht viel. Und wichtige Stellen sind oft abgekürzt. Aber findet man einmal in die Stimmung des Stücks, kann man es mit all seinen Fehlern und Schwächen lieben!
Die Übersetzung von Thomas Barsch ist meiner Meinung nach überaus gelungen. Ich kann euch diese Ausgabe nur empfehlen! Neben den angesprochenen vulgären Stellen, gibt es ebenso romantische und zuckersüße. Ebenfalls intelligente. Und auch ein Zitat, das ich mit euch teilen muss. Lady Capulet spricht es zu Julia in Hinblick auf ihre baldige Ehe mit Paris:
"Doch braucht auch er, denk immer an ein Buch,
den festen Einband, den die Ehe gibt,
damit zur Wirkung auch sein Inhalt kommt.
Du bist der Einband und du schließt ihn ein:
So wirst du Hauptperson und Leser sein.
Sein Inhalt wird dann deine Stärke sein." (S.30)
Zur Handlung selbst muss ich glaube ich nichts mehr sagen: Man kennt sie und ihren Ausgang ja zur Genüge.



„Romeo und Julia“ ist ein gigantisches Stück, das ich erst beim zweiten Lesen zu lieben gelernt habe! Doch mit der richtigen Vorstellungskraft und der Hinwendung zur Tiefe der Figuren, muss man es einfach! Dieses Stück ist nicht umsonst weltberühmt. Es ist dramatisch und tragisch, aber auch schön und lehrreich. Ich hätte Romeo und Julia so sehr ein Happy Ende gegönnt…doch auch so verdienen sie sich ihre fünf Spitzenschuhe.



18. Januar 2018

Rezension: "James Bond 007 - Feuerball" von Ian Fleming


Titel: James Bond 007 - Feuerball
Autor: Ian Fleming
Verlag: Cross Cult
Preis: 12,80€
Seiten: 360

Viel zu lange ist es her, dass ich zu einem der großartigen James-Bond-Bücher aus der Feder von Ian Fleming gegriffen habe. Das neunte Abenteuer des Geheimagenten wartete auf mich: „Feuerball“. Das Buch hat eine Handlung, die ich durchaus noch im Kopf hatte, auch weil ich den Film sehr gern mag. Und dennoch hat das Buch mich absolut überrascht. Denn es ist unglaublich gut! Vielleicht brauchte ich eine so lange Pause von 007, um zu merken, wie sehr mir der gute James gefehlt hat. Zumindest kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich eine der Frauen bin, die ihm hoffnungslos verfallen ist. „Feuerball“ ist super spannend, besticht durch eine logisch durchdachte und nicht zu dick aufgetragene Geschichte und wer davon noch nicht überzeugt ist, muss einfach dem Charme von James Bond erliegen. Absolut top!

Im neunten Band verschlägt es 007 auf die Bahamas. Doch für ihn steht dort kein Urlaub an: Bond muss zwei gestohlene Atombomben ausfindig machen
Als ein Fremder auf den Bahamas ankommt, schenken ihm die Einheimischen kaum Beachtung – noch ein Auswanderer, der sein Geld an den Casino-Tischen verheizt. Aber James Bond hat alles andere als Geld im Kopf: Er hat weniger als eine Woche, um zwei gestohlene Atombomben, versteckt zwischen den weiten Korallenriffen, ausfindig zu machen. Indessen mimt er den Playboy und lernt Domino kennen, die Gespielin des geheimnisvollen Schatzjägers Emilio Largo. Während er der hübschen Italienerin näher kommt, hofft Bond mehr über Largos geheime Machenschaften herauszufinden.


Vom Cover von „Feuerball“ blickt dem Leser eine aufreizende Frau entgegen, die auf sehr komplizierte Art und Weise ihren Reißverschluss schließt. Ich liebe die Cover des Cross Cult Verlags, denn sie passen perfekt zum Charakter der Reihe und zur Figur von James Bond. Wie immer steht der Held hier im Vordergrund. Ian Fleming hat die Schreibeigenschaft, ganz gern mal abzuschweifen. Das hält sich in „Feuerball“ aber in Grenzen. Was meine ich damit? Fleming beschreibt manchmal über längere Kapitel hinweg die Geschichte von Nebenfiguren, wie hier etwa von dem Piloten Petacchi, Stavros Blofeld oder Emilio Largo. Das Kapitel handelt dann nur von dieser Nebenfigur, seinen Gedanken und Handlungen. Der Geheimagent weiß weder etwas davon, noch kommt er vor. So gewinnt der Leser einen guten Rundumblick, kann aber auch beginnen sich zu langweilen. Denn zu diesen Figuren hat man immer eine gewisse Distanz und Bond ist einfach ein Sympathieträger, den man als Hauptperson nur ungern außen vor lässt. Ich bin kein Freund dieser Kapitel, zumindest nicht, wenn sie sehr lang sind. Andererseits bekommt man in „Feuerball“ so einen tollen Einblick in den Aufbau von SPECTRE und dem Leben der Bösewichte. Das ist super interessant und spannend. Als Leser weiß man mehr, als der Geheimagent und man will ihm zurufen, was zu tun sei – aber das funktioniert nie. 
Ich bin dennoch deutlich mehr der Fan von den Kapiteln, die sich mit Bond beschäftigen. Bond ist eine großartige Figur! In „Feuerball“ setzt Fleming sich auch erstmals mit den Lastern seines Protagonisten auseinander, was mir sehr gut gefiel! Viel zu oft habe ich mich schon gefragt, wie es sein kann, dass Bond zig Zigaretten am Tag raucht und den Alkohol literweise in sich hinein kippt. Zu Beginn der Handlung wird Bond in eine Art Naturheilkundesanatorium geschickt, um sich aufpeppeln zu lassen. Ich fand den Satz „Lassen Sie es ruhig angehen, 007“ in diesem Zusammenhang absolut großartig. Bond ist ein kühler und dennoch so humorvoller Charakter. Er ist arrogant und von sich selbst überzeugt. Frauen sind Spielzeuge, Alkohol ein Muss. Er ist nicht korrekt – auch nicht politisch. Aber Bonds Figur wurde eben auch in den 50er Jahren erschaffen, weshalb ihm ein gewisses Denken zu verzeihen sei. Als Leser sollte man seiner Sprache dennoch kritisch gegenüber stehen. Trotz all seiner Mängel ist Bond für mich ein Held, der sein Leben tagtäglich riskiert. Ich finde ihn einfach unglaublich amüsant und kann diesen Mann nur feiern. 
In „Feuerball“ gibt es mehrere Gegenspieler. Der Drahtzieher ist eigentlich Blofeld, den Bond selbst aber in diesem Buch noch nicht auf dem Schirm hat. Emilio Largo ist der Stellvertreter und hier der absolute Gegner Bonds. Ich finde es immer total interessant, wenn Fleming Details über das Geheimagentenleben einbaut, von dem er selbst ja einiges wusste. Das Böse ist hier sehr gut organisiert und die Entführung der Atombomben ist im Buch um einiges logischer, als im Film. Insgesamt gefiel mir die Handlung unglaublich gut! Sie ist nicht nur spannend, sondern auch sehr intelligent durchdacht. Bond kommt eher durch Zufall an den bedeutenden Auftrag, der den Tarnnamen „Feuerball“ trägt. Alles beginnt in dieser Klinik und spitzt sich dann zu. Ich fand es auch toll, wie ahnungslos die großen Geheimorganisationen eigentlich sind und nur durch Bonds und Leiters Spekulationen kann man sich dem Feind überhaupt nähern. Leiter – Felix Leiter, auch ein toller Charakter, der hier wieder vorkommt. Als Team sind die beiden unschlagbar. Ich hatte so viel Spaß mit Bond und Leiter, ihren Dialogen und ihrem Witz! Das Ende des Buches gefiel mir außerdem super!
Weitere Charaktere, die ich noch erwähnen muss sind natürlich Largo und Domino. Largo ist ein Bösewicht der allerersten Güteklasse. Der Mann ist schlau und skrupellos und somit perfekt für einen Fall von 007. Domino ist das Bondgirl, das Geschichte mitbringt. Sie weiß, was sie will und ist deswegen genau Bonds Typ. Die Geschichte zwischen den beiden fand ich authentisch – man glaubt es kaum. Am Ende wird sie zur Heldin, was gut zu ihr passt.
Insgesamt ist die Story absolut atemberaubend! Ich habe das Buch in zwei Tagen gelesen, was aufgrund des Stils ungewöhnlich ist. Der Stil ist gut, keine Frage. Aber Fleming schweift, wie erwähnt, gerne mal ab und führt gewisse Dinge weit aus. Das ist nicht immer nötig, kann bei der richtigen Leserschaft aber auf Interesse stoßen. Und das tat es bei mir. Außerdem ist Flemings Sprachgebrauch sehr maskulin und etwas roh, aber sehr passend! „Feuerball“ ist einfach ein absolut gelungener Agentenroman, den man verschlingen muss! Bedenkt beim Stil aber, dass manche Begrifflichkeiten wirklich mit Vorsicht zu genießen sind. Aber genauso hat der gute Ian Fleming es geschrieben – und das müssen wir wohl akzeptieren.



Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht mehr, ob mich ein Bond-Roman jemals enttäuscht hat. „Feuerball“ hat es auf keinen Fall, denn das Buch ist großartig! Bond zeigt in diesem Roman durchaus Schwächen, kommt sehr menschlich herüber und ist trotzdem ganz der galante Held. Das Buch beinhaltet sehr viel Witz und Menschlichkeit. Genauso aber abgebrühten Hass in Verbindung mit der Organisation SPECTRE, von der wir sicher bald mehr lesen werden. Es geht spannend zu und es gibt eine ganze Menge Action. Doch auch ein bisschen was fürs Herz – oder zumindest fürs imaginäre Auge. Wer Lust auf einen atemberaubend guten Agentenroman hat, sollte Bond in diesem Abenteuer begleiten. Es lohnt sich! Und deswegen vergebe ich natürlich fünf von fünf Spitzenschuhen. „Lassen Sie es damit ruhig angehen, 007“!