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27. Juli 2026

Rezension: "Quartett" von Natasha Korsakova


Titel: Quartett
Autorin: Natasha Korsakova
Verlag: Septime Verlag
Preis: 25,00€
Seiten: 288
 

Es ist kein Geheimnis, dass ich selten Ausflüge in das Krimi-Genre mache. Doch inzwischen ist es ebenfalls keines, dass ich für ein Buch von Natasha Korsakova sofort einen solchen unternehme. Denn die Autorin ist nicht nur eine hervorragende Krimiautorin, sondern vor allem eine begnadete Musikerin. Wenn Korsakova statt zur Violine zur Feder greift, weiß man, dass es einen Mord in der römischen Musikbranche gegeben hat. Und wie keine zweite kann sie das Setting der Klassik einfangen, sodass man in der Szenerie versinkt, gemeinsam mit Commissario Di Bernados Team ermittelt und sich den Intrigen der Musikindustrie hingibt. „Quartett“ ist der vierte Fall von Dionisio Di Bernardo, in dem er mit der klassischen Musik konfrontiert wird. Und zum vierten Mal schafft die Autorin es, ihre Leserschaft in ihren Bann zu ziehen!


Rom, Spätherbst 2025: Nach einem gefeierten Konzert endet der Abend für den ersten Geiger des berühmten »Arcimboldo«-Quartetts tödlich: Lorenzo Verro wird in einem düsteren Durchgang nahe dem Teatro Argentina in Rom erstochen aufgefunden. Für Commissario Di Bernardo beginnt ein verzwickter Fall, der ihn erneut in die widersprüchliche Musikerwelt führt – und in die Schatten dahinter. Zwischen den verletzten Egos, Rivalitäten und verschwiegenen Affären stößt er auf ein Geflecht aus Lügen, das bis in die feinsten Strukturen des Quartetts reicht. Was für ein Mensch steckte hinter der Fassade des Primarius? Warum musste er sterben? Und welche Rolle spielt der schillernde Klarinettist, was hat er zu verbergen? Als Di Bernardo glaubt, endlich ein Muster zu erkennen, ist der Täter ihm einen Schritt voraus: Ein zweiter Mord bricht das fragile Gerüst aus Schweigen. Vor der Kulisse des nächtlichen Roms entdeckt Di Bernardos Team Abgründe, die weit über die Bühne hinausreichen. Und je weiter sie den Geheimnissen auf die Spur kommen, desto erschütternder wird die Wahrheit.

Zuerst muss ich sagen, dass der Titel „Quartett“ absolut perfekt ist. Natasha Korsakova überlässt selten etwas dem Zufall und das wird auch bei der Titelwahl deutlich. Im Fokus der Geschichte steht das „Arcimboldo“-Quartett, in dessen Reihen es einen Mord gegeben hat. Außerdem ist es der vierte Fall von Di Bernardo und somit auch Korsakovas viertes Buch, sodass der Titel mit der Geschichte absolut harmoniert. Das Cover trifft meinen persönlichen Geschmack zwar nicht unbedingt, passt aber trotzdem.
Was geschah nun aber nach dem Konzert des Quartetts? Der erste Geiger Lorenzo Verro verlässt nur kurz das Restaurant, in dem die Musiker feiern und wird ermordet. Natürlich ermittelt Di Bernardo in diesem Fall, schließlich hat er – leider – schon einige Erfahrung, was Morde in der Musikbranche betrifft. Es entsteht ein spannender Kriminalfall, in dem der Kreis der Verdächtigen sehr klein ist. Denn bald ist klar: Es muss einer der anderen Musiker gewesen sein.
Oder?
Und vor allem, warum?
Der Leser wird auf eine spannende Reise mitgenommen und das Setting ist absolut authentisch. Das ist einer der größten Pluspunkte des Buches. Man merkt sofort, dass die Autorin ein Profi auf dem Gebiet der Klassik ist. Sie beschreibt so bildlich, dass die Authentizität des Musiksettings hervorsticht. Man wird quasi von der Musik tief eingesogen und erwacht erst wieder, wenn man das Buch zuklappt. Dabei ist vor allem die Detailverliebtheit klasse. Im Buch gibt es acht QR-Codes, die alle zu Stücken führen, die entweder im Buch direkt eine Rolle spielen oder anders relevant sind. Auch hier gibt es keine Zufälle. Die Videos wurden eigens für das Buch hochgeladen. Einige Stücke spielt Korsakova sogar selbst, was den Zugang zur Geschichte noch einmal vertieft. Ich habe es geliebt, die Stücke im Anschluss an die Kapitel zu hören. Zu lesen und zu hören hat bei mir übrigens nicht geklappt. Zu dicht sind die Beschreibungen der Musik im Buch, die ich einfach nachempfinden wollte. Lässt man sich als Leser auf diese Art der Unterhaltung ein, ist „Quartett“ ein echtes Geschenk, das sich von normalen Krimis einfach abhebt.
Insgesamt ist das Buch aber auch nicht gewöhnlich. Die Autorin legt viel Wert darauf, das italienische Flair einzufangen. Sei es, indem die römischen Straßen oder aber die Süßigkeiten die del Pino immer isst, detailgetreu beschrieben werden. Man kann sich die Szenerie sehr gut vorstellen.
Hinzu kommt, dass Korsakova die gleiche Detailliebe, die sie in ihre Handlungsorte steckt, auch in ihren Figuren zu finden ist. Kennt man einen der Vorgänger von „Quartett“, trifft man lieb gewonnene Figuren auch hier wieder. Alles richtet sich natürlich nach Di Bernardo aus. Aber auch Del Pino oder Fedi spielen weiterhin eine große Rolle. Im Kommissariat passiert eine ganze Menge, doch ob das Team mit diesen Veränderungen klar kommt, ist unklar. Eine Veränderung heißt der Commissario aber willkommen: seine neue Ermittlerin Guilia. So bleibt zwar der liebgewonnen Kern des Teams bestehen, doch damit es nicht langweilig wird, wird er um Guilias (spannende) Geschichte erweitert. Mir kam es manchmal so vor, als wenn der eigentliche Kriminalfall um Lorenzo Verro vor lauter liebevoller Charakterarbeit und Hinwendung zur Musik in den Hintergrund gerät.
Am Fall selbst gefiel es mir tatsächlich nicht so gut, dass der Kreis der Verdächtigen so unglaublich klein war. Ich wollte aber natürlich auch auf gewisse Weise nicht wahrhaben, dass einer der anderen Musiker der Täter ist. Auch die Flashbacks, die bereits im Prolog auftauchen, von denen man aber nie genau weiß, aus wessen Sicht sie sind, geben dem Leser (zu) viele Hinweise auf das Motiv. Das fand ich etwas schade. Mein einziger weiterer Kritikpunkt, der vielleicht mit meinem eigenen Gedächtnis zu tun hat, ist die Benennung zweier Figuren. Ich habe einfach immer „Emanuele“ und „Enrico“ verwechselt. Das kann man eigentlich nicht als Kritik durchgehen lassen, war für mich aber trotzdem ein klitzekleines Bisschen anstrengend. Nichtsdestotrotz ist der Fall spannend und vor allem extrem kurzweilig. Ich konnte kaum glauben, wie schnell man im Buch vorankommt. Besonders am Ende wird es rasant. Ich war traurig, als das Buch zu Ende war, denn mich beschlich das Gefühl, dass so viele Dinge noch ungeklärt sind. Aber vielleicht wird es ja eine Auflösung geben. Vielleicht ein Mord in einem „Quintett“?!

„Quartett“ ist ein kurzweiliger und sehr besonderer Krimi. Selten habe ich eine solche Authentizität in den Beschreibungen des Settings und der Handlung selbst erlebt. Die Musik ist die eigentliche Protagonistin in der Geschichte und das gefiel mir ganz besonders gut. Für die tolle Atmosphäre, die gute Unterhaltung und die detailreichen Figuren muss man die Höchstwertung geben. Ein ganz kleiner Abzug kommt von mir lediglich hinzu, da ich die Auflösung durch den kleinen Kreis der Verdächtigen etwas vorhersehbar fand. Somit vergebe ich 4,5 Sterne für „Quartett“ und hoffe, dass es nicht Di Bernardos letzter Ausflug in die Musikbranche war.



23. Juli 2025

Rezesion: "Kunstvoll morden" von Oreg Rogerson


Titel: High Society Crimes - Kunstvoll morden
Autor: Oreg Rogerson
Verlag: dp
Seiten: 187
Preis: 4,99/9,99€

Bisher hatte ich noch nie einen Roman aus dem Genre „Cosy Crime“ gelesen. Da ich aber kein großer Fan von blutigen Krimis und Thrillers bin, wollte ich diesen Versuch einmal wagen. Verschlagen hat es mich nach Los Angelesen, denn dort spielt der Reihenauftakt „High Society Crimes – Kunstvoll morden“ von Oreg Rogerson. Der Fall klang interessant: Betrug in der Kunstszene, ein schrulliges Ermittlerduo und das Setting der Reichen und Schönen. In einem bin ich mir sicher - das Buch ist definitiv richtig im Genre. So ganz überzeugen konnte es mich allerdings nicht.

Als Mike ein sündhaft teures Gemälde des berühmten Künstlers Walt Dermond ersteigert, freut er sich auf ein neues stilvolles Wohnaccessoire für seine und Alex' Villa in LA. Doch als sein Freund genau dasselbe Bild in der Galerie sieht, aus der es angeblich längst verkauft wurde, wird er stutzig. Ein dummer Zufall? Oder ein raffinierter Betrug?
Um das Geheimnis zu lüften, stürzt sich das Paar kopfüber in eine irrwitzige Ermittlungsjagd – inklusive nächtlicher Einbruchaktion, einer mysteriösen Lieferliste und der Unterstützung eines exzentrischen Kunstprofessors mit äußerst fragwürdigem Modegeschmack. Doch was als harmloser Verdacht beginnt, entwickelt sich schnell zum gefährlichen Puzzlespiel. Wer zieht hier wirklich die Fäden – und wie entwirrt man ein Netz aus Lügen, ohne sich selbst darin zu verfangen?

Wer auf der Suche nach etwas Aufregung und einer Prise Detektivroman ist, der ist bei „Kunstvoll morden“ ganz sicher richtig. Das Buch baut eine sehr entspannte Atmosphäre auf, in der der Leser sich wohlfühlen soll. Auch deswegen wurde sicher das Setting der High Society gewählt. Denn wer begibt sich nicht gern in die Welt der Superreichen, in der man über Villen oder Gemäldepreise nachdenken kann? Auch mir hat dieses Setting gefallen. Allerdings war es mir irgendwann auch too much. Und das lag vor allem an Dingen, die mir in der Häufigkeit einfach eher als unrealistisch, denn als „gemütlich“ auffielen.
Die beiden Protagonisten Alex und Mike sind ein Paar, welches in LA lebt. Mike besitzt sein Geld durch ein geerbtes Familienunternehmen, sein Partner Alex ist – hin und wieder – Personaltrainer. Arbeiten tun die beiden eigentlich nicht. Sie leben in den Tag hinein, geben gern Geld aus und turteln ordentlich rum. Für mich hatten beide Charaktere nicht genug Tiefgang. Manchmal konnte ich sie kaum auseinanderhalten. Und leider waren mir die Andeutungen auf niedlich gemeinte sexuelle Aktivitäten in ihrer Häufigkeit einfach zu viel. Aber das mag persönlicher Geschmack sein. Denn trotzt dieser Schwächen sind die beiden nicht unsympathisch. Sie sind keine Ermittler oder Detektive und das macht ihren Stil eben auch so interessant. Sie gehen unbedarft in den Fall hinein und kommen vielleicht auch deswegen dem Täter auf die Spur.
Auch die anderen Nebenfiguren lassen Charaktertiefe vermissen, sind aber durchaus sympathisch. Mir gefiel der schrullige Kunstdozent Dexter wirklich gut, auch da er sich von Alex und Mike ziemlich abhebt.
Der Kriminalfall insgesamt kommt völlig ohne Blut aus, was ich toll fand. Es gibt Verstrickungen, kleine Höhepunkte wie Verfolgungsjagden und eine unerwartete Wendung am Ende. Wer also nicht zu viel Tempo erwartet, sollte zu dieser Geschichte greifen. Die Handlung ist logisch aufgebaut und in sich stringent.
Der Schreibstil von Oleg Rogerson hat mir gut gefallen. Manchmal formuliert er sehr blumig, aber das passt irgendwie zu den beiden schwulen Ermittlern und ihrer heilen Welt. Man kommt sehr gut voran, was auch an den Längen der Kapitel liegt. Insgesamt kann man „Kunstvoll morden“ super ‚weglesen‘ und merkt gar nicht, wie schnell man vorankommt.

Ein interessanter Fall in der Kunstszene, zwei unbedarfte Ermittler und das Setting der High Society funktionieren in „Kunstvoll morden“ durchaus ganz gut. Man sollte aber nicht mit zu vielen Erwartungen oder gar dem Gedanken der Realitätstreue an dieses Buch gehen. Tut man das nicht, wird man nicht enttäuscht. Für mich war die Geschichte ein schöner Ausflug in das Genre Cosy Crime, geht aber über „ganz nett“ nicht hinaus. Deswegen bewerte ich es mit 3 Sternen.



18. November 2023

Rezension: "Di Bernardo" von Natasha Korsakova


Titel: Di Bernardo
Autorin: Natasha Korsakova
Verlag: Septime
Preis: 24,00€
Seiten: 264
 

Obwohl ich selten Ausflüge ins Krimi-Genre mache, gibt es doch etwas, das mich immer wieder dazu bewegen würde: ein neuer Roman von Natasha Korsakova. Die Autorin hat mich mit ihren ersten beiden Büchern über den Detektiv Dionisio Di Bernardo, der in Rom ermittelt, absolut überzeugt. Das Besondere an ihnen ist der Musikcharakter. Denn was man wissen muss, Korsakova ist eigentlich professionelle Violinistin. Kein Wunder also, dass di Bernardo immer mal wieder in der Musikwelt ermitteln muss. So auch diesmal in Korsakovas neustem Buch, das genauso heißt, wie seine Hauptfigur. Und obwohl ich an "Di Bernardo" durchaus kleine Kritikpunkte habe, muss ich sagen, dass mich das Buch trotzdem absolut in seinen Bann gezogen hat!

Rom. Ein grausamer Doppelmord hat sich neben der Basilica di San Giovanni in Laterano ereignet. Alessandro Ferro, ein bekannter römischer Komponist, liegt tot in einer riesigen Blutlache, eine Pistole in der Hand. Dagegen scheint niemand die junge Frau zu kennen, die nur wenige Meter entfernt von ihm erschossen wurde – mutmaßlich von Alessandro selbst. Commissario Di Bernardo, der zusammen mit seinem Inspettore Roberto Del Pino schon Jahre zuvor in der illustren Musikwelt ermittelt hat, wird mit dem Fall beauftragt. Schon bald gibt es eine Handvoll Verdächtige. Eine von ihnen ist Alessandros Ex-Freundin Elisa – eine Geigerin, die mit Umweltaktivisten sympathisiert, die sich gegen den illegalen Holzhandel starkmachen. Eine andere Spur führt Di Bernardo zu einem römischen Bogenbauer, der die gefährdeten Tropenhölzer quasi mit Gold aufwiegt.
Ohne es zu ahnen, betritt Di Bernardo eine Welt, die von Habgier, Existenzängsten und Konkurrenzdruck gleichermaßen regiert wird.
Doch wie weit kann man für die eigenen Ziele gehen? Eine Frage, die auch der Commissario sich stellen muss, als die dritte Leiche gefunden wird und alle seine bisherigen Hypothesen zunichte gemacht werden …

Commissario Di Bernardo war für mich wahrlich kein Unbekannter. Schon Korsakovas Debüt „Tödliche Sonate“ ließ mich zu einer Anhängerin des Kommissars werden. Ich war also sehr gespannt, wie sich die Figur entwickelt hat und was sein neuster Fall bringen würde. Tatsächlich finde ich, dass Di Bernardo selbst und seine Entwicklung in diesem Buch mehr im Fokus stehen, als in den beiden Vorgängern. Daher ist wahrscheinlich auch sein Name als Titel gewählt worden. Wenn ich gerade an diesem Punkt bin, muss ich hier aber leider auch meine Kritik äußern. So sehr ich den Mitfünfziger mag und seine Denkweise schätze, seinen eher leisen Humor liebe und wirklich gern lese, wie er sich um sein Team kümmert, so muss ich doch festhalten, dass der Titel „Di Bernardo“ der Geschichte einfach nicht gerecht wird. Meiner Meinung nach hätte man hier wirklich etwas Aufmerksamkeitserregenderes wählen sollen. Denn, ja! Natürlich ist Di Bernardo die Figur, die die Handlung trägt. Aber nichtsdestotrotz gibt es noch so viele tolle Nebenfiguren und eben auch die Morde haben titeltechnisch wirklich viel mehr Potenzial.
Aber gut. Daran will ich mich nicht aufhalten. Der Titel stört mich eben auch nur deswegen, weil ich ihn für ein mögliches Publikum so wenig aussagekräftig finde. Und das ist schade. Denn die Geschichte hatte mich sofort in ihren Bann gezogen!
Der Leser findet sich als erstes in einem Prolog wieder, deren Charaktere gänzlich unbekannt sind. Wir sind in Rumänien und werden Zeuge eines Beseitigungsmordes. Schon hier kochten meine Emotionen hoch, denn die Autorin versteht es wirklich gut, auch die Abgründe des Menschen darzustellen und nichts schönzureden. Die Welt ist in vielen Teilen unfair und das wird hier sehr deutlich. Zu keinem Zeitpunkt versucht das Buch irgendwelche Kompromisse zu machen oder unlogische Handlungsstränge aufzubauen, nur damit es möglicherweise ein Happy End gibt. Und genau das führt dazu, dass man mit den Figuren mitfühlt. Ich konnte Di Bernardos Verzweiflung an vielen Stellen so nachfühlen, wenn er in den Ermittlungen auf der Stelle trat. Gerade der Mord an der jungen Livia ist bewegend und wirft Rätsel auf. Wie der Klappentext schon vermuten lässt, ist die Handlung und die darin enthaltene Ermittlung vielschichtig. Es gibt mehrere Spuren und alle scheinen ins Leere zu führen. Lange sind Di Bernardo, Del Pinio und das restliche Team ratlos. Das sorgt aber keinesfalls für Langeweile beim Leser. Im Gegenteil. Leerstellen werden mit privaten Angelegenheiten gefüllt, sodass die Figuren sehr menschlich werden und das Szenario unglaublich realistisch wird. Auch Korsakovas Beschreibungen von Orten oder Straßen sorgen dafür, dass ich immer wieder dachte, ich sei wirklich in Rom. Ihre Sprachvielfalt ist gewaltig. Und gleichzeitig ist der Schreibstil sehr flüssig und immer gut lesbar. Meines Erachtens schreibt sie auf eine gewisse Weise intelligent und spricht damit genau ihre Zielgruppe an.
Über Di Bernardo selbst habe ich glaube ich genug gesagt. Die Nebenfiguren der Geschichte sind ebenfalls sehr sympathisch. Roberto Del Pino ist eigentlich schon keine Nebenfigur mehr und der jüngere Ermittler übernimmt auch in diesem Fall eine sehr große Rolle. Er zweifelt erstmals deutlich an sich und man bemerkt seine Verletzbarkeit. Doch auch die Gerichtsmedizinerin Isabella oder Personen wie Andrea, Anna oder Frederica sind authentisch gestaltet und nehmen ihre Position in der Handlung gut ein. Das gesamte Figurenkonstrukt ist gelungen. Und dann wären da noch die Verdächtigen. An diesen mangelt es anfangs definitiv. Doch auch die finale Auflösung hat mir sehr gut gefallen. All die falschen Fährten führten zwar nicht unbedingt zur Lösung, doch sie hinterlassen beim Leser oft Denkimpulse. Hier meine ich vor allem den Umweltschutz. Denn wem, der kein professioneller Musiker ist, ist schon klar, dass die Geige durchaus umweltschädlich ist? Ich fand diesen Kontext sehr spannend, obwohl er manchmal auch verwirrend für den Leser sein kann. Als „verwirrend“ empfinde ich auch noch immer ein paar kurze Kapitel im Buch. Eine Handvoll sind aus einer recht unklaren Perspektive in kursiven Lettern geschrieben. Ehrlich gesagt bin ich mir immer noch nicht sicher, was mir diese kurzen Absätze sagen sollen, weshalb ich sie für die Handlung als nicht wirklich notwendig empfinde. Aber wahrscheinlich hat sich mir der höhere Sinn einfach nicht erschlossen.
Neben meinen kleinen Kritikpunkten muss ich aber auch eine Sache noch hervorheben. Im Buch sind insgesamt fünf QR-Codes abgedruckt, zumeist zu Kapitelbeginn. Diese führen zu Youtube-Aufnahmen der Autorin. Hier kann sich dann tatsächlich jeder überzeugen, dass Korsakova nicht nur eine unglaublich tolle Autorin, sondern auch eine atemberaubende Musikerin ist. Es macht schon Sinn, die Codes zu scannen, während man liest und entweder mit der Musik im Hintergrund weiterzulesen oder sich ihr ganz allein hinzugeben. Es macht doch etwas mit einem als Leser, wenn man dies tut. Und so schwer ist es in unserer digitalen Welt ja nun einmal nicht. Toll an den Stücken ist auch, dass so noch einmal viel deutlicher wird, dass die Musik die ganze Zeit Teil der Ermittlung und auch ein alter Bekannter ist.

Meine Kritik an „Di Bernardo“ lässt sich schnell zusammenfassen: Der Titel (und übrigens auch das Cover) ist mir zu wenig aussagekräftig und der Geschichte unwürdig. Kurze Abschnitte im Buch haben sich mir nicht erschlossen. Und das war’s. Punkt.
Der Rest wird zu einer Lobeshymne. Mich hat dieser Kriminalfall sehr gut unterhalten. Ich habe immer gern weitergelesen und bekam auch von der Entwicklung der Figuren nicht genug. Di Bernardo und Del Pinio sind ein tolles Team, das sehr realistisch in einem authentischen Rom ermittelt. Hier bleiben keine Emotionen auf der Strecke, im Gegenteil: Als Leser muss man sich einigen menschlichen Abgründen stellen und auch ein bisschen weiterdenken. Die Themen, die eher nebensächlich angesprochen werden, sind gesellschaftlich relevant und tagesaktuell. Alles in allem: ein großartige Lektüre, die ich (trotz Kritik) mit fünf Sternen bewerte.




9. August 2023

Rezension [Hörbuch]: "Der Fall der verhängnisvollen Blumen" von Nancy Springer


Titel: Der Fall der verhängnisvollen Blumen - Ein Enola-Holmes Krimi
Autorin: Nancy Springer
Sprecherin: Luisa Wietzorek
Verlag: Der Hörverlag
Preis: 14,95€
Dauer: 4h 2m

Die klassischen Detektive hatten es mir schon immer angetan. Allen voran die Großen der Szene: Hercule Poirot und natürlich Sherlock Holmes. Selbstverständlich bemerkte ich dann auch das Auftauchen einer gewissen Enola Holmes – auf Netflix. Die beiden Filme um die jüngere Schwester von Sherlock und Mycroft gefielen mir sehr gut. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mir nicht bewusst war, dass die Filme auf einer Jugendbuchreihe von Nancy Springer basieren. Ein Versäumnis meinerseits, das dringend bereinigt werden musste. Und so begann ich mit (dem eigentlich dritten Fall) diese Reihe. „Der Fall der verhängnisvollen Blumen“ entführt den Leser – oder in meinem Fall Hörer – in das heruntergekommene London, in dem sich ein junges, aber sehr intelligentes Mädchen allein durchschlägt und mit allen Mitteln vor ihren Brüdern flieht.
Können die Bücher es mit den Filmen aufnehmen? Definitiv! Ich hatte beim Hören jedenfalls eine Menge Spaß und wurde hervorragend von der jungen, quirligen und etwas schräg denkenden Enola unterhalten.

Dr. Watson ist verschwunden und Meisterdetektiv Sherlock Holmes ist ratlos. Enola Holmes macht sich auf die Suche nach Dr. Watson, obwohl sie damit in Gefahr gerät, von ihren Brüdern Mycroft und Sherlock entdeckt und ins Internat gesteckt zu werden. Als sie einen Blumenstrauß in Dr. Watsons Haus bemerkt, dessen Blüten allesamt den Tod symbolisieren, muss sie schnell handeln. Denn offenbar ist Dr. Watson in Lebensgefahr. Kann sie Dr. Watson rechtzeitig aufspüren?

Ich bin kein Fan davon, eine Reihe mittendrin zu beginnen. Doch im „Fall der verhängnisvollen Blumen“ kann ich somit immerhin garantieren, dass sich dieses Buch auch ohne Vorkenntnisse hören lässt und man alles versteht. Bestimmt ist es viel sinnvoller, zunächst Band eins und zwei zu lesen/hören, um noch mehr Hintergrundinfos zu bekommen. Kennt man aber die Filme, reicht dies auch völlig.
Enola ist die deutlich jüngere Schwester von Sherlock Holmes, dem Meisterdetektiv. Doch wie ihr großer Bruder auch, hat Enola ausgefallene Hobbys und hat sich dem Aufspüren vermisster Personen oder Gegenständen verschrieben. Dabei klammert sie aus, dass auch sie quasi vermisst wird. Denn sie ist untergetaucht, um ihren Brüdern zu entgehen, die sie vermutlich in ein Pensionat oder eine Anstalt stecken wollen. Im verruchten und dunklen London gelingt es dem selbständigen Mädchen recht gut, sich zu verbergen. Als Enola aber in der Zeitung liest, dass Dr. Watson verschwunden ist, geht sie das Risiko ein, ihrem Bruder Sherlock in die Quere zu kommen. Denn der sympathische Arzt muss unbedingt gefunden werden – Bruder hin oder her. Enola beginnt also auf eigne Faust, Watson zu suchen. Als Hörer weiß man bereits aus dem Prolog, wo er sich aufhält und kann somit immer gut feststellen, ob Enola eine heiße Spur hat oder im Dunkeln tappt. Insgesamt ist ihr Denken dem ihres Bruders natürlich recht ähnlich. Doch es ist wirklich angenehm, dass die Detektivin dabei keinesfalls unnahbar ist. Sie ist auf den ersten Blick kein großes Genie, sondern recht praktisch veranlagt. Um ermitteln zu können, überlegt sie lange, welche Verkleidung sinnvoll ist. Sie hat große Kenntnis über die Sprache der Blumen und weiß, wie man Dinge vortäuscht. Aber jeder ihrer Schritte ist nachvollziehbar und gerade deswegen klappt die Identifikation mit „der kleinen Schwester“ so gut. Enola ist klug, gar keine Frage. Aber im Grunde ist sie auch ein ganz normales Mädchen, das sich nach ihrer Mutter sehnt. Sie kann eben nichts dafür in diese Familie hineingeboren zu sein.
Einer der ersten Schritte der Ermittlung ist ein Besuch bei Mary Watson. Eben dort fällt ihr ein absonderlicher Blumenstrauß ins Auge. Ihr ist sofort klar, dass er vom Täter stammen muss. Und so nimmt die Ermittlung ihren Lauf. Die misstrauische Enola geht dabei logisch, aber nachvollziehbar vor. Und findet auch ein wenig durch Zufall die Lösung. Aber wird sie am Ende doch von ihren Brüdern übertrumpft?
Ich fand die gesamte Geschichte super unterhaltsam. Der Fall ist spannend und hat schon allein durch die Protagonistin etwas Feminines. Und das ist bei Detektiven (Verzeihung, Miss Marple) doch eher neu. Enola als Hauptfigur ist sehr einsam und offenbart sich dem Hörer durch ihre Gedanken sehr gut. Ich fand sie einfach toll! Und auch ihre Ermittlungsart gefiel mir sehr gut.
Es ist nur passend, dass natürlich auch ihre Stimme, die ihr von Luisa Wietzorek geliehen wird, wunderbar zur Geschichte passt. Es handelt sich dabei auch um die Synchronsprecherin der Netflix-Filme. Wer diese also kennt, hat sofort ein Gesicht vor Augen. Enola beschreibt sich übrigens zumeist als nicht sehr ansehnlich…das wiederum passt zwar nicht zur Besetzung, aber was soll’s. Die Sprecherin Wietzorek macht ihre Aufgabe jedenfalls mehr als gut. Sie liest auch die verschiedenen Charaktere sehr passend und nimmt den Hörer so mit ins London des neunzehnten Jahrhunderts. Das übrigens fand ich besonders charmant: die Atmosphäre der Zeit. Enola kommuniziert viel durch Zeitungsannoncen und Codes. Schade, dass es so etwas heute nicht mehr gibt. Auch sonst ist die Stimmung des tristen Londons der Unterschicht sehr gut eingefangen.

Ich habe einfach rein gar nichts an „Der Fall der verhängnisvollen Blumen“ auszusetzen. Die Protagonistin ist toll und nahbar, die Sprecherin liest hervorragend und die Geschichte ist unterhaltsam und kurzweilig. Der Fall erscheint so normal, denn es geschieht ja nicht einmal ein Mord. Und trotzdem ist sie etwas ganz Besonderes. Dass der große Sherlock Holmes nur in einer Nebenrolle auftritt, fällt eigentlich gar nicht auf. Denn die Bühne gehört zurecht seiner kleinen Schwester. Und dieser verleihe ich mit ihrem dritten Fall fünf Sterne.




18. April 2022

Rezension [Hörbuch]: "Ein unerwarteter Gast" von Agatha Christie


Titel: Ein unerwarteter Gast
Autor: Agatha Christie
Sprecher: Hans Eckhardt
Verlag: der Hörverlag
Preis: 7,95€
Dauer:4h 21m


Zur Entspannung gibt es nichts Besseres, als ein Agatha Christie-Hörbuch. Zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht. Dabei ist es ganz egal, wer der Ermittler ist. Die Queen of crime hat immer einen ganz eigenen Charme in ihre Bücher gebracht, sodass eigentlich jeder Krimi aus Christies Hand lesens- bzw. hörenswert ist. So langsam wird es aber immer schwieriger, Hörbücher zu finden, die ich noch nicht kenne. Deswegen bin ich auch dem Hörverlag überaus dankbar, der so unglaublich viele Christie-Bücher vertont hat. Mittlerweile bin ich bei den eher unbekannten Fällen angekommen und so stieß ich auch auf „Ein unerwarteter Gast“. Der Klappentext hat mich wirklich beeindruckt, also führte kein Weg an diesem Werk vorbei. Nach dem Hören muss ich aber sagen, dass es sich tatsächlich um eines der schwächeren Hörbücher handelt, sodass „Ein unerwarteter Gast“ zwar durchaus interessant ist, aber Luft nach oben bleibt.

Ein Fremder verunglückt im dichten Nebel mit seinem Wagen und kommt auf der Suche nach Hilfe zu einem Haus, in dem offensichtlich wohl gerade ein Mord geschehen ist. Er überrascht dort eine Frau bei ihrem toten Mann — eine Pistole in der Hand. Ist sie die Mörderin oder spricht nur der Augenschein gegen sie? Versucht sie einen der übrigen Hausbewohner, die alle ein Motiv haben, zu decken? Und welche Rolle spielt der unerwartete Gast bei der Lösung des Falles?

Das Hörbuch geht ca. viereinhalb Stunden und startet durchaus vielversprechend. Die Atmosphäre ist von Anfang an geheimnisvoll und angespannt. Wie der Klappentext schon erwähnt, kommt ein Fremder in ein Haus, in dem offensichtlich gerade ein Mord geschehen ist. Die Frau steht neben ihrem verstorbenen Mann und der „unerwartete Gast“ ruft nicht etwas die Polizei, sondern wird ziemlich schnell Teil der Geschichte. Relativ lange spielt die Geschichte im Salon des Hauses und nur die beiden erwähnten Personen (und die Leiche) sind anwesend. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass „Ein unerwarteter Gast“ zunächst als Theaterstück konstruiert und später umgearbeitet wurde. Tatsächlich merkt man dies beim Hören. Ich habe mich beispielsweise lange gefragt, ob es sich um ein sogenanntes „Zwei-Mann-Stück“ handelt oder ob noch mehr Personen irgendwann mitspielen. Zunächst hatte ich nämlich den Eindruck, dass dies nicht geschehen würde. Tatsächlich kommen aber nach und nach die weiteren Hausbewohner ‚auf die Bühne‘. Es entwickelt sich eine durchaus spannende Geschichte, die viele Fährten legt und Raum für Spekulation lässt. Ich hatte ziemlich schnell eine Vermutung, wer der Mörder sein müsste. Aber auch mich verwirrten die vielen Fährten, sodass ich mir eine weitere Alternative überlegte. Wie der Fall dann tatsächlich ausgeht, hat mich leider nicht überrascht. Und auch das Ende empfand ich als nicht wirklich befriedigend, aber durchaus nachdenklich. Ich habe zumindest auch lange nach dem Hören immer mal wieder an diese Geschichte gedacht.
Die Figuren sind leider alle relativ farblos, sodass ich mich schon jetzt nicht mehr an ihre Namen erinnere. Im Grunde lässt sich sagen, dass jeder der Beteiligten ein Motiv hatte und das macht die Geschichte definitiv spannend. Auch der Schreibstil ist wirklich gut und der Sprecher Hans Eckardt hat eine angenehme Stimme, die der Geschichte die richtige Atmosphäre einhaucht. Insgesamt ist „Ein unerwarteter Gast“ wirklich kurzweilig und abgesehen vom Anfang passiert wirklich viel. Langeweile kommt zumindest keine auf! Und doch ärgerte mich, dass meine erste Vermutung in Bezug auf des Rätsels Lösung korrekt war.

„Ein unerwarteter Gast“ ist ein netter Zeitvertreib und auch bei mir führte die Geschichte dazu, mich zu entspannen. Allerdings gibt es wirklich bessere Christie-Fälle. Denn trotz vieler gelegter Fährten überrascht das Ende keineswegs. Als Bühnenstück würde mich das Werk sehr interessieren. Als Hörbuch vergebe ich dank Kurzweiligkeit und guten Sprechers dann doch noch vier von fünf Sternen.



26. Februar 2022

Rezension [Hörbuch]: "Kurz vor Mitternacht" von Agatha Christie


Titel: Kur vor Mitternacht
Autor: Agatha Christie
Sprecher: Reiner Unglaub
Verlag: der Hörverlag
Seiten: 272
Dauer: 5h 25m
Preis: 7,95€

Agatha Christie ist eine Ikone der Krimi-Klassik. Und trotzdem sind ihre Geschichten auch in der heutigen Zeit überaus präsent und beliebt. Erst letzte Woche schaute ich die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ im Kino. Aber obwohl Filme ein wundervolles Medium sind, um in Christies Welt abzutauchen, bevorzuge ich doch definitiv die Bücher. Gibt es aber etwas noch besseres als einen Agatha Christie-Roman? Ja! Die Hörbuchversion von diesem! Für mich sind die Bücher der Autorin durch ihre charmante Ruhe und Ermittlungsart perfekt, um sie zu hören. Und als ich auf das Hörbuch „Kurz vor Mitternacht“ stieß, war mein Interesse sofort geweckt. Zwar kannte ich den Ermittler Superintendant Battle bisher noch nicht, aber einer der Protagonisten des Buches ist ein Tennisprofi. Meine Lieblingsautorin zusammen mit meiner Lieblingssportart? Das kann nur gut werden, dachte ich mir. Und so war es auch! Denn „Kurz vor Mitternacht“ ist ein großartiges Hörbuch!


Alle verbringen den Sommer in Gull's Point: der bekannte Tennisspieler Nevile Strange, seine jetzige Frau Kay und seine ehemalige Frau Audrey, deren Vetter Thomas und Kays alter Freund Ted Latimer und auch Rechtsanwalt Treves kommt zum Dinner. Das Gespräch dreht sich um das Rechtssystem, Mord, unmündige Täter und Gerechtigkeit. Am nächsten Tag ist Anwalt Treves tot, gestorben an einem Herzinfarkt. Oder hat dort jemand nachgeholfen? Auch die Gastgeberin Lady Tressilian hat nicht mehr lange zu leben. Superintendent Battle sieht sich einem so faszinierenden Fall gegenüber, dass er sogar seinen Urlaub vergisst.

Ich liebe den Tennissport. Und tatsächlich habe ich mich schon einmal bemüht, Bücher zu finden, in denen Tennis eine Rolle spielt. Gar nicht mal so einfach, kann ich euch sagen. Als ich im großen Repertoire von Agatha Christie also auf eine Geschichte stieß, in der Tennis zumindest in einer Form vorkommt, konnte ich mein Glück kaum fassen. „Kurz vor Mitternacht“ dreht sich zwar wahrlich nicht um die Sportart und trotzdem war mein Interesse sofort geweckt. Tatsächlich spielt der Tennisprofi Nevile Strange eine sehr wichtige Rolle in „Kurz vor Mitternacht“, steht er doch direkt unter Tatverdacht. Doch dazu gleich mehr.
Beginnen wir beim Allgemeinen. Ich habe das Buch als Download zur Verfügung gestellt bekommen und ich muss sagen, dass es absolut unkompliziert funktionierte. Ich begann sehr schnell mit dem Hören, denn auch durch die kurzen Tracks wird das Hören total erleichtert. Ein Track geht so um die drei bis vier Minuten, sodass man sich selbst oft dabei ertappt, doch noch schnell weiter zu hören. Vielleicht kennt ihr das von Büchern, die besonders kurze Kapitel haben? Mir war dieses Phänomen definitiv bekannt.
Der Sprecher Reiner Unglaub hat mir wirklich gut gefallen, da seine Stimme sehr authentisch zum Charakter von Superintendant Battle passt. Das kann man allerdings auch kritisch sehen. Unglaub hat eine sehr ruhige und tiefe Stimme, die manchmal sogar etwas unbeteiligt oder gleichgültig wirkt. Für mich persönlich passte das wie die Faust aufs Auge zum Ermittler, denn Battle ist nicht unbedingt der ehrgeizige, überambitionierte oder rasante Typ. Er hat eine gewisse Ruhe und strahlt Kompetenz aus. Deswegen empfand ich die Wahl des Sprechers als sehr gelungen, auch wenn er vor allem die Frauenrollen manchmal etwas hysterisch liest. Aber einen Vorwurf kann ich ihm auch nicht daraus machen, denn viele der weiblichen Figuren sind genau das: hysterisch. Kommen wir also zur Geschichte.
„Kurz vor Mitternacht“ hat eine wahnsinnig unterhaltsame und kurzweilige Geschichte. Ich habe sie an wenigen Tagen weggehört, weil ich auch wirklich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht. Die Story erscheint anfangs etwas diffus, weil die Autorin verschiedene Erzählstränge eröffnet, die auf den ersten Blick nichts mit dem Gesamtgeschehen zu tun haben. Warum begleiten wir Battle zum Beispiel dabei, wie er einen Diebstahl im Internat seiner Tochter aufdeckt oder wieso wird uns jemand vorgestellt, der Selbstmord begehen wollte und scheiterte. Was soll das mit den Todesfällen in Gull’s Point zu tun haben? Nun ja, ihr werdet es beim Hören erfahren. Denn tatsächlich gibt es keine unwichtigen Aussagen in der Geschichte. Aber worum geht es in der Geschichte denn jetzt? Alles in allem ist es ein klassisches Eifersuchtsdrama, das mit Mord endet. Oder nicht? Der berühmte Tennisspieler Nevile Strange besucht wie jedes Jahr seine Tante in ihrem Haus an der Küste gemeinsam mit seiner Frau Kay. Kay ist allerdings erst seit kurzem Nevils Frau. Seine Exfrau Audrey ist noch immer sehr gut mit Neviles Tante befreundet und besucht sie ebenfalls einmal im Jahr für ein paar Wochen. Und in diesem Jahr fallen beide Besuche also zusammen. Kann das gut gehen? Ein attraktiver Mann, der gleich mit zwei Frauen namens Misses Strange vor Ort ist? Nun ja, die Bezeichnung „Krimi“ gibt euch die Antwort: natürlich nicht. Doch es stirbt nicht etwas eine dieser drei Personen, sondern ein alter Freund von Neviles Tante und leider auch genau diese kurz darauf. Superintendant Battle ist eher durch Zufall vor Ort und ermittelt gemeinsam mit seinem Neffen.
Die Art zu ermitteln gefiel mir wirklich gut. Battle ist ein erfahrener und kompetenter Mann. Die Geschichte besteht aus vielen Befragungen und auch Irrungen. Allerdings taucht der Ermittler erst relativ spät in der Geschichte auf, sodass man sich als Hörer schon vorher sein eigenes Bild von den Charakteren machen kann. Das habe ich auch definitiv gemacht und ich hatte so meine Theorie. Das Tolle aber war, dass mich die Lösung des Falls letztlich total überraschen konnte. Darüber freue ich mich tatsächlich immer am meisten bei einem Krimi von Agatha Christie. Hier werden die Spuren ausgelegt und trotzdem ist am Ende dann doch alles ganz anders.
Die Charaktere sind wirklich gut gelungen und sie sind sehr verschieden. Manchmal hatte ich ein paar Probleme, die männlichen Rollen auseinanderzuhalten, aber das gab sich mit der Zeit. Vor allem die beiden Frauen fand ich sehr interessant. So richtig trauen kann man in dieser Geschichte sowieso niemandem. Es bleibt also Superintendant Battle überlassen, herauszufinden, wer Lady Tressilian kurz vor Mitternacht umbrachte.

Ich kann euch nur empfehlen Battle bei diesem Fall zu begleiten, denn die Wendungen und Fährten der Geschichte sind einfach klasse und sehr unterhaltsam. Die Geschichte ist kurzweilig und nicht zu kompliziert, doch gleichzeitig macht sie viele Handlungsstränge auf, sodass man eben nicht von allein auf die Spur des Mörders kommt. Der Schreibstil ist flüssig und Unglaubs Art zu lesen passt sehr gut zum Werk. Ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt und hatte immer das Bedürfnis, weiter hören zu wollen. Und deswegen vergebe ich die verdienten fünf Sterne. Spiel, Satz und Sieg? Fragt sich nur für wen.