27. Juli 2026

Rezension: "Quartett" von Natasha Korsakova


Titel: Quartett
Autorin: Natasha Korsakova
Verlag: Septime Verlag
Preis: 25,00€
Seiten: 288
 

Es ist kein Geheimnis, dass ich selten Ausflüge in das Krimi-Genre mache. Doch inzwischen ist es ebenfalls keines, dass ich für ein Buch von Natasha Korsakova sofort einen solchen unternehme. Denn die Autorin ist nicht nur eine hervorragende Krimiautorin, sondern vor allem eine begnadete Musikerin. Wenn Korsakova statt zur Violine zur Feder greift, weiß man, dass es einen Mord in der römischen Musikbranche gegeben hat. Und wie keine zweite kann sie das Setting der Klassik einfangen, sodass man in der Szenerie versinkt, gemeinsam mit Commissario Di Bernados Team ermittelt und sich den Intrigen der Musikindustrie hingibt. „Quartett“ ist der vierte Fall von Dionisio Di Bernardo, in dem er mit der klassischen Musik konfrontiert wird. Und zum vierten Mal schafft die Autorin es, ihre Leserschaft in ihren Bann zu ziehen!


Rom, Spätherbst 2025: Nach einem gefeierten Konzert endet der Abend für den ersten Geiger des berühmten »Arcimboldo«-Quartetts tödlich: Lorenzo Verro wird in einem düsteren Durchgang nahe dem Teatro Argentina in Rom erstochen aufgefunden. Für Commissario Di Bernardo beginnt ein verzwickter Fall, der ihn erneut in die widersprüchliche Musikerwelt führt – und in die Schatten dahinter. Zwischen den verletzten Egos, Rivalitäten und verschwiegenen Affären stößt er auf ein Geflecht aus Lügen, das bis in die feinsten Strukturen des Quartetts reicht. Was für ein Mensch steckte hinter der Fassade des Primarius? Warum musste er sterben? Und welche Rolle spielt der schillernde Klarinettist, was hat er zu verbergen? Als Di Bernardo glaubt, endlich ein Muster zu erkennen, ist der Täter ihm einen Schritt voraus: Ein zweiter Mord bricht das fragile Gerüst aus Schweigen. Vor der Kulisse des nächtlichen Roms entdeckt Di Bernardos Team Abgründe, die weit über die Bühne hinausreichen. Und je weiter sie den Geheimnissen auf die Spur kommen, desto erschütternder wird die Wahrheit.

Zuerst muss ich sagen, dass der Titel „Quartett“ absolut perfekt ist. Natasha Korsakova überlässt selten etwas dem Zufall und das wird auch bei der Titelwahl deutlich. Im Fokus der Geschichte steht das „Arcimboldo“-Quartett, in dessen Reihen es einen Mord gegeben hat. Außerdem ist es der vierte Fall von Di Bernardo und somit auch Korsakovas viertes Buch, sodass der Titel mit der Geschichte absolut harmoniert. Das Cover trifft meinen persönlichen Geschmack zwar nicht unbedingt, passt aber trotzdem.
Was geschah nun aber nach dem Konzert des Quartetts? Der erste Geiger Lorenzo Verro verlässt nur kurz das Restaurant, in dem die Musiker feiern und wird ermordet. Natürlich ermittelt Di Bernardo in diesem Fall, schließlich hat er – leider – schon einige Erfahrung, was Morde in der Musikbranche betrifft. Es entsteht ein spannender Kriminalfall, in dem der Kreis der Verdächtigen sehr klein ist. Denn bald ist klar: Es muss einer der anderen Musiker gewesen sein.
Oder?
Und vor allem, warum?
Der Leser wird auf eine spannende Reise mitgenommen und das Setting ist absolut authentisch. Das ist einer der größten Pluspunkte des Buches. Man merkt sofort, dass die Autorin ein Profi auf dem Gebiet der Klassik ist. Sie beschreibt so bildlich, dass die Authentizität des Musiksettings hervorsticht. Man wird quasi von der Musik tief eingesogen und erwacht erst wieder, wenn man das Buch zuklappt. Dabei ist vor allem die Detailverliebtheit klasse. Im Buch gibt es acht QR-Codes, die alle zu Stücken führen, die entweder im Buch direkt eine Rolle spielen oder anders relevant sind. Auch hier gibt es keine Zufälle. Die Videos wurden eigens für das Buch hochgeladen. Einige Stücke spielt Korsakova sogar selbst, was den Zugang zur Geschichte noch einmal vertieft. Ich habe es geliebt, die Stücke im Anschluss an die Kapitel zu hören. Zu lesen und zu hören hat bei mir übrigens nicht geklappt. Zu dicht sind die Beschreibungen der Musik im Buch, die ich einfach nachempfinden wollte. Lässt man sich als Leser auf diese Art der Unterhaltung ein, ist „Quartett“ ein echtes Geschenk, das sich von normalen Krimis einfach abhebt.
Insgesamt ist das Buch aber auch nicht gewöhnlich. Die Autorin legt viel Wert darauf, das italienische Flair einzufangen. Sei es, indem die römischen Straßen oder aber die Süßigkeiten die del Pino immer isst, detailgetreu beschrieben werden. Man kann sich die Szenerie sehr gut vorstellen.
Hinzu kommt, dass Korsakova die gleiche Detailliebe, die sie in ihre Handlungsorte steckt, auch in ihren Figuren zu finden ist. Kennt man einen der Vorgänger von „Quartett“, trifft man lieb gewonnene Figuren auch hier wieder. Alles richtet sich natürlich nach Di Bernardo aus. Aber auch Del Pino oder Fedi spielen weiterhin eine große Rolle. Im Kommissariat passiert eine ganze Menge, doch ob das Team mit diesen Veränderungen klar kommt, ist unklar. Eine Veränderung heißt der Commissario aber willkommen: seine neue Ermittlerin Guilia. So bleibt zwar der liebgewonnen Kern des Teams bestehen, doch damit es nicht langweilig wird, wird er um Guilias (spannende) Geschichte erweitert. Mir kam es manchmal so vor, als wenn der eigentliche Kriminalfall um Lorenzo Verro vor lauter liebevoller Charakterarbeit und Hinwendung zur Musik in den Hintergrund gerät.
Am Fall selbst gefiel es mir tatsächlich nicht so gut, dass der Kreis der Verdächtigen so unglaublich klein war. Ich wollte aber natürlich auch auf gewisse Weise nicht wahrhaben, dass einer der anderen Musiker der Täter ist. Auch die Flashbacks, die bereits im Prolog auftauchen, von denen man aber nie genau weiß, aus wessen Sicht sie sind, geben dem Leser (zu) viele Hinweise auf das Motiv. Das fand ich etwas schade. Mein einziger weiterer Kritikpunkt, der vielleicht mit meinem eigenen Gedächtnis zu tun hat, ist die Benennung zweier Figuren. Ich habe einfach immer „Emanuele“ und „Enrico“ verwechselt. Das kann man eigentlich nicht als Kritik durchgehen lassen, war für mich aber trotzdem ein klitzekleines Bisschen anstrengend. Nichtsdestotrotz ist der Fall spannend und vor allem extrem kurzweilig. Ich konnte kaum glauben, wie schnell man im Buch vorankommt. Besonders am Ende wird es rasant. Ich war traurig, als das Buch zu Ende war, denn mich beschlich das Gefühl, dass so viele Dinge noch ungeklärt sind. Aber vielleicht wird es ja eine Auflösung geben. Vielleicht ein Mord in einem „Quintett“?!

„Quartett“ ist ein kurzweiliger und sehr besonderer Krimi. Selten habe ich eine solche Authentizität in den Beschreibungen des Settings und der Handlung selbst erlebt. Die Musik ist die eigentliche Protagonistin in der Geschichte und das gefiel mir ganz besonders gut. Für die tolle Atmosphäre, die gute Unterhaltung und die detailreichen Figuren muss man die Höchstwertung geben. Ein ganz kleiner Abzug kommt von mir lediglich hinzu, da ich die Auflösung durch den kleinen Kreis der Verdächtigen etwas vorhersehbar fand. Somit vergebe ich 4,5 Sterne für „Quartett“ und hoffe, dass es nicht Di Bernardos letzter Ausflug in die Musikbranche war.



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