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12. November 2025

Rezension: "Heartbreak is the National Anthem" von Rob Sheffield

 


Titel: Heartbreak is the National Anthem -
Wie Taylor Swift die Popmusik neu erfand
Autor: Rob Sheffiled
Verlag: Penguin
Preis: 18,00€
Seiten: 224

Es wird Zeit für ein Bekenntnis: Ich bin ein Swiftie. Von ganzem Herzen. Ich liebe die Musik von Taylor Swift, liebe ihre Songtexte und wie sie es schafft, sich immer wieder neu zu erfinden. Man kann sich mit ihren Liedern identifizieren oder sie einfach zwischendurch hören. Seit Jahren schon begleitet sie mich durch meinen Alltag. Deswegen ist es kein Wunder, dass das neu aufgelegte „Heartbreak is the National Anthem – Wie Taylor Swift die Popmusik neu erfand“ sofort meine Aufmerksamkeit erregte. Denn obwohl ich bekennender Swiftie bin – ich bin keiner von der Sorte, der all ihre Geheimnisse aus den Songs herausarbeitet. Der wie ein Detektiv an ihre Musik geht. Ich bin einfach ein kleiner, stolzer Swiftie. Doch im Vergleich zu Rob Sheffiled, dem Rolling-Stone Journalisten, der schon seit vielen Jahren ein Ranking all der Swift-Songs führt, bin ich eine absolute Anfängerin. Das und vieles mehr hat mir diese Lektüre gezeigt. Ein Muss für Fans der Pop-Ikone? Definitiv! Und eigentlich auch für alle anderen.

Niemand kennt Taylor Swift und ihre musikalischen Epochen – die Eras – so gut wie Rob Sheffield. In seiner mitreißenden Biografie „Heartbreak is the National Anthem“ beleuchtet der preisgekrönte Rolling Stone-Journalist die außergewöhnliche Karriere der Pop-Ikone. Dieses Buch ist ein absolutes Muss für alle Swifties und Musikliebhaber.
Taylor Swift ist mehr als nur eine Sängerin – sie ist ein globales Phänomen. Ihre Songs bewegen Millionen, ihre Texte erzählen Geschichten, die Generationen verbinden. Vom Country-Teenager zur internationalen Pop-Sensation: Taylor Swift hat die Musikindustrie revolutioniert – als Songwriterin, Performerin und kulturelle Stimme unserer Zeit.
Rob Sheffield begleitet Taylor Swift seit ihren Anfängen. Mit einzigartigem Insiderwissen und großer Leidenschaft analysiert er ihre Alben, Songtexte, Live-Auftritte und die besondere Verbindung zu ihren Fans. „Heartbreak is the National Anthem“ ist das erste Buch, das den gesamten kulturellen und musikalischen Einfluss von Taylor Swift umfassend darstellt – von Fearless bis zur Eras Tour.

 

Der Klappentext verspricht eine ganze Menge. Doch ehrlich? Er hält auch all das Angekündigte! Das hängt vor allem mit Rob Sheffield als Person zusammen. Der Autor dieser Pop-Biographie (nur im weitesten Sinne eine Biographie, wenn ihr mich fragt) ist eben nicht nur Autor. Oder Musik-Journalist. Er ist ein Fan von Taylor Swift seit der ersten Stunde. Und vor allem ist er ein ganz normaler Mensch. Ein Mensch, der sich für Swifts Musik begeistert, ohne diese zu verherrlichen. Das imponierte mir ganz besonders. Es ist gar nicht abzustreiten, dass Sheffield eine sehr tiefe Leidenschaft für Swifts Musik empfindet. Doch er ist nicht unkritisch. Deswegen ist „Heartbreak ist the National Anthem“ auch keine Lobeshymne, keine Schmeichelei oder sogar Heuchlerei. Denn Sheffield geht zwischenzeitlich sogar recht hart mit Taylor ins Gericht. Er kritisiert sie, nennt ihre Fehltritte oder Schwächen ihres Charakters. Das Authentische ist, dass er sie eben wirklich kennt und das seit vielen, vielen Jahren. Das kann einen Swiftie als Leser nur begeistern. Hinzu kommt der Witz, mit dem er dieses Buch schreibt. Mir haben sein unterbewusster Humor und manchmal auch die kleinen Spitzen in Richtung der Pop-Ikone sehr gut gefallen. Er schafft es auf magische Weise neben diesen kritischen Anmerkungen seine tiefe Liebe für die Musik von Swift ganz ehrlich darzustellen. Und so nimmt er dir Leserschaft mit auf eine Reise durch den swiftischen Kosmos. Er bettet ihr musikalisches Schaffen allerdings in ein großes Ganzes ein, schafft viele Bezüge zu anderen Musik-Legenden und schreibt zwischendurch eben auch über ganz andere Leute. Ich muss zugeben, dass ich nicht einmal die Hälfte all seiner Musikbezüge kannte. Dass dieser Mann Ahnung vom Musik-Buisness hat, ist am Ende auf jeden Fall jedem klar.
Das Buch ist halbwegs chronologisch aufgebaut, ohne eine klare Biographie zu sein. Es geht nicht um Taylors Kindheit, Jugend, frühe Erwachsenenphase oder etwas in der Art. Die meisten Kapitel haben Songtitel als Titel, anhand derer sich der Autor an ihrem Leben abarbeitet. Oft geht es aber im Vordergrund eben auch um diese Songs, ihre Texte und was sie mit Taylors Leben zu tun haben. Ganz nebenbei arbeitet Sheffield dabei immer wieder persönliche und ganz private Züge heraus. Dieses Persönliche macht das Buch so authentisch. Es ist eine Lektüre eines verehrenden Swifties für andere Swifties. Und da ich mich als solcher bezeichne, konnte ich gar nicht anders, als die Lektüre zu lieben. Tatsächlich habe ich auch unglaublich viel über die Frau gelernt, die die ganze Welt kennt. Besonders spannend fand ich die Kapitel über „Taylors Version“ und „Folklore“. Im Nachhinein finde ich mich selbst nämlich ziemlich blind, dass mir manche Querverweise zwischen einzelnen Songs nie aufgefallen sind. Diese Aha-Momente hatte ich immer wieder. Ich bin mir sicher, dass auch die krassesten Fans der Sängerin hier noch das ein oder andere Detail lernen können.
Die Lektüre geht wirklich unglaublich schnell. Der Schreibstil ist klasse, auch wenn bei der Übersetzung der ein oder andere Wortwitz natürlich verloren geht. Auch deswegen sind häufiger mal unübersetzte englische Sätze mit drin. Die Kapitel sind alle recht kurz oder zumindest kurzweilig. Ich würde nicht empfehlen, das Buch an einem Stück zu lesen. Es macht viel mehr Spaß, einzelne Etappen zu genießen und im Nachhinein einige der Songs oder die erwähnten Alben erstmal zu hören und zu untersuchen, ob Sheffield wirklich recht hat. Ich habe das getan und konnte Taylors Musik so noch einmal ganz neu für mich entdecken. Das einzige, was ich noch ziemlich cool gefunden hätte, wären QR-Codes im Buch gewesen. Diese hätten natürlich zu Taylors Songs führen können, wenn es gerade um einen bestimmten ging. Vielmehr hätte man so aber all die anderen erwähnten Künstler, Songs und Alben verknüpfen können, von denen der Normalo, der kein Musik-Journalist ist, vielleicht keine Ahnung hat. Ein Normalo wie mich. Aber das nur am Rand. Man kann schließlich auch auf eigene Faust recherchieren.

Ich war Swiftie. Ich bin Swiftie. Und dank diesem Buch werde ich wohl ewig Swiftie bleiben. Rob Sheffield hat mich mit „Heartbreak ist the National Anthem“ noch viel tiefer in die Welt von Taylor Swift entführt, von der ich dachte, dass ich längst tief in ihr leben würde. Man bekommt ganz private Anekdoten, Fakten, Witze und vor allem sehr viel Liebe und Wissen zu Taylors Songs. Das alles ist verpackt in eine authentische Art zu erzählen und deswegen muss ich meine Empfehlung – und die verdienten fünf Sterne – aussprechen. You know..."I can still make the whole place shimmer"! ;)


  


18. Januar 2023

Rezension [Hörbuch]: "Penelope und die zwölf Mägde" von Margaret Atwood


Titel: Penelope und die zwölf Mägde
Autor: Margaret Atwood
Sprecher: Nina Kunzendorf u.v.a.
Verlag: Der Hörverlag
Preis: 22,00€
Dauer: 3h 35m
 

Vor einer Weile gab es im Kulturteil unserer Regionalzeitung einen Artikel über den Trend in der Literatur, alte Sagen und Legenden feministischer zu gestalten. Konkret wurde hier die griechische Schaffenszeit betrachtet und geschildert, dass es immer mehr Bücher gibt, die sich mit dem Schicksal der namenlosen Frauen in der Geschichte (fiktiv) widmen.
So wurde ich auch auf das Buch „Penelope und die zwölf Mägde“ von Margaret Atwood aufmerksam, denn auch dieses wurde im Artikel erwähnt. Als ich dann sah, dass es im Hörverlag ein Hörbuch zum Buch gibt, war ich Feuer und Flamme. Wie schildert wohl die sittsame Frau des berühmten Odysseus das gemeinsame Leben? Welche neuen Aspekte bringt die weibliche Komponente ein? Und was hat es mit den Mägden auf sich? Ich war sehr gespannt auf die Geschichte! Doch, was ich letztendlich bekam, übertraf alle meine Erwartungen. „Penelope und die zwölf Mägde“ ist als Hörbuch jetzt schon eines meiner absoluten Jahreshighlights!



Margaret Atwood ist überzeugt: »Die Geschichte, wie sie in der ›Odyssee‹ erzählt wird, ist nicht wasserdicht.« Hier erzählt deshalb Penelope selbst rückblickend ihre Geschichte, skeptisch und scharfsichtig betrachtet sie ihr Leben, ihren seefahrenden Gatten Odysseus, die gewiefte Cousine Helena, den dümmlichen Paris, die brutale, patriarchalische Gesellschaft der Antike. Die Mägde bilden einen Chor, der den Bericht Penelopes aus der anonymen Perspektive der Machtlosen ergänzt. Intim, leicht und dabei illusionslos beschreiben die Frauen, was sie sehen, denken und erleben.


Schon der Klappentext klingt gut, keine Frage. Und ich bin mir auch sicher, dass das Buch an sich wirklich klasse ist. Aber das Medium des Hörbuchs verleiht dieser Geschichte wirklich noch einmal den besonderen Touch! Warum? In dieser Geschichte geht es nicht nur um Penelope selbst, sondern eben auch um die zwölf Mägde. Für diejenigen, die keine Ahnung von der Odyssee haben: Als Odysseus nach jahrelanger Irrfahrt heimkehrt und sein Zuhause von Freiern belagert findet, tötet er nicht nur alle Freier, sondern lässt auch die zwölf jüngsten Mägde hinrichten, die sich mit ebendiesen Freiern eingelassen haben. Die Geschichte dieser zwölf ist bisher wohl noch nie wirklich beleuchtet worden. Doch das ändert Margaret Atwood, indem sie den Namenlosen eine Stimme verleiht. Die Mägde bilden immer wieder einen Chor im Hörbuch und übernehmen somit sowohl die klassische Funktion des Chors in der griechischen Tragödie, als auch die Chance, ihre eigene Geschichte preiszugeben. Gelesen werden die zwölf von drei Sprecherinnen. Luise Ehl, Johanna Engel und Toni Pitschmann lesen die Mägde sehr emotional und fesselnd. Es ist wirklich toll, wie sich die Stimmen überlappen und sie sich gegenseitig ergänzen. Manche Passagen werden von den Mägden gesungen, andere gemeinsam erzählt. Hinzu kommt, dass sie eben eigene Charaktere sind. Durch Atwood sind sie nicht mehr namen- oder geschichtenlos. Die Kapitel der Mägde – immer sehr kurz, übrigens – sind einfach nur spannend und tragen wirklich etwas zur Entwicklung der Geschichte bei.
Doch in dieser Geschichte spielt eigentlich jemand anderes die Hauptrolle: Penelope von Sparta. Ich muss zugeben, dass ich diese griechische Figur als absolut langweilige graue Maus im Kopf hatte. Ich habe die Odyssee nämlich tatsächlich gelesen. Und was man dort über die Ehefrau von Odysseus erfährt, ist wirklich nicht viel. Nun wird dieser grauen Maus aber das ganze Buch gewidmet und der Figur wird die Zeit gegeben, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie mehr war, als nur die langweilige und tugendhafte Ehefrau. Klappt das? Oh ja, und wie!
Denn die großartige Erzählerin Penelope ist sich ihrer historischen Außenwirkung absolut bewusst. Sie kokettiert ein wenig mit ihrem Ruf und stellt auf unglaublich grandiose Art und Weise dar, wie sie die Dinge erlebt hat. Ihr Erzählstil ist dabei sehr sarkastisch und extrem modern. Margaret Atwood hat Penelope das moderne Denken zugeschrieben und so verwendet sie auch aktuelles Vokabular und manchmal auch Umgangssprache.
Der Plot an sich ist simpel. Penelope ist tot und erzählt aus dem Hades heraus ihre Geschichte. Das geschieht durch Rückblenden. Sie kommentiert das Geschehen schamlos und stellt vieles klar. Sie bemitleidet sich nie selbst und reflektiert wirklich interessant. Zwischen den Rückblenden erzählt sie immer wieder vom Leben in der Unterwelt und ihren dortigen Begegnungen. Ein Dorn im Auge ist ihr ihre wunderschöne Cousine Helena. Die bekommt wirklich ihr Fett weg. Aber auch andere große und tragische Figuren werden dargestellt und kommentiert, manchmal wird sogar ein wenig mit ihnen abgerechnet. Insgesamt hält sich der Ablauf an die Handlung der Odyssee, aber eben auf ganz andere Art und Weise.
Als Hörer war es für mich ein so abwechslungsreiches und fesselndes Hörbuch wie kaum ein anderes. Ich interessiere mich natürlich auch für die griechische Antike und  ging mit viel Vorwissen an die Geschichte. Aber auch so muss man den feministischen und modernen Charakter einfach würdigen. Auch jeder, der keinen blassen Schimmer von der Odyssee hat, kann hier seinen Spaß finden. Toll ist einfach auch der Mix aus Antike und Moderne. Es gibt nämlich am Ende auch kleine Zwischenspiele, als es dann um das Schicksal der zwölf Mägde geht. Ein fiktiver Gerichtsprozess wird nachgestellt, ein universitärer Hörsaal wird inszeniert und die Rolle der Zwölf so ganz neu interpretiert.
Vielleicht erlaubt das Buch keinen absolut neuen Blickwinkel auf die Geschehnisse, da Penelope die Geschichte eben nicht verändern, aber aus ihrer Perspektive erzählen kann. Aber allein diese Perspektive ist so innovativ und spannend, dass es mir eine unglaubliche Freude war, dieses Buch zu hören. Der Vollständigkeit halber muss ich noch erwähnen, dass Penelopes Stimme, Nina Kunzendorf, die Geschichte toll liest. Ihre beruhigende, aber eben auch stichelnde Art ist hervorragend und trägt die Geschichte. Die Aufmachung des Hörbuches ist, nebenbei erwähnt, ebenfalls sehr schön. Die CDs haben ein tolles Cover und das Bookelt ist zwar nicht umfangreich aber ausreichend. Man hätte allerdings auf die Plastikinnenseite verzichten können.


Ihr merkt schon: Ich komme aus dem Lobgesang und auch dem Staunen gar nicht mehr heraus. „Penelope und die zwölf Mägde“ ist als Hörbuch ein absolutes Highlight, das nicht nur für feministisch interessierte Personen spannend ist, sondern eben auch für jeden anderen, der einfach Spaß an Kultur hat. Ich bin wirklich begeistert und empfehle das Hörbuch bedingungslos: fünf Sterne!





16. Februar 2018

Rezension: "Der Klang der ungespielten Töne" von Konstantin Wecker


Titel: Der Klang der ungespielten Töne
Autor: Konstantin Wecker
Verlag: Güstersloher Verlagshaus
Preis: 16,99€
Seiten: 160


Wenn ich einen musischen Bereich nennen müsste, den ich wirklich beherrsche, dann ist es das Tanzen. Wenn ich einen musischen Bereich nennen müsste, den ich wirklich gern könnte und vergöttere, dann ist es das Klavierspielen. Das eine kann ich, das andere könnte ich gern – und beides liebe ich. Und weil ich das zweite nur durch Hören von Musik ausleben kann, freue ich mich immer, wenn ich Bücher mit dem Thema des Pianos entdecke. Deswegen wollte ich auch direkt die Neuauflage des Buches „Der Klang der ungespielten Töne“ von Konstantin Wecker lesen. Das Cover nahm mich sofort gefangen, aber vielmehr gefiel mir der Titel. Poetisch und charmant – das sind Attribute, die zu diesem Buch gehören! Allerdings sind Handlungsteile auch ungewöhnlich, verwirrend oder fremd. Aber authentisch – und nichts anderes habe ich erwartet.

Auf seiner Suche nach der Wahrheit der Musik droht der junge talentierte Musiker Anselm Cavaradossi sich selbst zu verlieren. Weder Blues noch Rock 'n' Roll noch die Begegnung mit dem geheimnisvollen Lehrer Karpoff vermögen seine Sehnsucht zu stillen. Enttäuscht gerät er in die Fänge des Musikbusiness: Partys, falsche Freunde und die Ehe mit einer Frau, die er nicht liebt. Erst die Cellistin Beatrice öffnet ihm die Augen …

„Der Klang der ungespielten Töne“ ist kein gewöhnliches Buch. Konstantin Wecker ist ein Künstler und das mit jeder Faser seines Körpers. Das lässt sich in seiner Handlung, seinem Stil, aber auch in der Wahl seines Protagonisten erkennen. Anselm ist ein komischer Kauz. Er ist eigensinnig, aber auch frisch. Er hat eine vollkommen andere Lebenseinstellung, als Gleichaltrige und das liegt auch an seiner Liebe zur Musik. Anselms Einstellung ist bemerkenswert, sie macht ihn aber auch einsam. In einer Textstelle wird sehr deutlich, wie wichtig ihm die Musik ist:
„Ich wollte für die Kunst leben, wenn’s sein musste auch sterben, mich von ihr berauschen lassen, in ihr blühen und verglühen – die Musik als philosophisches Konzept zur Gestaltung der Seele, das war mir nicht geheuer.“ (S. 44)
Oft geht es um Buch um die Frage des Seins, um Grundfragen des Lebens. Für Anselm ist das Leben kein leichtes. Er weiß, dass er es nur mit der Musik verbringen will, macht sich auch schnell einen Namen, hat aber nicht die Geduld, um zu reifen. Deswegen wird er schnell kommerziell und will nur möglichst schnell viel Geld machen. Der Plan geht auf. Doch dabei verliert er sich selbst. Und um diesen Prozess geht es die meiste Zeit des Buches. Das Verlieren und das Wiederentdecken. Dieser Prozess ist kein leichter und man kann dieses Buch auch nicht als Unterhaltungsroman bezeichnen, aber man hat dennoch Spaß mit Weckers Poetik. Ich habe mir viele Stellen im Buch markiert, denn immer wieder konnte den Autor mich mit seinen tiefgründigen Worten überzeugen:
„Die Wahrheit der Klänge öffnet sich nur dem, der seinem Selbst in der Stille begegnet ist. Am leichtesten zu verstehen ist das durch einen Vergleich mit der Sprache: Ebenso wie ein Wort im Laufe eines bewussten Lebens an Bedeutung gewinnt, erschließt sich der entwickelten Seele ein und derselbe Ton in einem reicheren Klang, mit der ganzen Fülle seiner und des Hörers Geschichte.“ (S. 47)
Weckers Stil ist nicht einfach, aber schön. Und vor allem ist intelligent und tiefsinnig. Wecker scheint über jeden Satz genau nachgedacht zu haben und die Worte abgewogen zu haben. Das war sehr schön zu beobachten. Ich muss aber auch sagen, dass man das Buch in ruhigen Momenten lesen sollte, denn ansonsten hat man zu wenig Konzentration. Um „Der Klang der ungespielten Töne“ richtig genießen zu können“ braucht es Ruhe.
Und Ruhe ist ein gutes Stichwort. Für Anselm geht es viel um Stille. Am Ende wird er beinahe wahnsinnig, indem er die Stille lebt. Das ist befremdlich, aber auch lesenswert. Auch hier ein kluges Zitat zur Stille und zum Schweigen:
„Es geht nicht ums Schweigen, lieber Freund, es geht um Stille. Das Schweigen hat nur insofern etwas mit der Stille zu tun, als man zuerst einmal zu schweigen hat, um in die Stille zu gelangen.“ (S. 74)
Es ist nicht einfach zu begreifen, was der Autor mit dem Buch sagen möchte, denn es steckt viel Geschichte darin. Aber ich glaube, dass jeder etwas aus dem Büchlein mitnehmen kann. Die Handlung ist nicht die spannendste, aber sie ist interessant. Es gibt Teile, die biografisch inspiriert sind und das merkt man auch. Insgesamt ist Anselm eine kuriose Persönlichkeit. Nebenfiguren gibt es wenige. Da wären lediglich Anselms Eltern, seine egozentrische Frau und sein Lehrer Karpoff. Letzterer war für mich der interessanteste. Man muss aber sagen, dass das Buch nicht von seiner Figurenkonstellation lebt, sondern vielmehr von seinem eigenen Klang, seinem Thema, seiner Liebe zur Sache selbst - zur Musik.
Außerdem gibt es für jeden kleine Wahrheiten in diesem Buch. Mein Lieblingszitat war auf jeden Fall das folgende:
„Dem geschulten Ohr fällt auf, wenn Menschen lügen. Wer lügt, verspannt sich, und seine Stimme gleicht dem Ansatz einer Melodie, die noch auf der Suche nach ihrer tonalen Zugehörigkeit ist. Ehrliche Melodien dagegen sind sich selbst genug. Welch ein grässliches Konzert menschlicher Unaufrichtigkeit bietet sich doch dem Horchsamen.“ (S. 20)

„Der Klang der ungespielten Töne“ ist ein interessantes, aber spezielles Buch. Es ist sehr poetisch und tiefsinnig und macht deswegen auf jeden Fall Freude zu lesen. Manchmal ist es aber auch merkwürdig und man muss sich an die Handlung gewöhnen, die für den ein oder anderen monoton daher kommt. Mich konnte das Buch, auch durch seinen tollen Stil und das interessante Thema, sehr beeindrucken. Ich habe noch einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf Musik bekommen und ziehe meinen Hut. Vier von fünf Spitzenschuhen.



28. Juni 2017

Rezension: "Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse" von Reiner Engelmann


Titel: Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben des Wilhelm Brasse
Autor: Reiner Engelmann
Verlag: cbj
Preis: 14,99€
Seiten: 192

„Arbeit macht frei“ – jeder der sich irgendwann einmal mit NS-Geschichte auseinander gesetzt hat, kennt diesen Satz. Er ist über dem Tor des Vernichtungslagers Auschwitz befestigt und verhöhnte in den vierziger Jahren so viele verlorene Menschen. Auschwitz – das wohl berühmteste Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Das berühmteste – das grausamste. Gewiss war jedes KZ grausam, menschenverachtend und schrecklich. Dennoch hat das KZ Auschwitz Birkenau die größten Ausmaße der Vernichtungsgeschichte.
Im kommenden Monat werde ich das KZ zum ersten Mal besuchen. Als Vorbereitung las ich das Buch „Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasse“ von Reiner Engelmann. Es geht um den Funktionshäftling Wilhelm Brasse, der durch seinen Beruf ein vergleichsweise weniger schreckliches Dasein fristete. Doch die Schreckenstaten von denen er berichten kann, die Menschen, die er kennenlernte – all das kann man nicht vergessen, erst recht nicht, wenn man sie alle fotografieren musste. Menschen, die wenige Tage später bereits tot waren…
Es ist wichtig, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten und jeder sollte das für sich selbst tun. Liest man „Der Fotograf von Auschwitz“ ist das ein Anfang. Denn das Buch schildert grausame Taten und Situationen. Grausam, aber unbedingt lesenswert, auch für Jugendliche!


Klappentext



Das erschütternde Dokument eines Zeitzeugen
Als Wilhelm Brasse (1917-2012) mit 22 Jahren in das Stammlager Auschwitz eingeliefert wird, ahnt er nicht, dass er als gelernter Fotograf zum Dokumentarist des Grauens wird. Seine Aufgabe ist es, die KZ-Insassen zu fotografieren. Menschen, die kurze Zeit später in den Gaskammern umgebracht werden. Menschen, die von Josef Mengele zu »medizinischen Forschungsarbeiten« missbraucht werden und denen die Todesangst ins Gesicht geschrieben steht. Hätte er die Arbeit verweigert, wäre das sein eigenes Todesurteil gewesen. Als Brasse 1945 alle Fotos verbrennen soll, widersetzt er sich, um Zeugnis zu geben von dem unfassbaren Grauen. Reiner Engelmann hat Wilhelm Brasse noch kennengelernt und schreibt sein Leben für Jugendliche auf. Ein erschütterndes Dokument – wider das Vergessen.

Meinung


Es ist schwer, eine Rezension zu solch einem Buch zu verfassen, da das Thema so grauenvoll ist. „Der Fotograf von Auschwitz“ ist rein äußerlich sehr schön gestaltet. Cbj hat das Buch hochwertig verlegt und Reiner Engelmann verwendet ein sehr simples Vokabular. Damit wird deutlich, dass das Buch auch für eine jüngere Leserschaft angedacht ist. Und das ist meiner Meinung nach gut so. Es gibt eine gewisse Altersgrenze, ab der man sich mit NS und Holocaust auseinandersetzen sollte. Ich vertrete nicht die Meinung, dass beispielsweise die Grundschule der richtige Ort dafür ist (, alles schon vorgekommen). Aber als Jugendlicher kann man zu der Geschichte von Wilhelm Brasse greifen und wird Vieles mitnehmen können. Das Buch beinhaltet sehr kurze Kapitel, die sich zumeist mit bestimmten Vorfällen und Themen beschäftigen. Dabei geht der Autor chronologisch vor, sodass man dem Verlauf des zweiten Weltkriegs in Ansätzen folgen kann. Engelmann schildert Brasses Sicht und Erlebnisse, seine Eindrücke und natürlich seine Meinung. Brasse ist ein sehr interessanter Charakter. Als Funktionshäftling ging es ihm vergleichsweise gut im Lager. Man benötigte ihn, damit er die Fotos aller Häftlinge anfertigen konnte. Es gab nur wenige Menschen, die in Auschwitz wirklich lebend benötigt wurden. Die meiste menschliche Ware war ja nachlieferbar. Den Nazis waren die Häftlinge oftmals tot lieber. Brasse kannte die meisten NS-Größen in Auschwitz, denn auch sie ließen sich fotografieren – für ihre Familien als Gruß. Das Buch schildert absolut großartig die Grausamkeit und Brutalität mancher Menschen. Es wird deutlich, wie viele NS-Größen tagsüber folterten, brutal vorgingen, ja mordeten – und abends mit ihrer Familie beim Abendbrot lachten. Es scheint paradox und war doch so normal. 
Das Buch ist nicht besonders lang, gerade einmal 192 Seiten, von denen die eigentlichen Schilderungen auf Seite 162 enden. Es folgt ein umfassendes Begriffs- und Personenglossar. Viele der NS-Begriffe werden erklärt, sodass jeder Leser weiß, worum es geht. Im Text sind diese Begriffe mit Sternchen gekennzeichnet. Die Kurzbiografien sind erschütternd. Liest man die Kurzabrisse der einzelnen Menschen, wird einem übel. Auch, da so viele überlebt haben. Es ist einfach unglaublich, zu was wir Menschen fähig sind. In Auschwitz gab es einige Sadisten – das ist mir nach dem Lesen klar. Und das sollte auch vor dem Lesen klar sein. Denn „Der Fotograf von Auschwitz“ ist kein Buch, das man eben mit in die Bahn nimmt oder zwischendurch liest. Man muss sich in Ruhe hinsetzen und alles andere ausblenden. Zwei Mal musste ich das Buch beim Lesen zuklappen, weil die geschilderten Methoden so grauenhaft waren und mir schlecht wurde. Mir fehlen die Worte, weitere Beschreibungen vorzunehmen. 
Das Buch beschäftigt sich mit dem Lageralltag aus der Perspektive eines Insassen. Es wird relativ neutral berichtet, manchmal mit Zitaten gearbeitet und auch besondere Vorkommnisse werden erzählt. Außerdem lassen sich einige Bilder im Buch finden, was beim Beruf von Brasse zu erwarten ist. Es ist ein komisches Gefühl, dass Brasse viele der Fotos selbst gemacht hat. Obwohl seine Funktion so unspektakulär wirkt, war es doch eine jahrelange grausame Folter. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es im Lager gewesen sein muss, doch einen Eindruck habe ich gewonnen. Und der ist noch grausamer, als man erwarten kann. Ich wage es nicht, etwas am Buch zu kritisieren, denn ich glaube nicht, dass ich das Recht dazu habe. Liest man „Der Fotograf von Auschwitz“, muss man sich der Adressatengruppe bewusst sein und keine hohen wissenschaftlichen Standards erwarten. Dadurch allerdings ist das Buch auch nicht trocken oder Ähnliches.  Man sollte sich die Zeit nehmen und diesen Gräueltaten und seinen Opfern gedenken. Ein Buch wie dieses zu lesen, ist dabei ein guter Anfang.

Fazit




Wilhelm Brasse war ein junger Fotograf, wurde zum Funktionshäftling und erlebte eine grauenhafte Zeit in Auschwitz. Ich kann mir nicht vorstellen, was es für ein Gefühl war, täglich hunderte Häftlinge zu fotografieren, von denen viele die nächsten Tage nicht überleben würden. Reiner Engelmann schildert Brasses Leben in relativ neutralem Ton, allerdings sehr eindrucksvoll und auch jugendgerecht. Ich vergebe volle 5 Spitzenschuhe und bin voller Traurigkeit über die Geschichte meines eigenen Landes. Aber genau deswegen ist es so wichtig, dass wir gedenken und versuchen aus der Vergangenheit zu lernen. Als Geschichtslehrerin ist mir der Gegenwartsbezug immer sehr wichtig. Also lasst uns verhindern, dass Menschen jemals wieder so grausam gegenüber Menschen sind. Jedes Leben ist wertvoll. 



10. Januar 2016

Rezension: "Mroskos Talente" von Ronald Reng


Titel: Mroskos Talente - Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts
Autor: Ronald Reng
Verlag: Piper
Preis: 20,00€
Seiten: 410

Pünktlich am Samstag um 15.30 Uhr, sitze ich zumeist wie viele andere vor dem Fernseher: die Bundesliga. Auch wenn Fußball wahrscheinlich vor allem die Herren der Schöpfung interessiert, haben viele von uns sicher auch ein solches Exemplar zu Hause und können sich diesem Sport einfach nicht entziehen. So auch bei mir. Aber was geht da eigentlich hinter den Kulissen alles ab? Was sind die typischen Abläufe in einem Profiverein und wer zieht alles die Fäden?
Dies sind Dinge, die man im Buch „Mroskos Talente – das unglaubliche Leben eines Bundesligascouts“ so nebenbei erfährt. Eine Geschichte, die sich einem  Menschen widmet, der sein eigenes Leben dem Fußball verschrieben hat und dieses Geschäft auf die harte Tour kennenlernt. Teilweise super interessant, teilweise aber auch mit ziehenden Längen.

Inhalt



Lars Mrosko ist ein Berliner Junge. Und das wird er auch immer sein. Nichts interessiert ihn so sehr, wie der Fußball und schnell ist klar, nachdem er selbst kein Profi werden kann – nur dieser Sport ist einen Beruf wert. Er liebt einfach alles daran – nicht nur den Profit. Wenn ein Junge mit dem Ball umgehen kann, will er ihn sehen und das nicht nur, wenn er für den FC Barcelona oder Manchester United kickt. Mrosko fühlt sich auf den Rasenplätzen der B- und A-Jugenden wohl und quasi durch Zufall darf er dort auch bleiben: als Scout. Der Fußball verändert sich zu Beginn der 2000er, Vereine wollen ihre Jugendarbeit ausbauen und dafür braucht man Talente. Diese Talente sichtet Mrosko und hofft sie bei den großen Vereinen für die er arbeitet unterzubringen.
Der Leser folgt einem interessanten, aber auch schwierigen Charakter auf seiner eigenen Reise durch den Profifußball. Aufs und Abs begleiten den ambitionierten Scout. Mrosko macht halt in Bayern, Hamburg und Wolfsburg. Jeder kennt jeden und jeder will den besten Spieler verpflichten. Eine brutale und dennoch so wunderbare Welt öffnet seine Türen für Lars…aber ist Fußball das Einzige im Leben?

Meinung



Ronald Reng schrieb bereits zuvor bekannte Bücher, in denen er den Lesern Einblick in das Profigeschäft des Fußballs gewährte. Und so ist es auch hier der Fall. Das Buch ist eine Mischung aus Biographie und Roman. Meiner Meinung nach ist der Schreibstil etwas schwer und manchmal wenig lebhaft. Teilweise ist es sehr anstrengend Lars zu begleiten, manchmal fliegen die Seiten aber auch so dahin. (So wie die Kilometer, die Lars auf der Autobahn für Sichtungen zurücklegt. Denn der Titel verspricht in einem Punkt nicht zu viel. Das Leben eines Bundesligascouts ist in mancher Hinsicht tatsächlich unglaublich.) Das ist meistens der Fall, wenn über berühmte Fußballer (Stand heute) berichtet wird. Die Welt der Profiligen scheint klein zu sein. Talente wie Özil, Adler, Zieler, Messi oder Boateng werden früh von Mrosko gesichtet. 
Dies ist für mich auch der interessanteste Teil am Buch. Wer sich ein wenig mit dem Sport um den schwarz-weißen Ball auskennt, kann sehr viel mit Ort, Zeit und Verein anfangen. Immer wenn Personen vorkommen, die man aus den Medien kennt, horcht man auf und liest interessiert weiter. Oftmals habe ich meinen Freund gefragt: „Kennst du den? ...“ Seine Antwort verriet mir dann manchmal den weiteren Verlauf der Passage. Folgte ein „Nein“, konnte ich sicher sein, dass ein Deal platzen würde, kam aber ein „Ja“ zur Antwort, las ich sehr bald die Entwicklung des Spielers oder Trainers.

Dem Buch liegt vor allem die Biographie von Lars Mrosko zugrunde (ist ja auch irgendwie logisch). Leben können spannend sein, aber es gibt auch immer weniger interessante Phasen und oftmals kein Happy-End. Wenn man überhaupt von einem Ende sprechen kann. Das Ende hat mich in diesem Fall schon enttäuscht. Mir kam es wenig strukturiert vor, wobei man dem Autor wohl kaum einen Vorwurf machen kann – er kann ja nichts für den Verlauf von Mroskos Leben…

Fazit


Ich fand es sehr interessant das Buch zu lesen und so viel über den Alltag der Bundesliga kennenzulernen. Als ich am vergangenen Samstag wieder einschaltete, muss ich zugeben, dass ich den Sport mit anderen Augen betrachtet habe. Ich habe versucht zu sehen, was Lars in ihm sieht: Taktik, Können, Leidenschaft und irgendwo auch Liebe. Ich werde Fußball wohl nie durch Mroskos Augen sehen, dennoch war der Einblick in sein Leben sehr interessant. Der Stil erschwerte mir das Vergnügen allerdings und die Längen des Buches waren ebenfalls ein Nachteil, manchmal empfand ich sie wirklich als Langweilig. Für die Männer unter uns, die sich aber ebenfalls dem Fußball verschrieben haben, bin ich sicher, ist dieses Buch eine interessante Lektüre. Ich hingegen vergebe drei Spitzenschuhe für „Mroskos Talente“ und wünsche Herrn Mrosko auf seinem weiteren Weg wirklich alles Gute!




30. Dezember 2015

Rezension (2014): "Diamanten Eddie" von Sabine Kray


Titel: Diamanten Eddie
Autor: Sabine Kray
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Preis: 24,90€
Seiten: 699

Ein junger und gut aussehender Mann sitzt in seinem sportlichen Flitzer und blickt vom Schwarzweißbild in die Ferne. So einfach erscheint das Foto auf dem Cover dieses wunderbaren Buches. Aber wer ist dieser Mann und was ist seine Geschichte?

Inhalt


Genau diese erzählt uns der Roman „Diamanten Eddie“. Er erzählt vom gesamten Leben dieses Mannes, mit allen Höhen und all seinen Tiefen. Hierbei handelt es sich um Edward Kray, Diamanten- und Pelzmanteldieb, Pole und Zwangsarbeiter, Vater und Verbrecher.

Meinung


„Diamanten Eddie“ ist ein unglaubliches Buch. Eines der Besten, die ich in letzter Zeit unter die Finger bekam! Sabine Kray schreibt hier die Geschichte ihres Großvaters nieder, den sie selbst nie kennen gelernt hat. Die Eltern verfielen immer in Schweigen, sobald es um Edward Kray ging und sie machte es sich zur Aufgabe herauszufinden, wer dieser Mensch war. Nach langen Recherchearbeiten kam dieses Buch dabei heraus.
Es fällt mir sehr schwer den Inhalt des Buches widerzugeben, denn die Handlung hat so viele Facetten. In diesen 700 Seiten ist das gesamte Leben eines Menschen verpackt, der sich nie unterkriegen ließ, nicht einmal vom Krieg. Der Leser verfolgt Eddies Leben in Kapitelwechseln. Eines ist immer in der „aktuellen“ Zeit verfasst, sprich 70er oder 80er Jahre. Und dann gibt es immer wieder die Rückblenden. Diese Kapitel spielen zwischen 1939 und 1955, bleiben aber immer chronologisch. Durch diesen Erzählsprung kommt es dem Leser oft vor, als wenn es sich hier um zwei verschiedene Personen handelt. Der junge 15-jährige Pole, dessen gesamte Familie bei einem Bombenangriff ums Leben kommt und der etwa 40-jährige Diamantendieb, der sein Leben auf seine ganz eigene Weise lebt.
In diesem Buch ist einfach alles drin. Trauer, Leid, Liebe, Glück. Freundschaft, Schmerz. Kurz: das Leben. Eddies Geschichte spielt sich auf den verschiedensten Schauplätzen ab. In Polen, im Arbeitslager in Deutschland, im Erziehungslager während des Zweiten Weltkrieges, in Juweliergeschäften, Kneipen, Bars, Kasinos, Fußballstadien und Städten wie Paris und Nizza. Der Leser macht eine ganze Menge mit diesem Mann durch, dessen Leben nicht unter dem günstigsten Stern stand. Diese Geschichte ist einfach nur bewegend und zusätzlich historisch richtig. Auch wenn Eddie möglicherweise nicht alles so durchmachen musste, wie es im Roman geschildert wird, kann Edward Kray als Stellvertreter für die Opfer des Zweiten Weltkrieges betrachtet werden.
Die Autorin hat einen berauschenden Schreibstil. Jedes Wort ist mit Bedacht gewählt und so schuf sie ein künstlerisches Werk. Je nachdem, wo sich unser Diamanten Eddie befindet, greift Sabine Kray auf Dialekte und Sprachvarietäten zurück und beschreibt sehr lebendig.

Fazit


Trotz meiner bis jetzt eher nichtssagenden Beschreibungen, muss ich dieses Buch jedem empfehlen, der sich auch an tragische Dinge herantraut. Eddies Leben hat seine Höhen und Tiefen. Auch wenn er kein Held ist, ist er unglaublich charakterstark! Die Menschen im Roman sind sehr authentisch. Es begegnen dem Leser viele Freunde, aber umso mehr Feinde. Es handelt sich bei diesem Buch keineswegs um leichte Lektüre, aber durchaus um ein Werk, dass meiner Meinung nach ausgezeichnet werden sollte.

Eine großartige und bewegende Geschichte. Ich kann nicht anders als 5 Spitzenschuhe zu vergeben. Mich hat dieses Buch sehr mitgenommen und ich danke der Autorin für dieses intime Stück Geschichte.