3. April 2018

Rezension: "Der kleine Prinz wird erwachsen" von Andreas Wassner


Titel: Der kleine Prinz wird erwachsen
Autor: Andreas Wassner
Verlag: Bucher
Preis: 14,00€
Seiten: 104 


„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ ist nur eine der Weisheiten, die man noch heute aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupery lernen kann. Dieses Werk ist einfach zeitlos, intelligent und lehrreich. Umso schwieriger muss der Versuch sein, ein eigenes Buch in Anlehnung an den „kleinen Prinzen“ zu schreiben. Und dennoch hat der Autor Andreas Wassner genau das getan – er hat den Prinzen in gewissem Maße weiter geschrieben, hat ihm einen neuen Mantel gegeben und ihn auf unsere aktuelle Zeit und Politik losgelassen. Was dabei herauskommt? Ein ebenso intelligentes, wie aufweckendes Buch voller Wahrheiten! Vielleicht nicht mit der gleichen Schönheit in jeder Zeile, wie bei Saint –Exupery, aber mit wahnsinnigem Feingefühl für unsere Zeit und einem sehr schönem Stil.

Hast du dich schon einmal gefragt, was aus dem kleinen Prinzen wurde, nachdem er seine Hülle in der Wüste zurückgelassen hatte? Viele Fragen blieben unbeantwortet. Vielleicht hat es sich ja so zugetragen: Einige Zeit, nachdem er die Erde verlassen hatte, kehrte er zurück, viele offenen Fragen beschäftigten ihn. Vor allem wollte er herausfinden, wie aus den tollen Kindern oft so seltsame große Leute werden können, die dann gar nichts mehr verstehen. Viele Jahre lang mischte er sich unter die Menschen und erlebte schöne, aber auch schreckliche Dinge, die ihn teilweise sehr verwirrten. Nun war er auf der Suche nach einem Freund, mit dem er seine Erlebnisse teilen und besprechen konnte. Diesen fand er auf einem kleinen Asteroiden ...

Ich bin wirklich ein großer Fan des Buches „Der kleine Prinz“. In den wenigen Seiten steckt so viel Witz und Wahrheit, dass man dieses Buch einfach gelesen haben muss! Als ich von Wassners Buch hörte, wurde ich hellhörig. Ich freute mich auf den Versuch der Fortsetzung, doch war ich auch ein wenig skeptisch. Kann man an diese große Literaturklasse überhaupt anknüpfen? Nach dem Lesen bin ich überaus froh, dass Andreas Wassner sich an dieses ebenso kleine und wunderschöne Büchlein herangetraut hat. Denn trotz großer Aufgabe, hat er diese bravourös gemeistert und herausgekommen ist ein ebenso tolles und bezauberndes Buch!
Das Szenario wird im Klappentext ganz gut erklärt und ist beinahe eine Neuauflage des Gesprächs zwischen dem Prinzen und dem Piloten aus dem Klassiker. Nur ist der Prinz inzwischen ein Teenager und der Pilot bereits eine verstorbene Seele, die sich nicht von der Welt trennen kann. Die alten Freunde unterhalten sich über die Welt – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der Prinz hat Fragen. Und die Antworten dürften so ziemlich jeden modernen Menschen interessieren. Denn dass vieles mit unserer Welt nicht ganz in Ordnung ist, ist uns Menschen bewusst. Beinahe karikiert Wassner schon das Weltgeschehen, sowie die Einstellung der Gesellschaft. Doch er stellt beides authentisch dar und immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich beim Lesen mit dem Kopf nickte und meine Zustimmung äußerte. Im Grunde geht es um das Erwachsenwerden. Es geht um die Frage, wie aus den wundervollen Kindern so komische große Leute werden können. Die Phrase der „großen Leute“ wird dabei konsequent durchgehalten, was mit sehr gut gefiel. Doch zum sprachlichen Teil komme ich etwas später.
Ich finde das Thema überaus interessant. Man darf sich „Der kleine Prinz wird erwachsen“ nicht als generelle Gesellschaftskritik vorstellen. Aber viele Probleme werden angerissen und ein paar Lösungen werden auch versucht zu skizzieren. Die Perspektive des Prinzen ist dabei sehr interessant, vereint er doch das Kindliche und das Naive mit der Rebellion des Teenagers. Viele der aufgeworfenen Fragen haben sich die meisten Menschen sicher schon einmal gestellt. In meinem Alltag begegnen mir tatsächlich viele davon, denn ich bin Lehrerin. So konnte mich eine Passage über Erziehung besonders für sich einnehmen:
„Und wenn die Eltern dem Kind keinen Raum zum Lernen und für Fehler lassen, sondern ihm stattdessen alle Arbeiten aus den Händen nehmen, unter dem Motto: Gib her, das kann ich besser und schneller, dann wird das Kind Angst vor dem Lernen neuer Fähigkeiten entwickeln und von vornherein denken, dass es das sowieso nicht kann.“ (S. 25)
Die Richtigkeit der Aussage mag jeder selbst beurteilen, aber in meinen Augen hat der Autor viel Wahrheit erkannt. In der Schule mache ich immer wieder die Erfahrung, dass die Schüler sagen: „Das kann ich nicht, das verstehe ich nicht“ – ohne es je versucht zu haben. Das ist traurig und vielleicht liegt ein Grund eben genau darin: Die Kinder entwickeln eine Angst gegenüber dem Lernen. Wer weiß. Übrigens bin ich Andreas Wassner auch sehr dankbar für eine andere Einschätzung, in der es nämlich um Lehrer geht. Der Prinz hält nicht sehr viel von unserer Spezies, vermasseln wir doch andauernd unsere Job. Doch auch hier trifft Wassner den Zeitgeist. Waren die Lehrer in der Antike wirklich so viel besser? Oder herrschte noch ein anderer Respekt vor dem Beruf? Ein anderes Ethos? Was das angeht, fühlte ich mich in diesem Buch unglaublich verstanden. Viele meiner Meinungen finden Einzug in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ und doch sind einige davon sicher auch nicht umsetzbar. Der Prinz denkt logisch und trotzdem bleiben viele Ideen utopisch. Es gibt aber auch viele Stellen im Buch, die einfach absolut wahr sind. Stellen, an denen Wassner uns die Schönheit des Lebens zeigt und die Bedeutung von Kleinigkeiten. Es sind diese Stellen, die gerade an den originalen Prinzen mehr als gekonnt anschließen. So erkennt der Prinz auch:
„Aber doch nicht alle großen Leute sind so, mein Freund“, meinte ich beschwichtigend. „Nein. Ein kleiner Teil hat verstanden, worauf es im Leben wirklich ankommt. Sie stellen sicher, dass sie genug zum Leben haben und wissen, dass nur drei Dinge es wert sind, gesammelt zu werden: Liebe, Freundschaften und Erfahrungen.“ (S. 63)
Das Buch regt zum Nachdenken an. Man kann es nicht unbedingt in eins weglesen, obwohl ich das versucht habe. Doch oft genug muss man es kurz beiseitelegen, um das Gelesene zu verarbeiten - um es zu genießen. Denn „Der kleine Prinz wird erwachsen“ lässt sich genießen. Und es bleibt in Erinnerung. Inzwischen habe ich von Stellen aus dem Buch tatsächlich in Gesprächen mit Freunden erzählt und wie einfach manches doch sein könnte. Aber wir Menschen sind nun einmal nicht einfach. Und trotzdem lernt man aus dem Buch nicht, wie kaputt unsere Welt und was alles verkehrt ist. Der Autor schafft es nämlich, dass das Positive zurückbleibt. Wie zum Beispiel die Liebe. Eines der schönsten Zitate ist sicher das Folgende und mir gefiel es auch am besten:
„Durch die Liebe verlagern sich die Sehnsüchte. Wenn dich früher die Freiheit in die Ferne zog, wirken nun vielleicht die Bande der Liebe in die entgegengesetzte Richtung. Du merkst, es ist Liebe, wenn deiner Freiheit Wurzeln wachsen.“ (S. 75)
Wie man an diesem Beispiel erkennen kann, ist Wassners Stil durchaus mal philosophisch und weise, wie es sich eben auch für den „kleinen Prinzen“ gehört. Trotzdem ist der Stil sehr einfach und simpel, da eher ein parataktischer Satzbau dominiert und das meiste in der Gesprächsform geschrieben ist. Es handelt sich keineswegs um ein Streitgespräch, aber es gibt den Wechsel zwischen ernstem und humorvollem Gespräch. Manchmal ist der Stil sehr klug, dadurch aber nicht ganz einfach zu lesen. Ich denke, es verhält sich ein wenig so, wie in einem Kinderfilm: Der Film ist für jedes Kind geeignet, doch sieht man ihn als Erwachsener, erkennt man noch ganz andere Nuancen, die einem als Kind niemals aufgefallen wären. Auch in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ steckt gerade auf den zweiten Blick sehr viel. Das Symbol der „großen Leute“ gefiel mir außerordentlich gut, da es so gut zur Geschichte und zum Thema passt. Es zieht sich durch das gesamte Buch und schließt am Ende sehr schön ab. Sprachlich ist das Buch wirklich schön gemacht!
Zu den Charakteren lässt sich gar nicht so viel sagen. Beide sind tiefschichtig und dennoch lernt man sie kaum kennen. Doch sowohl die Einstellung des Prinzen, als auch die des Piloten ist lesenswert. Wie auch im Original verhalten sich die Figuren intelligent, naiv, aber liebevoll. Und manchmal kann dem Prinzen die Welt doch noch erklärt werden. Es gibt im Buch übrigens auch Illustrationen, die wirklich sehr gelungen sind. Sie runden die Ausgabe wundervoll ab und so hat man wirklich etwas Hochwertiges in der Hand.

Jeder, der „Der kleine Prinz“ gern gelesen hat, sollte ruhig auch einen Blick in „Der kleine Prinz wird erwachsen“ werfen. Andreas Wassner hat eine sehr kluge Umsetzung einer weitergedachten und authentischen Geschichte geschrieben, die mir sehr gefallen hat! Sie ist schön geschrieben und beinhaltet, genau wie das Original, die ein oder andere Lebensweisheit, die doch eigentlich für jeden zu sehen sein müsste und die im Alltag eben doch leicht untergeht. „Der kleine Prinz wird erwachsen“ beinhaltet eine tolle Thematik, eine schöne Umsetzung und viel Lehrreiches. Auch wenn natürlich nichts an das Original herankommt, muss ich dieses Buch empfehlen. Es garantiert das Nachdenken über unsere Welt – mit all ihren Fehlern und Freuden. Ich vergebe fünf Spitzenschuhe für den erwachsenen Prinzen.



Kommentare:

  1. Hallo liebe Julia,
    ich bin gerade auf Deinen Blog gestoßen:)
    Deine Buchbesprechung gefällt mir unglaublich gut. Sehr ausführlich alles und Dein Punktesystem ziemlich cool:) Da bleibe ich direkt mal als Leserin hier.
    Schön, dass Dir dieses Buch gefallen hat:)
    Ich werde mir den Titel ebenfalls notieren.
    Vielleicht hast Du auch mal Lust auf meinem Blog vorbei zu schauen?
    http://www.printbalance.blogspot.de
    Gerade läuft auch noch ein Gewinnspiel:)
    Liebe Grüße und ein paar warme Sonnenstrahlen
    Andrea ♥

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    1. Liebe Andrea :)
      Schön, dass du hergefunden hast. Ich folge deinem Blog schon ein Weilchen :D Aber sowas geht ja manchmal unter ;)
      Ja, das Buch ist wirklich sehr schön und ich kann es dir nur empfehlen!
      Ich schaue später mal vorbei!
      Liebe Grüße,
      Julia

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