28. April 2016

Rezension: "Sophie auf den Dächern" von Katherine Rundell




Titel: Sophie auf den Dächern
Autor: Katherine Rundell
Verlag: Carlsen

Seiten: 256
Preis: 14,99€



„Sophie schaute hin und rang nach Atem. Unter ihr dehnte sich Paris bis zur Seine aus. Paris war dunkler als London: Es war eine Stadt, die durch Blinken und Flackern erhellt wurde. Und es war schön wie ein Fabergé-Ei, dachte sie. Diese Stadt glich einem Zauberteppich.“  (S. 145)
„Sophie auf den Dächern“ ist eine besondere Geschichte über ein besonderes Mädchen mit einem besonderen Wunsch. Eine Geschichte, die so stringent und außergewöhnlich erzählt wird, dass der Leser die Reise über die Dächer von Paris nur genießen kann. Katherine Rundell hat ein sehr spezielles und dadurch herausragendes Buch geschrieben, das von den Träumen eines kleinen Mädchens handelt, das einfach nicht aufgeben will: Große Leseempfehlung!

Inhalt


Sophie ist Waise. Bei einem Schiffsunglück fischte der verträumte Engländer Charles die Einjährige aus der Themse und zog sie seitdem als sein Mündel auf. Sophie lernte durch ihn das Leben mit ganz besonderen Augen zu sehen und niemals eine Möglichkeit außer Acht zu lassen. Und genau diesem Grundsatz folgt sie, als man sie mit 12 Jahren ihrem Vormund wegnehmen will. Sophie ist fest davon überzeugt, dass ihre Mutter noch am Leben ist, auch wenn jeder ihr erzählen will, dass das Unglück von keiner Frau überlebt wurde. Kurzerhand machen Charles und Sophie sich auf nach Frankreich, wohin ihr einziger Hinweis führt. Doch sie sind weiterhin auf der Flucht und so bleiben Sophie nicht viele Möglichkeiten um ihre Suche zu beginnen. Irgendwie fühlt sie sich zu den Dächern von Paris hingezogen und bald schon entdeckt sie, dass sie nicht das einzige Kind ist, das diese Dächer liebt. Gemeinsam mit dem Dachläufer Matteo beginnt Sophie ihre Suche nach ihrer Mutter. Doch wie findet man jemanden über die Dächer in solch einer großen Stadt?

Meinung


Die Geschichte beginnt sehr direkt. Es gibt keinen großen Einstieg und auch ansonsten wird keine Nebenhandlung von Katherine Rundell eröffnet. „Sophie auf den Dächern“ hat lediglich 251 Seiten und diese 251 Seiten werden mit der niedlichen Geschichte um Sophies Suche voll ausgenutzt. An dem Buch ist eigentlich alles speziell und außergewöhnlich. Für mich begann dies beim Schreibstil. Meiner Meinung nach ist er einfach nicht normal. Das heißt allerdings noch nicht viel. Er ist relativ distanziert, aber unglaublich authentisch. Der Schreibstil ist genauso abnormal wie eben auch die Charaktere des Buches und genau deswegen ist er so passend. Anfangs musste ich mich an den Stil gewöhnen, doch irgendwann begann ich die Worte und Formulierungen von Katherine Rundell zu genießen. Es fügt sich einfach alles so wunderbar in die Geschichte ein. Hinzu kommt, dass das Buch eine ordentliche Portion Humor intus hat. Das Geschehen trägt sich ungefähr Anfang des 20 Jahrhunderts zu, also zu einer Zeit, in der es noch nicht so normal war, dass ein alleinstehender Mann ein kleines Mädchen aufzieht.  Die Zuständige macht Charles im folgenden Dialog auch genau darauf aufmerksam:
„Aber es ist ein Kind! Und Sie sind ein Mann!“
„Sie haben eine wahrlich bemerkenswerte Beobachtungsgabe“, erwiderte Charles. „Ihr Optiker kann stolz auf Sie sein.“ (S. 11)
Ich musste schon so früh im Buch einfach herzlich lachen. Charles ist ein ganz besonderer Charakter. Er ist so liebenswürdig und freundlich, wie kaum ein anderer Protagonist. Eigentlich ist er ein Nichtsnutz, der seine Zeit am liebsten mit seinen Büchern verbringt, doch genau das macht ihn so sympathisch. Er hat keinerlei Ahnung davon, wie man aus einem Baby eine junge Dame macht, also versucht er es einfach. Sophie darf auf Wände schreiben und kann Shakespeare rezitieren, doch hat sie keine Ahnung von Kochen oder wo die Knöpfe bei einer Bluse sind. Sie trägt viel lieber Hosen und ist ein freiheitsliebendes Kind. Genau wie Charles. Beide sind sehr groß und fallen einfach aus. Bereits nach folgendem Zitat war Charles sofort meine Lieblingsfigur:
„In Sophies Augen war Charles ein Rätsel. […] Aber dort, wo bei anderen Menschen die Lunge saß, war in seinem Fall die Güte daheim und er war höflich bis in die Fingerspitzen. Wenn er gegen einen Laternenpfahl rannte, weil er wieder einmal im Gehen las, entschuldigte er sich und prüfte dann nach, ob der Laternenpfahl noch heil war.“ (S. 15)
Dieser liebenswerte und vertrottelte Mensch schlich sich sofort in mein Herz. Mit Sophie hatte ich ein paar Probleme mehr, allerdings bewundere ich sie sehr. Sie ist ein wenig komisch, aber eben einfach echt. Genau wie der Stil auch. Sophie gibt alles dafür ihre Mutter zu finden und Charles glaubt an sein Mädchen und dass sie alles erreichen kann, was sie nur will. Vielleicht sollten wir alle unsere Kinder etwas mehr erziehen, wie Charles seine kleine Sophie. Aus jeder Zeile des Buches spricht die Liebe. Auch die Liebe zur Freiheit, der Natur und der Musik. Sophie liebt das Cello, denn sie glaubt, dass ihre Mutter Cellistin war. Also lernt sie das Instrument zu beherrschen und es spielt im Verlaufe des Buches eine große Rolle. Eine große Rolle spielen auch die Dachläufer, von denen man anfangs nur Matteo kennenlernt. Sie führen ein Leben, das so unterschiedlich von unserem ist, dass der Leser schnell in Faszination gerät. Ab der Hälfte des Buches hat sich die Geschichte von London nach Paris und somit auf seine Dächer verlagert. Mir gefielen die Handlungsorte besonders gut und Katherine Rundell hat hier einfach eine glänzende und neue Idee umgesetzte. Sie erschafft eine ganz eigene Welt – die Dächer von Paris. Ich kann mir nach diesem Roman gut vorstellen, dass es die Dachläufer tatsächlich gibt oder gegeben hat. Eine interessante Vorstellung, der ich nachgehen sollte!



Das Highlight war für mich das Ende und seine letzten Szenen. Ich war kurz davor ein paar Tränchen zu verdrücken, denn das Bild, das hier gezeichnet wird, ist einfach unglaublich schön. Die Sprache, die benutz wird, ist so bildlich und lebendig, dass ich wirklich dachte, ich sei auch auf dem Dach und würde beobachten, was die Dachläufer und Charles beobachten.

Die Geschichte ist von einer gewissen Naivität geprägt, die einfach wunderbar ist. Es ist alles so leicht und merkwürdig und dadurch außergewöhnlich, besonders und traumhaft schön. Das Einzige, das ich kritisieren möchte, ist dass das Buch eben ein bisschen kurz ist. Aber warum auch mehr schreiben, wenn man sich so treu bleibt? Besonders schön ist nebenbei bemerkt auch noch das Cover und der Umschlag des Buches. Alles ist in Pink gehalten und die kleinen Vögelchen sind auch auf dem Hardcover zu sehen. Über jedem Kapitel ist des Weiteren ein laufendes Mädchen, das den Vögeln entgegenrennt. Zur Mitte des Buches befinden sich beide auf der gleichen Höhe und ganz am Ende ist das Mädchen am Ziel. Eine wunderbare Allegorie auf die Geschichte. Man folgt Sophie durch die Geschichte und wartet, bis sie das Ziel ihrer Suche erreicht.

Fazit




Mir hat die besondere Geschichte um Sophie und ihre Suche wirklich sehr gefallen und mich beeindruckt zurückgelassen. Der spezielle Stil und die besonderen Charaktere machen das Buch außergewöhnlich. Ich vergebe 5 von 5 möglichen Spitzenschuhen. Denn wie Sophie nun sagen würde: „Man soll keine Möglichkeit außer Acht lassen!“




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen