3. Mai 2018

Rezension: "Die Grimm Chroniken: Der schlafende Tod" von Maya Shepherd



Titel: Die Grimm-Chroniken: Der schlafende Tod
Autor: Maya Shepherd
Verlag: Sternensand Verlag
Preis: 8,95€
Seiten: 132


Mehrteilige Reihen sind für mich als Leser immer ein zweischneidiges Schwert. Natürlich überwiegen die Freude und das Gefühl, dass man länger Teil einer geliebten Welt sein darf. Aber diese Warterei… Viele warten ja einfach ab, bis eine Reihe vollständig erschienen ist, bevor sie diese starten. Aber wie sollte das bei den „Grimm-Chroniken“, aus der Feder von Maya Shepherd, möglich sein? Die Märchenreihe ist auf viele, kürzere Folgen konzipiert, dessen Anzahl bis heute noch nicht feststeht. Jede Folge der Grimm-Chroniken lässt sich in wenigen Stunden durchlesen. In dieser Zeit taucht man in eine neue Märchenwelt ein, die mit vielen innovativen Handlungselementen glänzt. Und man kommt nicht mehr von ihr los. Wie es sich bei einer guten Serie gehört, will man immer die nächste Folge sehen – oder hier, lesen. „Der schlafende Tod“ ist die dritte Folge rund um Will, Schneewittchen, Maggie, Mary und Dorian. Neue Handlungsfäden entstehen, neue Märchen werden eingebunden, neue Welten entdeckt. Und schwupps…ist es auch schon wieder vorbei. Die nächste Folge bitte!

Goldenes Sonnenlicht fiel durch die Scheiben direkt auf den Glassarg, in dem ein Mädchen schlief. Schwarzes glattes Haar lag ihr über die schmalen Schultern und reichte bis zu ihren Brüsten. Es glänzte seidig, als wäre es gerade erst gebürstet worden. Lange dunkle Wimpern umrahmten ihre geschlossenen Augen. Sie trug ein blütenreines weißes Kleid aus zarter Spitze. Wie sie dort lag, wirkte sie vollkommen friedlich, so als könne sie keiner Menschenseele etwas zuleide tun. 
Es herrschte eine andächtige Stille, die von Rumpelstein zerbrochen wurde. 
»Töte sie, Wilhelm«, forderte er mit kalter Härte. »Bohre ihr einen Pflock ins Herz. Nur so können wir sicher sein, dass sie wirklich tot ist.«


Bei langen Reihen wird eine Rezension mit der Zeit immer schwerer. Ein dritter Teil ist keinesfalls das Maximum, doch es fällt mir relativ schwer etwas zu „Der schlafende Tod“ zu sagen. Was könnte ich schreiben, dass ich über die „Grimm-Chroniken“ nicht schon gesagt habe? Ich werde nicht müde zu betonen, dass ich die Idee von Maya Shepherd einfach grandios finde. Eine Buchreihe, an eine Serie angelehnt, in der mit all den „Lügen“ der Gebrüder Grimm aufgeräumt wird. Alle Märchen in ein großes Ganzes zu verpacken ist eine tolle Idee, die ich sehr bewundere und die beim Lesen super viel Spaß macht! 
Durch die gegebene Kürze der Bücher, die immer um die 120 Seiten lang sind, dauert die Charakterentwicklung ein wenig. Doch die Figuren werden in der dritten Folge tiefschichtiger, man erfährt mehr über den tapferen Will, der noch so viele Geheimnisse lüften muss und auch über das schöne, schlafende Vampirmädchen, namens Schneewittchen. Schneewittchen tritt in „Der schlafende Tod“ als größerer Charakter zu Tage, was mir sehr gefiel. Man erfährt mehr über sie und über ihre gesamte Familie. Und trotzdem bleiben noch so viele unbeantwortete Fragen, die durch die zeitlichen Abstände entstehen. 
Das Buch wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die alle zu einer anderen Zeit stattfinden. Einer der größten Handlungsstränge ist die Gegenwart – hier 2012 – in der Will, Joe und Maggie die Mission bekommen, Schneewittchen aufzuhalten. Ich mag dieses Dreiergespann sehr, auch wenn es in dieser Folge keine allzu große Rolle spielt. Joe ist witzig, verbirgt aber noch einige Charakterzüge. Maggie ist ein herzliches und lebensfrohes Mädchen, die man gern zur Freundin hätte. Mit der vordergründigen Position von Schneewittchen tritt Maggie allerdings ein wenig in den Hintergrund. Denn Will muss in Schneewittchens Traum und dort ist er auf sich allein gestellt. Will ist ein Charakter mit viel Potenzial und ich bin auf sein „wahres Ich“ sehr gespannt, von dem immer wieder angedeutet wird, dass es wichtig für die Geschichte ist. Was verbirgt Wills Vergangenheit? Der Junge ist mutig und willensstark und ich bin auf seine Rolle sehr gespannt. Sie wird wichtig sein, so viel ist klar. Schneewittchen und Mary sind weiterhin schwer einschätzbare Charaktere. Schneewittchen lernt man in ihrem Traum kennen, der Anfang des 19. Jahrhunderts spielt. Und dann wäre da der wichtige Handlungsstrang im 16. Jahrhundert, der von der großen Protagonistin und Ich-Erzählerin Mary erzählt wird. Als Leser bekommt man mindestens drei Versionen der Königin geliefert. Das unschuldige, wunderschöne und verliebte Mädchen; die liebende Mutter; und die böse Königin. Was geschieht zwischen den einzelnen Stadien? Was passiert in all den Jahrhunderten, die unausgefüllt sind? Eins ist klar: Maya Shepherd muss noch eine ganze Menge erklären, doch dafür hat sie ja noch weitere Folgen Zeit.
Mit jedem Buch wird die Spannung größer, die Fragen zahlreicher, die Figuren herzerwärmender. Man möchte wissen, wie sich das Gesamtkonzept erschließen wird und was wohl alles in der Märchenwelt passiert ist. Welche Rolle wird Will spielen? Wer ist gut oder böse? Und ist das Böse wirklich eine Ansichtssache? 
Die Märchenelemente sind wieder sehr gut mit modernen Ideen gepaart. Derzeit sind noch nicht allzu viele Märchen eingearbeitet, „Die kleine Meerjungfrau“ und „Blaubart“ scheinen aber demnächst eine Rolle zu spielen. „Schneewittchen“ ist in „Der schlafende Tod“ noch sehr zentral, doch ich bin sicher, dass die Reihe bald erweitert wird. Und darauf freue ich mich.
Der Stil von der Autorin ist wieder sehr gut. Der Prolog zu Beginn gefiel mir sprachlich wirklich gar nicht, aber wie soll man all die Geschehnisse auch sinnvoll zusammenfassen, ohne 100 Seiten zu schreiben?! Danach wurde es sprachlich wieder toll, märchenhaft und spannend. Das Buch ist wie seine Vorgänger auch, sehr gut aufgemacht und mit liebevollen Details versehen. Das Cover gefällt mir bei dieser Folge tatsächlich nicht so gut, allerdings passt es trotzdem sehr gut zum Inhalt der Folge.


Viel Spannung, viel Rätselhaftes und tolle Figuren, die sich in verschiedenen Zeiten durch die Märchenwelt kämpfen: so bildet sich das reinste Lesevergüngen! Das gesamte Konzept der „Grimm-Chroniken“ ist und bleibt atemberaubend und ich will jetzt schon die nächsten 10 Folgen haben. „Der schlafende Tod“ macht da weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat und übertrifft diesen. Mir sind die Folgen einfach viel zu kurz, weshalb ich nur 4,5 Spitzenschuhe vergebe. Und ich hebe mir das Maximum für die nächsten Folgen auf – denn das wird kommen.



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