Titel: House of Night - Erwählt
Autor: P. C. Cast & Kristin Cast
Verlag: Fischer
Preis: 16,95€
Seiten: 448
Mit Neugier begann ich vor einer Weile die „House of Night“-Reihe.
Ich las die ersten beiden Bände und griff zuversichtlich zum dritten Teil, den
ich mir natürlich bereits besorgt hatte. Aber langsam dämmerte mir, dass all
die Stimmen, die in Richtung „Ich-habe-die-Reihe-abgebrochen“ nicht unbegründet
auftauchten. Einige Bekannte sagten mir „Und es wird immer noch schlimmer“ und
deuteten damit Zoes Nervigkeit und all ihre Männergeschichten an. Leider muss
ich sagen, hatten all diese Stimmen Recht. Mit jeder Seite war ich von der
Protagonistin mehr genervt, konnte nicht glauben, was die Geschichte für eine
Richtung einschlug und wie absurd doch alles war. An einer bestimmten Stelle
spielte ich mit dem Gedanken das Buch abzubrechen – aber ich breche einfach
keine Bücher ab. Selten hat mich ein Buch mehr aufgeregt als „Erwählt“ und
trotzdem sehe ich weiterhin das Potenzial in der Geschichte. Im Moment lautet
meine Parole: Durchhalten. Die Reihe wird sicher wieder besser. Der dritte Band
ist allerdings ein Tiefpunkt.
Dunkle Mächte sind im House of Night am Werk und Zoeys
Erlebnisse im Internat nehmen eine rätselhafte Wendung. Zoeys beste Freundin
Stevie Rae ist untot und versucht mit aller Macht, ihre Menschlichkeit nicht
vollends zu verlieren. Und Zoey hat keine Ahnung, wie sie ihr dabei helfen
kann, aber sie spürt, dass alles, was sie und Stevie Rae herausfinden vor den
anderen im House of Night geheim gehalten werden muss. Denn plötzlich scheint
es keinen mehr zu geben, dem sie wirklich vertrauen können. Als es kaum noch
schlimmer kommen kann, werden Leichen gefunden: ermordete Vampyre! Aber Zoey
findet heraus, dass nichts so ist wie es scheint…
Wenn ich zusammenfassen müsste, worum es in „Erwählt“ geht,
dann würde ich Zoey zitieren: „Ich glaube ich bin ein Flittchen.“ Denn das ist
eigentlich das Einzige, womit sich die Jungvampyrin auseinandersetzt. Sie ist
sich der Tatsache vollkommen bewusst, dass sie dreigleisig fährt. Oh ja, nicht
zweigleisig. Nein, dreigleisig. Sie hat drei Freunde, ach wie nett. Da wäre
einmal ihr offizieller: der Schulschwarm Eric, der total süß und lieb ist und sie
auf Händen trägt. Aber Zoey schafft es eben auch nicht mit ihrem menschlichen
Freund Heath Schluss zu machen, weil sein Blut ja so „geil“ ist. Und als wäre
das noch nicht genug, treibt sie es auf die Spitze und betrügt Eric noch mit
dem heißesten Kerl der Welt: ihrem Lehrer Loren Blake. Uuuh…Er ist ja so hot.
Und er ist ein Mann. Oh ja, mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an
diesen männlichen Mann denke, bei dem Zoey sich wie eine frauliche Frau fühlt...
WHAT?! IM ERNST JETZT?!
Begann die Reihe nicht noch sehr süß mit Internatsproblemen, Freunden, einer
kleinen Liebesgeschichte und dem Verdacht, dass etwas viel Größeres abgeht? Oh
ja, ich erinnere mich gut. Wann bitte haben die Autorinnen sich in diesem Mist
verloren? Ich konnte wirklich nicht mehr mitzählen, wie oft Zoey selbst denkt,
dass sie eine Schlampe ist. Und ja, jedes Mal sagte ich laut zu mir: „Sehe ich
genauso“. Und immer wenn man denkt, dass sie das jetzt auf die Reihe bekommt,
wird alles einfach noch viel schlimmer. Für den Leser ist Zoey eine reine Qual.
Ihre Männergeschichten sind für mich wirklich das Highlight der Schlechtigkeit,
aber auch im Allgemeinen ist Zoey einfach nur noch dämlich. Sie entwickelt sich
zu einer Antagonistin und ich habe ihr einfach ALLES gegönnt, was am Ende des
Buches geschieht. Ich weiß wirklich nicht, ob ich sie jemals wieder als Heldin
der Geschichte wahrnehmen kann. Denn das ist sie derzeit definitiv nicht. Am
allerschlimmsten war für mich übrigens ihre Entjungferung. Leider kann ich hier
kein Bild meiner angewiderten Miene zeigen, aber stellt sie euch einfach vor.
Es ist mir ein Rätsel, wie man Ideale und Werte in einem Jugendbuch so durch
den Dreck ziehen kann. Denn ich hatte das Gefühl, als wenn die Autorinnen es so
darstellen, als wäre es sogar okay, dass Zoey eben mehrere Kerle auf einmal
hat, die nichts voneinander wissen. Ich kann mein Entsetzen wirklich nicht
beschreiben. So etwas gehört nicht in ein Jugendbuch. Punkt.
Aber zum Glück erntet Zoey das, was sie säht und all ihre Freunde wenden sich
von ihr ab. Immerhin. Derzeit tendiere ich ja fast dazu, auf Neferets Seite
umzuschwingen, aber das würde heißen, dass ein Krieg gegen die Menschen okay
wäre. Ist es auch nicht. Also mal abwarten, zu welchem Team ich in Zukunft
halten werde.
Die ganze Neferet-Geschichte wird übrigens nur auf Sparflamme erzählt. Eigentlich
haben die beiden Kontrahentinnen kein Aufeinandertreffen in diesem Buch. Der
eigentliche Kampf wird also deutliche verschoben – logisch, wovon sollen die
anderen acht Bücher auch sonst handeln?!
Wenn ich es also auf den Punkt bringen darf: Die eigentliche Handlung der Reihe
ist in „Erwählt“ vollkommen egal und es wird lediglich die Zeit darauf
verwendet um darzustellen in was für eine falsche Richtung sich Zoey entwickelt.
Ich denke sogar, dass das tatsächlich die Absicht der Autorinnen war, aber
durch ihre drastischen Maßnahmen, muss man nach diesem Buch wirklich überlegen,
ob man die Reihe weiterlesen will. Wegen moralischer Verwerflichkeit kann man
das durchaus lassen.
Ich werde trotzdem weiter lesen. Das hat den simplen Grund, dass ich an irgendetwas
in der Geschichte noch glauben will. Ich kann einfach nicht fassen, dass die
Cast Familie ihre tolle Idee so verhunzt haben soll und glaube mal, dass es
wieder besser wird. Hoffentlich.
Trotz der furchtbaren Plotentwicklung las ich das Buch schnell und zwar
nebenbei. Der Stil ist gut und es passiert immer wieder etwas, worüber man den
Kopf schütteln muss. Langweilig ist das Buch keinesfalls, aber man muss sich ein
dickes Fell anschaffen und das Verhalten der Protagonistin reflektieren. Warum
ich das Buch dennoch schnell las, kann ich nicht sagen. Aber Zoeys Welt hat
weiterhin Potenzial – auch wenn dieser Band unnötig war. Abgesehen von der
Entwicklung um Stevie Rae. Aber das war’s.
Dazu noch ein paar Worte. Ich bin wirklich froh, dass Stevie Rae weiterhin
vorkommt, auch wenn mich ihre Geschichte irritiert. Sie war immer die coolste
Figur in den Büchern, obwohl ich auch Damien und Eric toll fand. Aber wer hätte
gedacht, dass in diesem Buch der sympathischste Charakter Aphrodite sein würde.
Nun ja, ich sag ja: Komische Entwicklungen.
Ich habe „Erwählt“ stark kritisiert. Wahrscheinlich
stärker als die meisten Bücher. Doch die moralischen Vorstellungen der
Protagonistin sind einfach nicht in Ordnung. Eine 18-Jährige sollte nicht
dreigleisig fahren und einen dieser Männer auch noch ihren Lehrer sein lassen.
Sie sollte ihre Freunde nicht hintergehen und so egoistisch handeln. Zoey ist
einfach nur grauenhaft und nicht mehr als Heldin einer Jugendbuchreihe
geeignet. Auch handlungstechnisch lässt dieses Buch zu wünschen übrig. Und
dennoch hat es spannende Passagen und einen guten Stil. Ich sehe weiterhin
Potenzial in der Geschichte, wünschte mir aber, dass die Autorinnen diesen Band
nie so geschrieben hätten. So vergebe ich grade noch 2,5 Spitzenschuhe.


















