1. November 2017

Rezension: "Farm der Tiere" von George Orwell


Titel: Farm der Tiere
Autor: George Orwell
Verlag: Diogenes
Preis: 9,00€
Seiten: 132


Es gibt Titel, die man in seinem Leben gelesen haben sollte. „Farm der Tiere“ war ein solcher für mich und so griff ich zu diesem revolutionären Klassiker.  George Orwell hat hiermit kein einfaches Buch geschrieben. Es kann anstrengend sein, es kann den Leser in gewisser Weise stören und es ist auch nicht ganz leicht lesbar. Doch behält man immer die zweite Dimension des Buches im Hinterkopf – die eigentliche Intention des Autors – wird das Buch grandios. Die Zweideutigkeit, die beinahe schon so deutlich ist, dass man von Eindeutigkeit sprechen muss, ist gelungen und es wird klar, was Orwell bezwecken wollte. Er führt vor, wie wunderbar leicht Manipulation sein kann und wie einfach doch ein Gesellschaftswandel von Statten gehen kann. Faszinierend und furchtbar zugleich: „Farm der Tiere“ führt das Thema Gewaltherrschaft/ Diktatur gelungen vor und regt zum Nachdenken an. Dass eine Parabel mit einem solchen Thema aber nicht unbedingt zum Amusement beiträgt, sollte dem Leser auch klar sein.
Revolution auf dem Bauernhof: Die Tiere haben die Menschen vertrieben und ihr Leben auf der Farm selbst organisiert. Zunächst scheint ein Leben ohne Unterdrückung und Gewalt möglich zu sein. Doch schon bald übernehmen die Schweine die Herrschaft. Während sie sich selbst immer größere Privilegien einräumen, beginnen sie, die anderen Tiere auf dem Hof zu tyrannisieren.
Viel kann man über dieses Buch in einer einfachen Rezension nicht sagen. Wenn man zu „Farm der Tiere“ greift, ist einem im Normalfall der revolutionäre Charakter bewusst. Das Buch erschien 1945, also zu einer sehr prekären Zeit. Die Geschichte handelt aber nicht etwa, wie man annehmen könnte, vom voranschreitenden Nationalsozialismus. Vielmehr ist sie eine Parabel auf die Verhältnisse nach der Februarrevolution 1917 in Russland. Damals wurde der Zar vom Volk dazu bewegt abzudanken und die Herrschaft wurde diesem übertragen – zumindest machte es den Anschein. Auf lange Sicht übernahmen weitere Tyrannen das Land und es endete mit der Herrschaft Stalins. George Orwell hat seiner Geschichte ein Nachwort angehängt, in dem er schildert, dass er einfach nicht begreifen kann, wieso sein geliebtes England die Russen unterstützt, obwohl man sich seiner politischen Haltung bewusst ist. Wahrscheinlich verlegte er auch deswegen die Handlung nach England, um zu verdeutlichen, wie einfach Strukturen aufgehoben werden können – ganz egal wo. Es war schwer für Orwell einen Verleger zu finden, da viele vor der Deutlichkeit der Geschichte zurückschreckten und man keinen Ärger mit Russland haben wollte. 
Ich bewundere Orwell für seine mutige Haltung und das freie Äußern seiner Meinung. Denn auch, wenn England nie diktatorisch beherrscht wurde, zeigt er die Feigheit seines Landes auf und hat keine Angst davor, diese auch genauso zu benennen. Doch natürlich kritisiert Orwell nicht in erster Linie England, sondern die russischen Strukturen. Und bevor ich weiter interpretiere, wie in einer Abiturprüfung, komme ich mal auf das eigentliche Buch zurück.
Die Geschichte ist nicht sehr lang und keineswegs kompliziert. Die Tiere einer Farm in England beginnen zu rebellieren, weil sie ungerecht behandelt werden. Gemeinsam schaffen sie es, ihren Herrscher, den Bauern, zu verscheuchen und selbst die Führung der Farm zu übernehmen. Anfangs handen die Tiere selbstbestimmt und frei und der Wohlstand vergrößert sich, auch wenn die Arbeit nicht leicht ist. Doch nach und nach und auch nur Schritt für Schritt, übernehmen allmählich die Schweine die Herrschaft. Die Grundsätze werden geändert, Feindbilder geschaffen und für bestimmte Tiere entstehen Privilegien. 
Es ist sehr interessant zu beobachten, wie vereinfacht die Prozesse der Gewaltherrschaft dargestellt werden. Doch ich würde sie keinesfalls als falsch bezeichnen, sondern so, dass jeder versteht, worum es geht. So begreift auch der Letzte, dass nicht alles mit Richtigkeit vollzogen wird. Man kann das Buch sicher gut in der Schule verwenden, um die einzelnen Schritte zur Gewaltherrschaft auseinander zu nehmen. „Farm der Tiere“ ist auf jeden Fall brutal, aber auch lehrreich. Allerdings würde ich es nicht als sehr spannendes Buch beschreiben. Es ist in seinen Strukturen so simpel, dass man nicht gebannt ist oder nicht wüsste, was als nächstes passiert. Und dennoch haben mich die Vorkommnisse schockiert. Denn gerade, wenn es um die Vernichtung der Gegner geht, wird es grausam – wie das System es fordert. 
Die Charaktere des Buches gefielen mir gut und jeder einzelne hat eine Funktion, die erfüllt wird. Beinahe habe ich geweint, als Boxer seinem Schicksal entgegen blicken muss und auch sonst kann das Buch durch seine Charaktere Emotionen hervorrufen. Das kann der Hass auf die Schweine Napoleon oder Schwanzwutz sein oder aber auch das Mitgefühl für den Eber Schneeball, der die größte Feindfigur ist. Seine Ähnlichkeit zu Trotzki ist übrigens nicht zu übersehen. Die Figuren haben so viel Charakter, wie nötig und so wenig, dass der eigentliche Inhalt erhalten bleibt. Denn auf dem Inhalt liegt der Fokus, nicht etwa auf den Figuren.
Das Ende gefiel mir sehr gut, auch wenn es natürlich relativ offen ist. Der Stil von Orwell ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr zähflüssig. Dennoch wird immer deutlich, was vor sich geht – es ist nur einfach nicht spannend geschildert. Das Buch besteht auch 10 Kapiteln und einem Nachwort. Das Nachwort gefiel mir gut und verdeutlicht die Umstände, unter denen das Buch entstand.


Ich bin froh, dass ich „Farm der Tiere“ gelesen habe. Das Buch ist sehr kurz und besticht mit seiner Inhaltsdichte. Es wird deutlich, was der Autor mit seiner kleinen Fabel eigentlich bezwecken wollte und meines Erachtens schafft er das mit Bravour. Die Gewaltherrschaftsstrukturen werden großartig herausgearbeitet und der Leser wird durch die ein oder andere Handlung sehr berührt. Alles in allem fand ich das Lesen des Buches durchaus anstrengend, aber lohnenswert und deswegen vergebe ich vier Spitzenschuhe.


Kommentare:

  1. Huhu Julia,
    schön, dass dir das Buch auch gut gefallen hat. Für mich war es ja ein richtiges Highlight!
    Liebe Grüße, Petra

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    1. Hallo Petra!
      Wie schön zu hören! Ich finde es ja immer super, wenn man sich mit Klassikern und auch gesellschaftskritischen Büchern auseinander setzt :) Dann schau ich gleich mal bei dir vorbei!
      Liebe Grüße,
      Julia

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  2. Ein Buch, welches ich unbedingt lesen muss, ich mag Bücher aus dieser Generation und diesem Thema wie eben auch 1984, Schöne neue Welt und Wir zum Beispiel.

    Bücher, die man gelesen haben sollte, die aber oft immer mehr in den Hintergrund geraten und leider oft nur den faden Beigeschmack von öder Schullektüre haben, dabei geben die Bücher einem so viel mehr!

    Liebste Grüße

    Vivka

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    1. Hey Vivka,
      ich bin sicher, das Buch wird dir gefallen! Gerade, wenn du Bücher aus dieser Generation magst! :) Die anderen, die du erwähnst, habe ich leider alle nicht gelesen. Sollte ich wohl, oder? ;)
      Ja, das finde ich auch! Immer dieser "Schullektüre-Stempel". Der macht wirklich viel kaputt :( Sehr schade!
      Liebste Grüße,
      Julia

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