17. Juli 2017

Rezension [Hörbuch]: "Sturz der Titanen" von Ken Follett


Titel: Sturz der Titanen
Autor: Ken Follett
Sprecher: Johannes Stecke
Verlag: Lübbe Audio
Preis: 13,49€
Seiten: 1041
Dauer: 930 Min.

Der Name „Ken Follett“ hat etwas Respekteinflößendes. Mit seinen Büchern verbindet man Epen, zentimeterdicke Jahrzehnt oder Jahrhundertdramen. Kurzum: verdammt gute und verdammt dicke Bücher. Ich habe mich bisher nie an etwas von Follett gewagt, meine Mutter wollte dies aber scheinbar ändern. Sie schenkte mir das Hörbuch zu „Sturz der Titanen“, dem ersten Teil der sogenannten Jahrhundert-Saga. Das Original hat 1041 Seiten, das Hörbuch 12 CDs. Gewaltig, wenn man mich fragt. Mit etwas Zeit wagte ich mich an die Geschichte und war sehr gespannt. „Sturz der Titanen“ ist ein authentisches, gut recherchiertes Buch über den ersten Weltkrieg und seine Folgen in einem sehr interessanten fiktiven Rahmen. Manchmal etwas schwer, manchmal etwas zu wollüstig – und trotzdem wirklich bemerkenswert.


Klappentext


1914. In Europa herrscht Frieden, doch die Weltmächte rüsten zum Krieg. Ein einziger Funke könnte dieses Pulverfass entzünden. Der Schatten des drohenden Konflikts fällt auf die Lebenswege mehrerer Familien aus verschiedenen Ländern, die sich über ein ganzes Jahrhundert immer wieder kreuzen werden.
- Ethel Williams, Kind einer Bergmannsfamilie aus Wales, ist Dienerin im Haus von Earl Fitzherbert. Als sie von ihm ein Kind erwartet, wird sie in Schande entlassen. Aber Ethel lässt sich nicht entmutigen und beginnt, während die Männer ins Feld ziehen, für die Rechte der Frauen zu kämpfen.
- Walter von Ulrich, Spross einer Adelsfamilie, sehnt sich nach einem demokratischen Deutschland. In London verliebt er sich in die emanzipierte Lady Maud. Am Tag vor der deutschen Kriegserklärung an Russland heiraten sie heimlich. Aber der Krieg reißt die Liebenden auseinander. 
- Grigori und Lew Peschkow wachsen in St. Petersburg als Waisen auf. Der rechtschaffene Grigori wird zum Revolutionär. Sein leichtfertiger Bruder gelangt in Amerika zu Reichtum. Doch dann muss Lew zur Armee, kehrt als Soldat in die Heimat zurück - und sieht sich seinem Bruder gegenüber.


Meinung


Ich bewundere Ken Follett. Nie im Leben könnte ich mir vorstellen, ein Buch wie „Sturz der Titanen“ zu schreiben. Geschweige denn zwei Fortsetzungen. Das Buch ist mit seiner Geschichte riesig, so will ich es ausdrücken. Alles ist in einem so großen Rahmen angesetzt, vollkommen unabhängig voneinander. Erst langsam werden die Verknüpfungen aufgebaut und alle Handlungsstränge in eine Richtung gezogen. Am Anfang ist es einfach nur schwer zu folgen und man fühlt sich mit jeder neuen Figur, die auftaucht, erschlagen. Es erfordert Konzentration, dem Verlauf zu folgen und zu begreifen, wer jetzt mit wem was am Laufen hat und in welchem Land man überhaupt grade ist. Follett meistert aber auch einfach Unschaffbares. Er siedelt den Roman in England, Deutschland, Russland und den USA an. Alle vier Länder haben natürlich eine große Bedeutung für den ersten Weltkrieg und gleichzeitig hat jedes Land mit all seinen Einwohnern seine ganz eigenen Probleme. Ich finde, dass gerade dieser Umstand unglaublich gut zur Geltung kommt. Meiner Meinung nach hat der Autor wirklich gut recherchiert. Denn er musste so viel bedenken. Es ist sicher nicht leicht, in diesem ganzen Kriegschaos noch den Überblick zu behalten und gleichzeitig authentisch historische Ereignisse, wie etwa die Russische Revolution einzuarbeiten. Genau das finde ich an „Sturz der Titanen“ unglaublich gut. Es ist mehr als clever, wie Follett all seine Geschichten zusammenlaufen lässt. Nachdem man endlich den Überblick über alle Charaktere gewonnen hat, fällt einem das Folgen der Geschichte nicht mehr schwer. Außerdem sorgen diese vielen Perspektiven für eine unglaubliche Abwechslung.
Meine persönliche Lieblingsgeschichte war die um Walter und Maud. Auf ihre Szenen habe ich immer wieder gehofft. Aber auch Will Williams, Ethels kleiner Bruder, war für mich ein Herzenscharakter. Insgesamt sind die Figuren so vielseitig und vollkommen verschieden. Es gibt die guten, die bösen, die unberechenbaren, die rechtschaffendes, die egoistischen und die kämpfenden. In einem riesigen Handlungskomplex lassen sich viele Untergeschichten finden, die Follett nie vernachlässigt und die die Geschichte letztendlich zu dem machen, was sie ist: bemerkenswert.
Für das Grundkonzept fällt mir nichts anderes als Lob ein. Das Thema ist sicher gewöhnungsbedürftig. Ich habe ein paar Mal gelesen, dass einige die Präsenz des Krieges kritisieren. Nun ja. In einem Roman, der im Rahmen des ersten Weltkrieges spielt, ist dies wohl kaum vermeidbar. Die Allgegenwärtigkeit des Krieges sehe ich sogar als überaus positiv an. Es verdeutlicht die Unsinnigkeit und das Leid, was ich heute als extrem wichtig empfinde. Außerdem macht Follett den gekonnten Versuch, geschichtlich zu lehren. Der erste Weltkrieg ist ein so komplexes historisches Thema, dem man sich in Romanform sicher gut annähern kann. Ich denke schon, dass ich am Rande etwas gelernt habe, auch wenn viele historische Fakten nur so nebenbei erwähnt werden. Follett macht Geschichte wieder real und führt so die Wichtigkeit dieser vor, was ich großartig finde. Schon allein deswegen sollte man sich mit diesem Buch oder auch der ganzen Reihe beschäftigen. Da ich gerade die Reihe anspreche: „Sturz der Titanen“ ist ein in sich abgeschlossenes Buch. Die Fortsetzung „Winter der Welt“ handelt von der nächsten Generation, die im ersten Teil bereits das Licht der Welt erblickt. Ich hätte es nicht erwartet, aber irgendwie reizt mich das zweite Buch schon. Auch, da es nun in den zweiten Weltkrieg geht. Dass „Sturz der Titanen“ abgeschlossen ist, finde ich gut. Allerdings endet es 1923, als Hitler gerade wegen seines Putschversuchs eingesperrt wird. Die Urteile der Figuren über das Geschehen sind in diesem Zusammenhang extrem interessant. 
Die Handlung kann allgemein als interessant betitelt werden. Natürlich spielt Politik eine große Rolle. Viele Szenen spielen außerdem auf dem Schlachtfeld. Überwiegend ist das aber nicht. Der Gesellschaftsschnitt wird jedenfalls sehr deutlich und gut dargestellt. 
Mir gefielen ein paar Kleinigkeiten allerdings auch nicht. Das ist zum Teil das Vokabular, was aber mit bestimmten Figuren einhergeht. Lew Peschkow ist wohl insgesamt die hassenswerteste Figur überhaupt. Naja, oder Fitz. Aber Lew verwendet ein sehr derbes und vulgäres Vokabular. Fast alle Männer haben ständige Sexfantasien und leben diese auch aus. Neben der Sprache, war dies der zweite Punkt, den ich nicht mochte. Andauernd schläft irgendwer mit irgendwem und das wird auch hübsch ausführlich geschildert. Wenn man das Buch hört, ist es noch schlimmer. Sexszenen zu lesen ist kaum so befremdlich, wie sie zu hören.
Insgesamt ist der Sprecher Johannes Steck ein angenehmer Leser. Das Buch ist relativ maskulin, weshalb seine Interpretation gut passt. Die Hintergrundmusik am Ende mancher Kapitel fand ich überflüssig. Der Sprecher liest flüssig und betont angemessen. Im Allgemeinen ist auch der Stil von Follet gut und geschmeidig und das Vokabularproblem ist eher eine Charaktereigenschaft mancher Figuren, dennoch gefiel sie mir nicht.


Fazit



„Sturz der Titanen“ ist ein überwältigendes Buch. Der Versuch, ein riesiges Stück Geschichte mit fiktiven Handlungspunkten zu vereinen und einen großen Roman daraus zu machen, ist mehr als gelungen. Zwar hatte ich mit kleinen Teilen Probleme, doch insgesamt ist das Buch das Lesen oder Hören wert. Die Geschichte ist vielseitig, interessant und lehrreich. Neugierig hat der Autor mich auf jeden Fall gemacht, so dass ich vielleicht sogar zu Band zwei greifen werde. Ich vergebe 4 von 5 Spitzenschuhen.



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