26. Januar 2016

Rezension: "Mörderische Unschuld" von Rikje Bettig


Titel: Mörderische Unschuld
Autor: Rikje Bettig
Verlag: Midnight
Preis: 4,99€ (kindle-Edition)
Seiten: 485


Für mich war „Mörderische Unschuld“ von Anfang an etwas ganz Besonderes. Nicht nur, dass die Autorin mir nicht unbekannt war, nein. Dieser unglaublich gut durchdacht und spannend erzählter Thriller spielt auch noch in meiner Heimatstadt, dem wunderschönen Bremen. Bei „Mörderische Unschuld“ handelt es sich um ein Buch, das nicht nur durch die Handlung und den Regionalcharakter besticht, sondern vielmehr durch die vielschichtigen Charaktere und ihre Erzählweise etwas ganz Besonderes wird. Absolute Empfehlung!

Inhalt


In Bremen ereignet sich ein brutaler Mord. Der Verdächtige ist in dem exzentrischen Barbesitzer und absolutem Macho Max Rosing schnell gefunden. Er ist ein brutaler Egomane, der eine Bettgeschichte mit dem Opfer hatte, von ihr zurückgewiesen wurde und ihr aus Rache die Kehle durchschnitt. Aber ist es so einfach, wie es den Anschein macht? Als Eilert Wend die Verteidigung von Rosing übernimmt horcht man erstmals auf. Ist er nicht eigentlich Wirtschaftsanwalt? Eilert holt schnell seine junge Kollegin Josi Berger mit ins Team, die danach strebt sich zu beweisen und außerdem ist Eilert tatsächlich nicht ganz neutral. Jo setzt alles daran Rosing schnellstmöglich aus der Untersuchungshaft zu bekommen. Doch weiß niemand genau, ob er da wirklich zu Unrecht sitzt. Als er auch noch persönliches Interesse  an Josi zeigt, wird die Lage brenzlig. Kann die junge Anwältin den Mord aufklären? Es entwickelt sich eine spannende Geschichte, in der nichts ist wie es scheint. Als sich dann auch noch ein weiterer Mord ereignet begreift Jo, dass sie in etwas viel Schlimmeres hineingerutscht ist, als gedacht.

Meinung


Mal wieder ein Buch, bei dem mir die Inhaltsangabe nicht leicht fällt. Bei Thrillern ist es häufig so, dass die Handlung so vielschichtig ist, dass man nur schwer erklären kann, worum es geht. Ebenso hier. Allerdings reicht mir auch oftmals der Klappentext nicht. Bei „Mörderische Unschuld“ steckt nämlich noch sehr viel mehr drin, als draufsteht.
Das Buch ist in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten geht es vor allem um die Verteidigung von Max Rosing. Der zweite beschäftigt sich mit den Morden und der privaten Vorliebe vom Mandanten zu seiner Anwältin. Es wird quasi persönlicher. Mit dem persönlicherem, kommt aber auch das Brutalere. Man kann sagen, dass sich die Handlung entwickelt. Jeder der beiden Teile hat seinen eigenen Höhepunkt und dennoch gehören sie untrennlich zusammen. 
Im ersten Teil ist die Verhandlung das absolute Highlight. Hier beschreibt die Autorin so authentisch und fesselnd, dass man denkt, man sei in einem Film. Die ausgiebige Recherche und Expertise kann man hier aus jeder Zeile lesen und man möchte einfach nur wissen, wie die Verhandlung ausgehen wird. Der zweite Teil läutet das Finale ein. Die Kapitel sind im gesamten Buch nicht sehr lang, was mir persönlich sehr gut gefällt. Kurz vor Ende des Buches werden sie immer kürzer. Dieser Tempowechsel trägt die Handlung voran und steigert die Spannung. 
Die Perspektiv in den Kapiteln wechselt häufig, so dass in jedem eine andere Figur im Mittelpunkt steht. Unter anderem werden übrigens die „Gedanken“ des Mörders wiedergegeben. Diese Stellen waren für mich die Interessantesten, auch wenn sie sehr philosophisch und ja - auch krank waren.
„Der Untergang der modernen Gesellschaft scheint unabwendbar zu sein. Ist also unsere Zivilisation lediglich eine Momentaufnahme? Das menschliche Bewusstsein nicht mehr als eine missglückte Laune der Natur? Wie können wir uns vor diesem Hintergrund anderen Lebewesen überlegen fühlen?
Denken die Menschen?
Sprechen sie?
Leiden sie?
Nur, wenn es um sie selbst geht.
Warum also sollte ich gerade sie lieben?“
(Kapitel 27)
Teilweise wird man den Gedanken nicht los, dass der Mörder – wer auch immer er ist – gar nicht so Unrecht hat. Jedenfalls steckt viel Wahres in seinen Gedanken. Wie man vielleicht schon an diesem Zitat merkt, hat der Mörder seinen ganz eigenen Erzählstil. Allerdings ist das ein Punkt, der auf alle Figuren ausgeweitet werden muss und der mir unglaublich gut gefiel. Der Schreibstil von Rikje Bettig ist sehr wandelbar und ausgereift. Jede Figur hat ihre eigenen Charakteristika, was sie unverwechselbar macht. So sind die Kapitel, die sich mit Max beschäftigen sehr derb, Fäkalsprache wird verwendet und der grobe Charakter scheint hier durch. Jo hingegen ist sehr wortgewandt, ebenso wie Eilert, dem man aber immer seine persönliche Unsicherheit anmerkt. Tessa, die beste Freundin des Opfers, ist ängstlich und ebenfalls verunsichert:
„Er würde es nicht finden. Aber dennoch. Sie spürte, wie die kalte Luft in ihre Lunge strömte“ […] „Tessa fühlte sich hilflos. Gestresst untersuchte sie die Verriegelung genauer. Es sah so aus, als ob…Hatte sie das Fenster nicht auf Kipp gestellt, als sie zur Uni gefahren war?“ (73%)
Die Figuren sind sehr verschieden und detailreich gestaltet. Problematisch war es für mich anfangs, dass es so viele von ihnen gibt. Sie alle tragen zur Handlung bei – keine Frage. Dennoch brauchte man einen Moment um einen Überblick zu bekommen. Jede Figur hat seine Geheimnisse. Ein Paradebeispiel ist hier die eiskalte Mutter von Max, Hanna Rosing. Aber auch die überhebliche Staatsanwähltin Bente Ambrosseling lässt den Leser nicht kalt. Auch wenn ich mich mit Jo, der eigentlichen Protagonistin, nicht identifizieren konnte, empfand ich ihre Entwicklung als sehr spannend. Ebenfalls das Auftauchen des Journalisten Martin Petersen verleiht der Story noch das gewisse Etwas, auch wenn ich von ihm ein bisschen mehr erwartet hätte.
Alles in allem ist der Schreibstil mit diesem schönen Fokus auf den Figuren für mich das Highlight. Aber auch der Tempoanzug zum Ende hin gefiel mir wirklich gut. Die Geschichte ist spannend, auch wenn sie nicht allzu brutal ist. Zum Ende hin kommt allerdings noch ein wichtiges Detail heraus, von dem ich mir mehr gewünscht hätte. Das Ende selbst passt zwar gut zum Buch, ließ mich aber mit einem kleinen Schmollmund zurück. 
Zum Schluss möchte ich noch kurz auf den Regionalbezug eingehen. Rikje Bettig scheint Bremen wirklich zu lieben. Es gibt so viele Orte, die erwähnt werden und wenn man sich zeitgleich in dieser Stadt aufhält, kommt man nicht drum herum an den Thriller zu denken. Ob man nun an die Schlachte, ins Viertel oder an die Uni geht – überall begegnet man dem Buch. Ich muss gestehen, dass ich so das Gefühl bekam, als wenn das Buch nur für mich allein geschrieben worden wäre. Ich kenne so gut wie jeden Ort im Buch und verbinde mit den meisten etwas. Die Schauplätze machen die Geschichte unglaublich real. Dass  dann auch noch ein Germansitik-Referat über den Roman „Erec“ von Hartmann von Aue erwähnt wird, setzte dem Ganzen die Krone auf – so eines musste ich auch schon einmal halten.

Fazit


Ich habe „Mörderische Unschuld“ sehr genossen und gerne gelesen. Es ist ein facettenreiches Buch, das alles hat, was ein guter Thriller braucht. Die Spannung wird konstant aufgebaut und endet in einem tollen Finale. Die Figurengestaltung ist wirklich die Kirsche auf dem Eisbecher. Ich vergebe wunderbare 4,5 Spitzenschuhe. Vielleicht gehe ich sogar zu hart ins Gericht, da mir das Buch sehr gut gefallen hat, aber ich hätte mir die ein oder andere Stelle einfach ein bisschen anders gewünscht. Dennoch: Lesen!



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